Das gibt Ärger: Aus der Weinstube im Römer wird das Café Einstein | BISS

Kategorie | 2024, Aktuelles, Juli 2024

Das gibt Ärger: Aus der Weinstube im Römer wird das Café Einstein

Römerberg

Blattschuss: Statt Weine der Stadt Frankfurt gibt es Jägermeister

 

Aus der Weinstube im Römer ist jetzt das Café Einstein geworden. Das wäre vielleicht nur eine Randnotiz wert, doch es ist auch ein Politikum damit verbunden, das Ärger und Streit heraufbeschwören dürfte. Der Römerberg ist immerhin nicht nur ein schöner Platz und Sitz des Rathauses, sondern die Visitenkarte der Stadt.

Die Gastronomie am Römerberg ist nicht bemerkenswert und erschreckt höchstens mit der einen oder anderen Touristenfalle. Ein Aushängeschild für die Stadt ist an keiner Stelle zu finden. Mit der Weinstube im Römer hätte man nun die Chance gehabt, dies zu ändern. Leider sieht es nicht danach aus. Die Weinstube war 45 Jahre lang ein sicher nicht spektakulärer, aber solider Platz für Rippchen mit Sauerkraut, Grillhaxe oder Handkäs. Außerdem gab es die Weine der Stadt Frankfurt, darunter die Riesling-Rarität vom eigenen winzigen Weinberg am Lohrberg. Das Lokal wurde 45 Jahre von der Familie Matheyka betrieben, erst den Eltern, ab 1992 von Michael Matheyka und seiner Frau Sonia. 2022 wurde ihr Pachtvertrag nicht mehr verlängert. Die Entscheidung traf den Wirt aus heiterem Himmel. Die Weinstube stand nun zwei Jahre leer, jetzt ist das Café Einstein dort eingezogen, das schräg gegenüber zu Hause war und zu einem Berliner Unternehmen gehört.

Jetzt schon ein Skandal: Bislang wurden in der Weinstube im Römer die Weine der Stadt Frankfurt ausgeschenkt. Die Pächter wurden sogar dazu verpflichtet. Die Winzerfamilie Rupp wurde bislang jedoch nicht nach Lieferungen gefragt, obwohl sie nur wenige Schritte entfernt ihre Verkaufsräume hat. Die Stadt hat wohl kein Interesse mehr, denn der Vertrag läuft Ende 2024 aus, künftig soll ein anderer Pächter gefunden werden, der die Weinberge ökologisch bewirtschaftet. Es zeugt aber von schlechtem Stil, die Winzerfamilie Rupp in den wahrscheinlich letzten Monaten ihrer Arbeit in Frankfurt derart bösartig zu ignorieren. Im Januar 2025 soll mit der Ausschreibung für einen neuen Pächter für das Weingut der Stadt Frankfurt begonnen werden. Wer die Stadt und ihr Tempo kennt, weiß wie lange so etwas dauern kann. Der neue Pächter, so hieß es vor einem Jahr in einem Interview der Frankfurter Neuen Presse mit der zuständigen Bildungs- und Baudezernentin Sylvia Weber, solle auch die Weinstube im Römer übernehmen. Wenn man sieht, wie viele Jahre bereits andere gastliche Stätten der Stadt wie der Ratskeller oder das Steinerne Haus leer stehen, kommen einem Zweifel. Das neue Café Einstein wird den Römerberg noch längere Zeit besetzt halten.

Aber auch sonst wirft die Neuverpachtung der Weinstube im Römer einige Fragen auf. Die Stadt hat immer und ewig betont, dass man an dieser prominenten Stelle eine Gastronomie mit lokaler und hessischer Ausrichtung haben wolle. Ein Café wie es jetzt hier gerade aufgemacht hat, passt da nicht ins Bild. In Jeder Hinsicht. Die rustikale Wirtstube mit über 150 alten Fachwerkbalken verschluckt sich an Pappbechern und Coffee zu to go. Der neue Pächter lässt an seinem alten Standort durch Zettel an der Fensterscheibe wissen: New Place Same Taste. Heidelbeertörtchen und Brownies statt Rippchen mit Kraut.

Der Römerberg ist übersät mit grauenhaften Werbesonnenschirmen, jetzt sind noch drei hinzugekommen, die für spanisches San Miguel Bier werben. Die großen Schirme verdecken die schöne Fassade und die romantischen Fenster des Hauses. Das Denkmalamt, das sonst oft unnötig bei Petitessen ausrastet, sieht wieder einmal nicht hin. Das historisch anmutende Schild und der schöne Schriftzug vor der Tür der Lokals werden hoffentlich nicht unter Pappschildern versteckt.

Die Augen schmerzen auch beim Anblick der gestückelten Terrasse. Außer den San Miguel Sonnenschirmen tummeln sich dort zusammengeklappte Bierbänke und Stühle, wie sie zuvor im alten Café Einstein standen, aber nicht zur altehrwürdigen Fassade des Hauses passen. Im ehemaligen Café Einstein, das in dem einzigen üblen Gebäude auf dem Römerberg untergebracht war, fielen sie nicht weiter unangenehm auf. So oder so erscheint das neue Café Einstein wie ein Fremdkörper und erregt jede Minute seines Daseins Ärger und Missmut. Dazu passen auch die überkandidelten Angebote und Preise: Flasche Wasser 8 €, Bier (0,7l) 7 €, Apfelwein (1l) 9 €, Jägermeister 5 €. Qualität und Originalität sucht man vergebens. Für die Vermietung des Lokals ist das Amt für Bau und Immobilien (früher Liegenschaftsamt) verantwortlich. Was immer dieses dazu verleitet solche Entscheidungen zu treffen, der gute Geschmack kann es nicht gewesen sein.

 

Ludwig Fienhold

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