Lokal in Flammen: Frankfurt trauert um das Blaue Wasser | BISS

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Lokal in Flammen: Frankfurt trauert um das Blaue Wasser

blaues wasser

Das kleine Paradies am Mainufer wurde zerstört

 

Als ob Corona nicht schon genug wirtschaftlichen, sozialen und kulturellen Schaden anrichtet, jetzt wurde auch noch eine der schönsten Locations im Rhein-Main-Gebiet durch einen nächtlichen Brand zerstört. Der Schaden soll sich auf 350.000 € belaufen. Laut Feuerwehr kann Brandstiftung ausgeschlossen werden, ist der Brandherd in der Küche auszumachen. Nun droht dem Blauen Wasser im Osthafen der Abriss.

Ein Grundstück, ein Lokal unmittelbar am Main ist äußerst selten. Das Blaue Wasser hatte einen Charme, wie man ihn eher in Südfrankreich vermuten würde. Diese verwegene Mischung aus Sinnlichkeit und Fröhlichkeitkennt man aus Filmen des letzten Jahrhunderts, aber weniger aus dem wirklichen Leben. Es gibt kein anderes Lokal in Frankfurt mit einem solchen flirrenden Flair. Dass es über Nacht ausgelöscht wurde, macht traurig – Blaues Wasser mit schwarzem Trauerrand.

Das Blaue Wasser war zuvor ein abseitiges Bordell, bevor es als Blaues Wasser zur absoluten In-Location wurde. Laster gab es in zweifacher Hinsicht, denn Radfahrer waren seinerzeit auf der Franziusstraße nicht unterwegs, sondern vor allem Lastwagen. An den F35 FKK Beach Club erinnerten nicht nur die Gogo-Stangen, das ganze Haus hatte einen Hauch von Verruchtheit, der den Besuch noch reizvoller machte.

Bei der Eröffnung im Jahr 2016 hatten die Betreiber noch ganz andere Pläne, das abenteuerlich wirkende Anwesen sollte zu einem Kulturzentrum mit Musikveranstaltungen werden. Für Hochzeiten, Firmenfeiern und andere Events wurde es schon recht schnell gerne gebucht. Man hätte an diesem zauberhaften Ort auch nur Würstchen und viel Wein und andere Alkoholika verkaufen können, doch man wollte die Gäste auch mit gutem Essen locken. Auf der Speisekarte standen bevorzugt Grillgerichte, wie sie zu einem solchen „Strandlokal“ bestens passen. Egal, was auf den Tisch kam, man spüre das Engagement, es gut machen zu wollen, was sich im Lauf der Jahre noch steigerte. Küchenchef war in der Anfangszeit Mario Schmehle, ein Mitarbeiter von Mario Lohninger und seinem unweit betrieben einzigartigen Silk & Micro im Cocoon Club.

Matthias Martinsohn war einst Geschäftsführer des Cocoon Clubs und führte das Blaue Wasser unter anderem mit Goran Petreski, dem auch das sehr erfolgreiche VaiVai gehört. In der Eröffnungsphase des Blauen Wassers hieß es, dass man die städtische Liegenschaft im Erbbaurecht übernehmen wolle. Wenn eine entsprechende Genehmigung vorläge, wolle man das Gebäude abreißen und eine Kultur- und Eventstätte bauen. Das Gebäude, das nun wahrhaftig abgerissen wird, stand all die Jahre unversehrt an Ort und Stelle. Die Betreiber wurden vielleicht vom großen Erfolg selbst überrascht, denn eine stark vom Wetter abhängige Open-Air-Location hätte auch in der Hochsaison ins Wasser fallen können.

Die Betreiber wollen das Lokal so schnell wie möglich wieder aufbauen und eröffnen. Vielleicht wird das Blaue Wasser wie Phoenix aus der Asche steigen. Doch eine solche Patina, ein derartiger Shabby-Chic ist nicht beliebig reproduzierbar. Ähnlich wie bei der abgebrannten Schwarzwaldstube in der Traube Tonbach.

Ludwig Fienhold

Photocredit: Barbara Fienhold

 

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