Corona und kein Ende: Wo bleibt der Marsch der deutschen Köche & Gastronomen? | BISS

Corona und kein Ende: Wo bleibt der Marsch der deutschen Köche & Gastronomen?

Leere Stühle am Römerberg Frankfurt

Alarmruf  französischer Spitzenköche

 

Portugals Topköche treten in den Hungerstreik

 

Wieso melden sich immer die Falschen zu Wort? Das wird auch jetzt wieder in der Corona-Krise deutlich. Die deutschen Spitzenköche, die Vorbildfunktion haben und ihre Stimme erheben könnten, schweigen lieber. Auch sonst verhält sich die Gastronomie so ruhig, als gäbe es sie schon gar nicht mehr. Fürchtet sie, dass Kritik bestraft wird und dann gar keine finanzielle Unterstützung kommt, obwohl die Hilfen ohnehin gar nicht, zu spät oder unzureichend fließen? In Frankreich haben sich längst Spitzenköche und Topgastronomen zusammengeschlossen und einen offenen Brief an Präsident Macron verfasst (siehe unten). In Portugal treten prominente Köche jetzt sogar in den Hungerstreik, um gegen die Corona-Politik zu demonstrieren.

Das deutsche Fernsehen ist ein Meister der Luftblasen und lädt gerne jene ein, die aus der gleichen Seife gemacht sind. Also Tim Mälzer. Als Fernsehkoch steht er gut im Futter und bekommt nicht einen Hauch von den Existenzängsten zu spüren, welche die echten Köche draußen im Land haben. Dafür inszeniert er sich und seine Krokodilstränen beim Small Talker Lanz in einer Peinlichkeit, die so absurd erscheint, wie das ganze Corona-Szenario.

Der Politiker Karl Lauterbach aka Karlchen überall ist seit der Corona-Krise zum Gesundheitsapostel aufgestiegen. Dass ausgerechnet er, der seine eigene Hygiene nicht für beachtenswert hält (wobei wir uns gar nicht an seinen Zähnen festbeißen wollen) über Hygienemaßnahmen schwadroniert, ist ebenso bedenklich wie symptomatisch für die ganze Diskussion: Wieso melden sich immer die Falschen zu Wort. Es ist dieser Lauterbach, der die Restaurants als „Brandbeschleuniger“ der Corona-Pandemie diffamiert hat und damit eine ganze Branche in Verruf brachte, gegen besseren Wissens, denn es ist längst bewiesen, dass gerade die Restaurants zu den sichersten Plätzen des Landes gehören.

Wir vermissen auf allen Ebenen kluge Köpfe und sehen nur noch Abrissbirnen, die Trümmer hinterlassen. Wie hätten Rudolf Augstein (Der Spiegel), Henri Nannen (stern), Frank Schirrmachen und Marcel Reich-Ranicki (FAZ) auf die Corona-Politik reagiert, was hätten sie Merkel und ihrem Rasputin Drosten entgegnet? Jedenfalls weit mehr als die meisten Medien in diesen Tagen, die auf Hofschranzenniveau arbeiten.

Es fällt auf, wie viele Deutsche die Neue Züricher Zeitung lesen. Schon seit langem, aber jetzt noch mehr. Sie ist mitunter eine Stimme der Vernunft. Die NZZ konterte der deutschen Corona-Politik mit so viel Besonnenheit und Schärfe, wie man es sich auch hierzulande bei den Medien wünschen würde. Bissiger, aber nicht weniger fundiert, ist der Auftritt des grundsätzlich sehr lesenswerten Portals Die Achse des Guten von Dirk Maxeiner und Hendrik M. Broder. Dort kommen die Journalisten und Mediziner zu Wort, die sonst in den Medien keinen Platz bekommen. Mehr wichtige Artikel und Statements zum Thema Corona findet man nirgendwo. Leider auch nicht in der einst kritisch-aufmüpfigen und immer mehr staatstragend werdenden taz, die in einem Verherrlichungstext über Karl Lauterbach doch tatsächlich zu dem Schluss kommt, dass dieser „seinen Körper im Griff zu haben scheint“.

In Deutschland gab es zaghafte Proteste der Gastronomie, wie die immerhin kunstvolle Inszenierung der „Leeren Stühle“ (siehe oben im Bild auf dem Frankfurter Römerberg). Die Köche, vor allem jene, die durch ihre herausregende Stellung Gewicht haben, müssen sich aber viel schärfer zu Wort melden. Dass Zehntausende mit Kochlöffeln auf Töpfen und Pfannen schlagend vor den Berliner Reichstag ziehen, mag ein ebenso schönes wie unrealistisches Bild bleiben, sollte aber eine denkbare Möglichkeit aufzeigen. Es dürfen sich nicht immer die Falschen zu Wort melden, es wird höchste Zeit, dass sich die Richtigen Gehör verschaffen.

Ludwig Fienhold

 

Alarmruf französischer Spitzenköche

 

In Deutschland wird ständig die Solidarität gepredigt, aber nicht gelebt. Schon gar nicht in der Gastronomie. Dort scheint jeder sein eignes Süppchen zu kochen. In Frankreich ist das anders. In einem offenen Brief an Präsident Macron macht sie in einem „Alarmruf gegen die Ausgangssperre“ ihrem Unmut Luft. Unterschrieben haben 36 Köche und 36 Gastronomen aller Kategorien sowie die Arbeitgeberverbände der Branchen. Darunter etwa die Drei-Sterne-Chefs Alléno, Frechon, Gagnaire, Kobayashi oder Savoy sowie die Gastgeber Laurent Gardinier (Les Crayères in Reims und Taillevant in Paris), André Terrail (Tour d’argent in Paris) oder  Multigastronom Laurent de Gourcuff. Aus dem gemeinsamen Text: „Diese Ausgangssperre ist für die bereits von vielen Krisenmonaten zerstörte Gastronomie der letzte Schlag… Wir befürchten, dass wir uns niemals erholen können. Vor Ihrer Ankündigung hatten wir bereits Bedenken, dass 30% unserer Restaurants bis Ende des Jahres bankrottgehen würden. Nun wird es viel schlimmer werden.

Cafés, Bars, Bistros, Brasserien, Restaurants, Gourmetadressen sind Anziehungspunkte im Leben eines Stadtviertels. Sie sind ein Bollwerk gegen Isolation, Stätten der Geselligkeit und des Gemeinschaftsgefühls … Wie viele andere Teile der Kultur unseres Landes zählen wir zum Reichtum Frankreichs und Stolz der Franzosen. Nun ist unsere Lebensart, die so einzigartig und einmalig auf der Welt ist, in großer Gefahr… Wir haben kein Bargeld mehr. Wir sind in Papierkram ertrunken.“

Damit die französische Gastronomie noch eine Zukunft habe, so die Köche und Gastronomen, müsse eine Lösung gefunden werden, dass zumindest der erste Abendservice aufrechterhalten werden könne. Weiter heißt es in dem offenen Brief: „Wir bitten Sie, Gästen, die vor 21 Uhr kommen, das Abendessen zu ermöglichen. Wir würden garantieren, dass sie spätestens um 23 Uhr nach Hause zurückzukehren. Aber auch dann wird unsere Branche hart getroffen. Wir brauchen weitere Sofortmaßnahmen, beispielsweise ein Moratorium für unsere Pacht und die Annullierung von Arbeitgeberbeiträgen während der Corona-Einschränkungen.“


 

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