Der Wirt haftet nicht für Vogelschiss | BISS

Kategorie | 2021, Aktuelles, Archiv, Mai 2021

Der Wirt haftet nicht für Vogelschiss

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Im Hinterhof der

Frankfurter Kneipenkultur

 

Abschied von Wolfgang Wagner und seinen

3 Steubern

 

Wolfgang Wagner, der älteste Apfelweinwirt im süffigen Sachsenhausen, hat mit 89 Jahren den Tresen für immer verlassen. Seine Ebbelwoiwirtschaft Zu den 3 Steubern war das authentischste Lokal dieser sehr speziellen Spezies. Zu den Gästen gehörten nicht Touristen oder Flirtfuzzies, sondern Einheimische mit Durst aufs Wesentliche. Der selbstgekelterte Apfelwein war strikt gut, der Handkäs mit Musik einfach solide.  Das Glas mit den Soleiern mochte eher an die Gerichtsmedizin erinnern, gehörte aber unbedingt dazu. Die 3 Steuber haben für immer geschlossen, es wird nie wieder etwas wie sie geben.

 

So erinnern wir uns gerne

 

Jedes Apfelwein-Lokal hat seine ganz eigenen Gesetze. Natürlich fällt man überall unangenehm auf, wenn man Handkäs mit der Gabel ist. Und selbstverständlich ruft man nicht nach einem Kellner, sondern wartet, bis er am Tisch vorbeikommt, weil ein echt Frankfurter Apfelweinkellner ohnedies schon zur Stelle ist, bevor man ihn herbeizitiert. Bei den 3 Steubern in der Dreieichstraße 28 in Sachsenhausen fällt auf, wer in irgendeiner Form zu schnell geht, Bestellungen hektisch aufgibt, und erwartet, dass diese auch noch umgehend kommen. Sachte, heißt hier das Leben, das unsere französischen Nachbarn mit Laisser-faire bezeichnen, die Jamaikaner durch „cool runnings“ gleichsetzen, während unsere ostafrikanischen Freunde dafür ein schönes „pole, pole“ anzubieten haben. Also bitte, ganz langsam hereinschlendern, in aller Ruhe abwarten, bis die Speisekarte kommt, und dann bedächtig bestellen. Nur so ist man bei den 3 Steubern an der richtigen Adresse. Hektische Business-Luncher mögen sich ihren Herzinfarkt woanders besorgen, hier wird die Kontemplation eines Klosters gepflegt.

Die 3 Steuber sind eine der wenigen touristenfreien Zonen in Sachsenhausen und schotten sich vorsichtshalber am Wochenende durch Schließung ganz ab. Dieses Lokal liegt am Anfang (oder Ende, je nachdem, von welcher Seite man kommt) der umtriebigen Pfade. Es wirkt völlig unscheinbar wie eine Eckkneipe ohne Gesicht, und gibt sich auch keine Mühe, irgendwie interessant auszusehen. Die Schankstube ist eine Schankstube – und kein Stuhl mehr. Um die Theke herum stehen die, die sich gerne unterhalten und keine Scheu haben, wenn sich wer dazugesellt. Man ist hier weder freundlich, noch unfreundlich, sondern bewegt sich zunächst in einer neutralen Zone. Nach einigen Minuten kann es in die eine oder andere Richtung ausschlagen. Die Gesichter verraten mehr Neugierde als Misstrauen. Mal sehen, was da auf uns zukommt, verraten die, die schon dasitzen, bevor das Lokal überhaupt seine Pforten öffnet, während man selbst geglaubt hat, der erste zu sein.

 

Hinterhof mit Wäscheleinen-Romantik

 

Viele bleiben im Schankraum, weil sie sich dadurch der Theke und der Küche näher glauben. Im Hinterhof und seiner Wäscheleinen-Romantik sieht man sich einer okkulten Verschrobenheit ausgesetzt, und ruft in sich ungläubig-glücklich hinein: meine Güte, das es so was noch gibt!  Keine Heimatfolklore, kein Hauch Originalitätsputz. Eher Schrebergartenidylle mit einem Schuss Straußwirtschaft. Der Schoppen kommt, wie es sich gehört, sehr schnell, alles andere hat Zeit. Eilige bestellen am besten Wasserbrötchen mit Leberwurst. Auch der schön durchgezogene Handkäs mit Musik wird flink gebracht. Die warmen Speisen tun allerdings so, als würden sie erst noch aufwändig zubereitet. Wenn dann nach einer knappen Stunde das Presssäckchen mit Brot und Kraut kommt, darf man sich nicht wundern, dass dabei nicht mehr herausgekommen ist als eine warme Wurst, der es ein wenig an Pep fehlt.

Die atmosphärische Verwehtheit zwischen Bescheidenheit und einer nahezu unwirklichen Jenseitigkeit, verleiht den 3 Steubern einen Kultstatus, nach dem andere ringen, obwohl sie nie eine solch unwillkürliche Authentizität erreichen können. Der wie ein Kunstwerk von Beuys dramatisch in Schieflage hindrapierte Garderobenständer im himmelsoffenen Hinterhof ist reinste Lyrik. Und der Text daneben beste Prosa: „Für entwendete Garderobe, zerrissene Strümpfe, Vogelschiss und ähnliches Unbill, haftet der Wirt nicht.“

Ludwig Fienhold

Postsriptum: Die Beerdigung von Wolfgang Wagner findet am 8. Juni um 11.15 Uhr auf dem Frankfurter Südfriedhof statt.

Photocredit: Christian Schiller


 

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