Die wunderbare Welt des Wirtshauses

Goldochsenbräu

So schmeckt Dorf

 

Spielbach würde beim Wettbewerb „Unser Dorf soll schöner werden“ nicht unbedingt als Favorit gelten, aber der Gasthof Goldochsenbräu ist weit mehr als eine Dorfschönheit. Stattlich in der Statur, deutlich im Charakter, blickt man hier in ein 400 Jahre altes Gesicht, auf dem viele Geschichten geschrieben stehen. Eine solche Gaststätte mit Gemüt gilt selbst im gemütvollen Hohenlohe als Rarität.

Greise und Jugend teilen sich die blanken Holztische wie in einer Großfamilie. Beflissenheit und Trägheit, Lebensfreude und Melancholie mögen anderswo als Widerspruch gelten, hier werden sie zum Genius loci, der alles auf wundersame Weise vereint. Dass, die den Gasthof seit Ewigkeit betreibende Wirtsfamilie auf den Namen Unbehauen hört, hätte man sich nicht besser ausdenken können. Der verstorbene Hausherr, so wissen alteingetrunkene Gäste, hielt während des Betriebs auf einem Sofa neben der Theke oft ein Schläfchen. Wer es wagte, in dieser Zeit nach einem Bier zu verlangen, wurde nicht mehr bedient oder gleich vor die Tür gesetzt. Das hausgebraute Bier ist aber auch gefährlich süffig und macht schon beim Trinken Lust aufs nächste Glas. Mancher Bauer aus der Nachbarschaft holt sich seine Bierladung gleich mit der Schubkarre ab, manche kommen nur auf ein Glas vorbei, die meisten aber sitzen lange, sehr sehr lange und bereiten dem Haus durch ungebremste Bestellungen Freude. Es herrscht ein Grundton, wie er nur in alten Gasthäusern zu Ohren kommt, dessen Fachwerk und Holzdielen das Stimmengewirr warm abdämpft. Es ist lebendig, aber nicht laut. Und wer nach dem fünften Schoppen über sich hinauswächst, stößt gleich an die niedrige Decke und wird wieder auf gemütliches Sitzmaß gestutzt. „Do hocke die, die immer do hocke“ steht am Stammtisch, der zwischen Theke und Kachelofen strategisch besonders günstig liegt. Auch bekannte Gastronomen, die unweit hochdekorierte Restaurants betreiben, sind gerne zu Gast.

Wo an anderer Stelle sieht man Dorfjugend, die Alten und die ganz Alten so friedlich gemeinsam an langen Tischen sitzen. Kaum sonst auf dem Lande, und schon gar nicht in der Stadt. Der Gasthof Goldochsenbräu ist eine Stätte von sozialer Kompetenz. Hier werden selbst die von der heilig-heimeligen Grundstimmung geschluckt, welche sich durch ihre absichtsvoll kahlen Köpfe und breitbeinige Stiefel martialisch geben.

Brigitte Unbehauen brutzelt unermüdlich in der Küche. Sie wird wegen ihrer mit Semmelknödelmasse gefüllten Tauben geliebt, die es jedoch nur an Feiertagen gibt. Ente und Schnitzel schmecken aber ebenfalls deftig gut. Bratkartoffeln, Sülze und Grünkernsuppe kommen von Herzen. Klar, was es danach gibt: einen Schnaps aus der eigenen Brennerei.

LF

Brauereigaststätte Goldochsenbräu, Spielbach, täglich ab 18 Uhr und Sonntag auch am Mittag geöffnet. Tel. 07939 461. Wer nicht reserviert hat, sollte gleich um 18 Uhr kommen.

 Siehe auch BISS-Artikel Stammtische sind wieder modern

 




Lorsbacher Thal: Das etwas andere Gasthaus

Darf Apfelwein so gut sein?

 

Das Lokal Lorsbacher Thal ist nicht der Nabel der Welt, aber das Zentrum des Frankfurter Amüsierreviers Alt-Sachsenhausen. Sein lebendiger Mittelpunkt, der das heimische Nationalgetränk Apfelwein jetzt auf Qualitätsniveau hebt. Mit einer Auswahl von mehr als 30 verschiedenen und handverlesenen Sorten – das angestrebte Ziel sind 100, die größte Apfelweinkarte der Welt. Frank Winkler und Johannes Döringer haben das Gasthaus übernommen und allein durch ihre ungewöhnlichen Apfelweinspezialitäten bereits neu in Position gesetzt. Winkler und Döringer sind keine typischen Apfelweinwirte, Winkler kommt aus der einstigen Betreiberfamilie des schönen und kulinarisch anspruchsvollen Schafhofs in Amorbach. Döringer ist seit Jahren Apfelwein-Aktivist und hat auch mal zwei Jahre bei Possmann gearbeitet, was ihm aber nicht geschadet hat.

Lorsbacher Thal An dem würdevoll ergrauten Wirtshaus und seinem urwaldigen Garten hat sich nichts geändert. Und das ist auch gut so. Speisen und weit mehr noch Apfelweine aber werden anders als zuvor präsentiert. Den guten Hausschoppen gibt es immer noch, er flitzt munter über die Zunge und wird die alteingetrunkenen Gäste weiter bei Laune halten. Für Liebhaber der neuen Apfelwein-Generation stehen indes viele weitere interessante Erzeugnisse von Arno Dirker, Andreas Schneider, Jörg Geiger, Gerhard Nöll, der Kelterei Rothenbücher und anderen bereit. Diese werden nicht im traditionellen Gerippten ausgeschenkt, sondern im Weinglas. Und weil man gerne verschiedene Apfelweine durchprobieren möchte, ist es vorteilhaft, dass sie auch in der Größe 0,1l zu haben sind und nicht nur im großen Glas oder als Flasche.

Jörg Geiger aus Schlat bei Göppingen verabreicht mit seiner Kombination aus Gewürzluike (Apfel mit Frische) und Oberösterreichischer Weinbirne (saftig-herbe Birne) einen sehr spannenden Obstwein, der nicht Äpfel mit Birnen vergleicht, sondern sie so zusammenbringt, dass daraus ein harmonisches Traumpaar wird. Während diese Cuvée vielen gefallen dürfte, erscheint „Der Echte“ vom Fass von der Kelterei Rothenbücher schon eher etwas für Fortgeschrittene – er ist sehr trocken und wurde Naturtrüb belassen. Geht wunderbar solo, passt aber auch gut zum Sülzchen von der Sauenrippe. Aus der Uckermark kommt die herb-frische Kaiser Wilhelm Renette mit Quitte vom Gutshof Kraatz, aus Poppendorf in der Steiermark die elegante und schon weinige Rubinette von der Kelterei Haas. Für Einsteiger eignet sich besonders gut der fein perlende und schlanke Apfelsecco von der Kelterei Nöll. Auch Jens Becker ist mit seinem Schoppen von der Streuobstwiese vertreten – ganz in der Nähe hat er gerade seine besuchenswerte eigene Apfelweinhandlung in der Brückenstraße 21 eröffnet, wo man über 40 verschiedene Sorten findet.

Johannes Döringer (l.) und Hendrick Docken

Johannes Döringer (l.) und Hendrik Docken

Im Lorsbacher Thal kann man ganz tief in das Thema Apfelwein eintauchen und wird viel Stoff finden, auch für Diskussionen. Darf Apfelwein so gut sein? Ja, er muss so gut sein. Und sich in seiner ganzen Vielfalt zeigen. Die sich auch beim Preis zeigt. Der Hausschoppen liegt mit 1,90 € im 0,3l-Glas im unteren Bereich, Andreas Schneider mit seinem Perlwein von der Roten Sternrenette mit 44 € für die Flasche an der Spitze.

Weil man nicht immer Lust auf Extragroß hat, gibt es neben den bekannten Deftigkeiten Sachsenhäuser Art im Lorsbacher Thal auch „Häppchen“. Ein Dutzend kleinerer Gerichte à la Bulette mit Kartoffelsalat und Kartoffelstampf mit gerösteten Steinpilzen. Lecker auch die kleinen Bratwürstchen und der Handkäs-Salat. Die Hessen-Miniaturen, die gar nicht einmal so klein ausfallen, kosten zwischen 2,20 und 4,80 € und sind eine gute Alternative zu den grundsätzlich großportionierten Gerichten des Hauses. Das neu konzipierte Lorsbacher Thal ist jedenfalls eine positive Belebung für das noch vielfach zu negativ gepolte Altstadtrevier und eine Bereicherung für die ganze Stadt.

LF

Hier klicken auf BISS-Artikel: Ist Deutschlands schönste Altstadt noch zu retten?

 

Hessische Apfelwein-Meisterschaft

 

Lorsbacher Thal Der Holz-Künstler Hendrik Docken aka Hendoc aus Oberursel macht nicht nur einen der besten Apfelweine des Landes, sondern ist auch Mitinitiator der Hessischen Apfelwein-Meisterschaft, an der ausschließlich kleine private Keltereien und keine professionellen Betriebe teilnehmen. Aus ganz Hessen.

Die Mikro-Keltereien reichen ihre Erzeugnisse ein, die dann in einer Blindverkostung bewertetet werden – in diesem Fall von den Besuchern des Lorsbacher Thals. Für einen winzigen Obolus von 8 € konnte alles probiert werden. 20 Glasballone standen an drei Tagen bereit, 250 Gäste füllten fleißig ihre Bewertungszettel aus – mit Noten von „schlecht“ bis „meisterlich. Die Apfelweine zeigten einen ziemlich interessanten Querschnitt von völlig abenteuerlich bis beachtlich gut. Manche Apfelweine schmeckten nach Nagellackentferner, andere frisch und herb, wie es sein soll. Sieger wurde Jörg Markloff aus Friedrichsdorf-Seulberg mit einem milden und gefälligen Tropfen (auf dem anonymen Bewertungszettel die Nr. 16).

Photocredit: Barbara Fienhold

 

 




Froschrotze statt Apfelwein

Frankfurt Alt-Sachsenhausen

Ist Deutschlands schönste

Altstadt noch zu retten?

 

 

Die Drinks heißen Froschrotze. Vor allem am Wochenende ballern sich die Männer um den Verstand. Alt-Sachsenhausen wird totgesoffen. Schreiendes Elend. Das Kopfsteinpflaster ist mit zerbrochenem Glas übersät. Ein Frankfurter Stadtteil geht zu Bruch.

Gleich drei Shisha-Bars nebeneinander benebeln mit süßlichem Kopfschmerzqualm. Dumpfe Dönerbuden, grölende Sportsbars, dröhnende Musikvideos aus offenen Fenstern. Tropical-Bars gaukeln Latinostimmung vor und zeigen doch nur grobe Einsamkeit in der Menge. Frau Rauscher am legendären Brunnen in der Klappergasse müsste Blut statt Wasser spucken. Unheil wabert aus den Gassen, man fühlt sich im Dotter des Leviathans.

Schöppchen gibt’s schon lange nicht mehr, es muss gleich 1 Meter Bier oder 1 Meter Vodka her. Überall schlagen Alk-Shots ein und hinterlassen Löcher im Kopf. Junggesellenabschiede, marodierende Fußballfans. Gruppenzwang. Dung für Neonazis. Wann kommen die pro-russischen Separatisten?

Plasterstein Apfel

Apfelwein-Denkmal darf mit Füßen getreten werden

Die Kleine Rittergasse nennt man in Alt-Sachsenhausen mitleidig Mallorca-Meile. Die Apfelweinkneipen, die einst Alt-Sachsenhausen bestimmten, sind eine aussterbende Spezies. Die Frankfurter selbst meiden das Viertel und überlassen es vor allem am Wochenende weitgehend dem Pöbel. Tagsüber ist das Amüsier-Revier nahezu menschenleer, nur einige Wirte sind damit beschäftigt die Schäden der vorangegangenen Nacht zu beseitigen. Drohende Verslumung. Aus leerstehenden Häusern glotz gähnende Langeweile, tonnenweise Müll in schmuddeligen Hinterhöfen, Schnapsleichen. Der Gruselkater schleicht umher. Einige der jahrhundertalten Häuschen in Alt-Sachsenhausen sind wohl nicht mehr zu retten. „Meist belehrt erst der Verlust über den Wert der Dinge“, meinte der Wahlfrankfurter Arthur Schopenhauer. 40 denkmalgeschützte Häuser gibt es noch. Alt-Sachsenhausen ist der tobende Kern von Sachsenhausen und besteht im Wesentlichen aus der Kleinen und Großen Rittergasse, Klappergasse und Paradiesgasse.

Alt-Sachsenhausen war einst das berühmteste historische Amüsierviertel Deutschlands, inzwischen ist es nur noch berüchtigt. Das soll anders werden. Da die Stadt Frankfurt nicht genügend zur Verbesserung beiträgt und auch keinen Plan zur Rettung dieses im Grunde einzigartigen Quartiers hat, ergreifen immer mehr mutige private Unternehmer die Initiative. Ideen-Investor, Unternehmer und Kunstförderer Steen Rothenberger ist einer von ihnen. In seinem großen Kopf haben viele große Ideen Platz. Mit seinem kunstsinnigen Hotel Lindenberg und dem optisch und kulinarisch kreativen Restaurant Seven Swans konnte er das bereits beweisen. Jetzt hat er ein multifunktionales Haus in der Kleinen Rittergasse eröffnet –  Der Kleine Ritter also known as Der kleine Mann mit dem Blitz. Atelier für Fotografie und Kunst. Galerie, Bar, Apfelweinwerkstatt, Pop-up-Lokal, On- and Off-Location für Veranstaltungen aller Art.

Bembel-Kunst im Kleinen Ritter

Bembel-Kunst im Kleinen Ritter

Früher stand dort das Irish Pub der Mac Gowans, ein großartiges lebendiges Musiklokal. Das alte Fachwerkhaus brannte ab, stand über zehn Jahre leer. Der Bau war nicht mehr zu retten und musste abgerissen werden. Steen Rothenberger erkannte die noch immer zu bemerkende Schönheit und Würde Alt-Sachsenhausens und auch das Potential. „Ich bin ja noch jung, in zehn Jahren sieht hier alles anders aus.“  Bei der Eröffnung seines neuen Atelier-Hauses zeigte er, wo es langgehen könnte. Die modern verpackten Apfelweine tragen das Etikett „Kleiner Mann mit Schwips“ und schmecken erfrischend gut. Sie stammen von der Kelterei mit dem kessen Namen Feinripp aus Lich-Eberstadt in der Wetterau. Auch der Cocktail namens Apfelblitz aus Cremant, Tee, Kardamom, Pfeffer ist famos. Leider mixt Diana Haider aus dem Parlour nur zu bestimmten Anlässen in der kleinen Kellerbar. Wäre schön, wenn außerdem Küchenchef Jan Hoffmann vom Seven Swans öfter zu erleben wäre. Bei der Eröffnungsfeier gab es Delikatessen wie die tolle Linsensuppe mit Blutwurstgeröstel und Pflaume, gebeizten Lachs mit Rettich und Salat-Sugo sowie Kartoffelsalat mit Espuma von Frankfurter Grüner Soße und Senfkaramell.

Neues Atelier-Haus Kleiner Ritter

Neues Atelier-Haus Kleiner Ritter

Wo sich einst im Irish Pub die Fachwerkbalken langzogen, wurden jetzt als Memento mori Ornamente eingefräst. Die Romantik ist verblichen. Architekten lieben in Beton gegossenes Ego, aber dieser Bau wirkt intelligent und strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Und doch erscheint er im architektonischen Kontext wie ein Wesen aus einer fremden Welt. Das klar strukturierte Innenleben hat coolen Charme und bietet Platz für Gedankenräume. Alt-Sachsenhausen modern. Mit dem musealen Umfeld und seiner Zerbrechlichkeit aber spannungsreich. Die seinerzeit dazugehörige Irish Lounge nebenan wurde nicht integriert und modert weiter vor sich hin. Der Kleine Ritter ist aber leider kein öffentlicher Raum, der täglich für alle zugänglich ist. Wie soll er dann das Viertel positiv beeinflussen? Hauptmieter ist der Fotograf Oliver Tamagnini, der etwa Guerillakochen oder Musikveranstaltungen als Rekonvaleszenz sieht. Ob das genügt? Mit dem Projekt werden sich die Ideen gewiss weiter entwickeln.

Ein Zeichen dürfte auch das von Steen Rothenberger geplante Hotel in der Großen Rittergase 88 Ecke Frankensteiner Straße in Alt-Sachsenhausen setzen. Am alten Klinkerbau wird noch gearbeitet, ein kleiner Neubau kommt nebenan dazu. Im April 2015 soll alles fertig sein, mit 30 Zimmern, Bar, Agentur, Shop und Salons. Ähnlich wie das Lindenberg, eine Mischung aus Hotel und Wohngemeinschaft. Wenn jetzt noch das eine oder andere gute Restaurant sowie Cafés, Bäcker und anderes mehr hinzukommen könnte, würde das die Nachteule Alt-Sachsenhausen auch am Tage beleben und kultivieren. So wäre das Quartier vielleicht noch wiederzubeleben und zu retten. Es könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Ludwig Fienhold

 

 

Photocredit: Barbara Fienhold

 

Wie man verwahrloste Quartiere vor dem Zerfall rettet, zeigt als Paradebeispiel das Künstler- und Kneipenviertel San Telmo in Buenos Aires. Ähnlich wie Alt-Sachsenhausen drohte dieser Stadtteil vollkommen zu verfallen. Die bunten Altbauten aus dem 19. Jahrhundert strahlen inzwischen eine Vitalität und Lebensfreude aus, wie sie jedes Herz hüpfen lassen. Längst gehen dort Einheimische und Touristen Hand in Hand durch ein lebendiges und fantasievoll inszeniertes Viertel. Straßenkünstler und Antiquitätenhändler finden Platz zwischen witzigen und aberwitzigen Cafés, Wein-Bars und Restaurants. Tangotänzer verbiegen sich selbstverliebt auf den Straßen vor begeisterungsfähigem Publikum.

Photocredit Ludwig Fienhold

 




Restaurant Jakobs geschlossen

Daniel Schönberger überrascht

 

Endlich hatte Daniel Schönberger nach vielen Wechseln mit dem Restaurant Jakobs in Dreieich-Buchschlag bei Frankfurt seine Heimat gefunden. Doch nach einem Jahr ist schon wieder Schluss, das Lokal wurde geschlossen, weil das federführende Unternehmen Catering Euro-Services aus Mörfelden-Walldorf überraschend keinen Restaurantbetrieb mehr haben wollte und den Pachtvertrag nicht mehr verlängerte. Dabei wäre das Lokal ein gutes Vorzeigeprojekt für die Firma gewesen. Was hier aus einer denkmalgeschützten Remise eines alten Forsthauses gemacht wurde, konnte sich sehen lassen. Auch der Garten war einladend, Küche und Service zeigten sich in Bestform. Man konnte mit der Bahn bis fast vor die Tür fahren, was auch deshalb angenehm war, weil die Weinkarte einiges an guten Tropfen zu bieten hatte. Daniel Schönberger, der unter anderem bei Döpfner´s im Maingau in Frankfurt und dem Höher Hof in Idstein, sein Können zeigte, blühte in Dreieich-Buchschlag richtig auf und lies eine schöne Country Cuisine mit vielen grünen Ideen und floralen Begleitungen auf den Tellern sprießen.

Maishähnchen

Maishähnchen

Zum saftigen Maishähnchen mit Fenchelsamenkruste, Austernpilzen und Kartoffel-Lauchpüree gab es einen tollen Gewürzspinat, der aus einem oft geächteten Gemüse etwas Genussvolles machte. Leckeres wie Heidelbeer-Mousse mit Eis aus Matcha-Tee sowie Aprikosen passten prima zur umgebenden Natur. Daniel Schönberger und sein Team sitzen jetzt aber nicht auf der Straße und bleiben bei Euro-Services angestellt. Doch da der Traum vom Restaurant wieder geplatzt ist, könnten wir schon bald etwas Neues von dem engagierten Küchenchef hören.

LF

 

 




Genusswolken

Der Markt im Hof

Frisches & Originelles

 

 

Wer am Samstag zu Hause isst, verpasst was. Denn man sollte schon mit gutem Appetit auf den Markt im Hof kommen, damit man die vielen Leckerbissen und Erzeugnisse auch gleich probieren kann. Es muss nicht alles an einem Tag sein, der Markt im Hof in der Wallstraße in Sachsenhausen wird jetzt zu einer festen Einrichtung und kann jedem Samstag von 10 bis 17 Uhr besucht werden.

Food Märkte sind in New York längst der große Hinrenner, so langsam kommt man auch in Frankfurt auf den Geschmack. Der Markt im Hof ist nicht nur ein Einkaufsmarkt, er bietet vor allem Delikates und Deftiges zum Verputzen an Ort und Stelle. An langen Holztischen, wie man das in Sachsenhausen gewohnt ist. Getafelt wird innen und außen, unter Sonnenschirmen, die notfalls auch als Regenschirme dienen. Initiiert wurde der Markt vom Apfelwein-Kontor, das seinen ständigen Sitz dort hat und nach einem Konzept zur Belebung der Wallstraße und des ganzen Reviers suchte – und damit auch fand. Der Markt im Hof bietet viel Hausgemachtes, Originelles und Individuelles. Und natürlich Regionales.

Alles Käse

Alles Käse

Essen

Sehr gute Käse werden freundlich und kompetent von Anke Heymach vom Rheingau Affineur präsentiert. Sie reifen im Gewölbekeller in Erbach im Rheingau in Nachbarschaft zum Weingut Jakob Jung. Der mit reifem Riesling behandelte Rheingauer Runde und der Äppelwoi-Käse sind das mindeste, was man probiert haben muss – viele lassen sich einen Teller mit verschiedenen Sorten zusammenstellen, dazu gibt es gleich gegenüber von Zeit für Brot die passende Begleitung. Anke Heymach ist übrigens die Tochter von Reiner Wechs, der die höchst besuchenswerte Käsescheune im hessischen Hungen betreibt.

Die prallen Mais-Hähnchen aus Freilandhaltung von RoBert´s aus der Wetterau kann man gleich vom Grill essen, wobei man dort auch genügend anderes zum Mitnehmen bekommen kann. Ausschließlich to go gibt es die bemerkenswerten Lamm-Spezialitäten von der Schäferei Schmid aus Münzenberg in der Wetterau.

Besucht haben muss man auch den Stand von Oliver Hess und seiner Rhein Main BBQ Society. Dort gibt es Pulled Pork vom geschmorten Nacken im Hamburgerbrötchen und Pastrami. Anders als in New York, aber beachtlich: Pastrami vom gesmokten Tafelspitz und eine Variante vom Lamm, die überraschend besser schmeckt.

Markt im Hof

Mobiler Obsthandel

Die Glücksrolle bringt Vietnamesisches, nebenan kann man bei Tepuy Fingerfood aus Venezuela probieren, das wirklich wie „Finger“food aussieht. Azalye serviert äthiopische Küche, etwa „Maultaschen“ mit Füllung von Linsen oder Erbsen. Die Genusswolke lässt auf solchen schweben, mit allerbesten und handwerklich hergestellten pikanten oder süßen Brotaufstrichen, Gelees, Marmeladen, Chutneys, Grillsaucen, Pestos und anderen Toppings aus regionalem Obst und Gemüse. Allein die fabelhaften Apfelwein-Gelees wird man nie wieder missen wollen. Beim Markt im Hof sieht man nahezu das gesamte Sortiment von Marina Caktas (45 Sorten), die ihre Erzeugnisse in ganz eigenem Stil entwirft und engagiert vertritt. Hin und wieder flitzt sie auch über den Hof und füttert die Gäste mit Kostehäppchen.

Getränke

Bier, Apfelwein und Limonaden von individueller Art. Madame Herrlich hat zwar einen Bart und heißt Jochen Beez, macht aber richtig gute selbstgemachte Limonaden und Cocktails. Die Biere von BrauStil, die in einer ehemaligen Tankstelle im Oeder Weg gezapft werden, machen rundum Freude (siehe Artikel Tankstelle wird Bierbrauerei). Das Apfelwein-Kontor nebenan bietet eigene und eher sanfte Apfelweine, die bestens für Einsteiger geeignet sind, aber auch Kerniges vom Kelterer-Altmeister Stier, wie den tollen Speierling. Vorneweg, dazwischen, hinterher: Der Cappuccino von Hoppenworth & Ploch gehört den allerbesten in der Stadt.

Markt im Hof Atmosphäre

Gar nicht schick und trubelig, sondern sehr persönlich und nett. Die Stände werden nicht von irgendwelchen externen Mitarbeitern, sondern durch die Besitzer selbst vertreten, was einen großen Unterschied ausmacht. Der Markt im Hof wird garantiert zu einem festen Treffpunkt für Genießer und Gesellige, die gerne Neues entdecken. Schon jetzt ein Parademarkt, wie er an vielen Stellen in der Stadt entstehen könnte – und auch wird.

LF

Markt im Hof, Frankfurt-Sachsenhausen, Wallstr. 11.

 

 

 

 

 

 

 

 




Stammtische sind wieder modern

Aber als Kommunikation

mit jedermann

 

„Do hocke die, die immer do hocke“ steht in Messing graviert auf dem Stammtisch im Goldochsenbräu in Spielbach im Hohenloher Land. Acht von 500 Bewohnern gebührt der Platz. Manchmal bewegen sich ihre Münder, meist aber klebt ein Bierglas zwischen den Lippen. Vom Stammtisch aus hat man das ganze Lokal im Blick. Das macht es leichter, von der Politik auf die Gäste umzuschwenken, deren Erscheinungsbild hin und wieder auch eines Kommentars würdig ist. So, wie der Stammtisch immer von den gleichen belegt ist, scheint das Wort Stammtisch grundsätzlich negativ besetzt. Er steht für politisch dumpfe Überzeugung und männlichen Tratsch- und Trachtensumpf. Vor allem aber ist er ein Synonym für die Abgrenzung einer Gruppe gegen alles Fremde. Wer am Stammtisch sitzt, will unter sich bleiben. Es geht aber auch genau umgekehrt. Die traditionelle Abwehrhaltung wollen die modernen Stammtische aufbrechen. Zwei neue Beispiele aus Frankfurt, die überall Schule machen könnten.

Hinter dem Irmi-Club im gerade eröffneten Casa di Tomilaia in Sachsenhausen verbirgt sich so etwas wie ein „offener Stammtisch“. An dieser großen Tafel kann jeder spontan Platz nehmen, Reservierungen dafür gibt es nicht. Patron Tom Bock will damit unterschiedliche Gäste zusammenbringen und für eine Gesprächsrunde sorgen, die sonst nicht zustande kommen würde. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Wie bei Tom Bocks Mutter Irmi. Es gibt ein tägliches wechselndes Gericht und ein Glas Wein vom hauseigenen Gut – für einen einmaligen „Club-Beitrag“ von 9 €. Der ideale Treffpunkt für Singles, die keinen Treffpunkt haben, aber neugierig sind, was daraus entstehen könnte.

Döpfners neuer Stamm-Tisch

Döpfners neuer Stamm-Tisch

Einen richtigen Stamm-Tisch hat sich jetzt auch eigens das Lokal Döpfner´s im Maingau handwerklich anfertigen lassen. Aus 100 Jahre altem regionalem Eichenholz und einem Fuß aus Eisen. Der prächtige Tisch soll aber nicht etwa Platzhirschen vorbehalten sein, sondern als lebendiges Stelldichein dienen. Jeder ist dort willkommen. Man kann sich einfach dazusetzen. Die Döpfners wollen damit die Geselligkeit fördern. Der fulminante Tisch bietet bequem zehn Gästen Platz. Mit dem Stamm-Tisch soll aber auch das traditionelle Handwerk gefördert werden. Schreinermeister Tom Büsching aus Sachsenhausen und die Brüder Leonhardt von der Firma Metallidee haben die Idee der Döpfners gehaltvoll umgesetzt.

 

 

 

 




Insolvenz: Lamoraga geschlossen

Das moderne

Tapas-Lokal

überstand kein Jahr

 

Das Lokal Lamoraga wurde nicht einmal ein Jahr alt: Jetzt hat es bereits geschlossen. Die Look & Taste Frankfurt Betriebs GmbH hat Insolvenz angemeldet, die vorläufige Verwaltung des Vermögens regelt seit Anfang August der Frankfurter Rechtsanwalt Frank Schmitt. Madjid Djamegari, der das moderne Tapas-Lokal nach spanischem Muster (das Original ist in Marbella zu finden)  in Frankfurt und anderen Städten aufziehen wollte, betrieb das Lokal mit zwei Geschäftspartnern. Er führt unter anderem den Musik-Club Gibson und leitete einst das King Kamehameha in Frankfurt.  So erfolgreich er als Clubmacher ist, mit der Gastronomie hatte er weniger Glück. Die Lage nahe der Goethestraße ist zwar nicht optimal, aber immer noch zentral. Die Küchenleistungen im Lamoraga schwankten etwas, was aber bei vielen Lokalen der Fall ist. Weit schwerer wog offenbar die nicht ganz nachvollziehbare Preispolitik. Für ein Tapas-Lokal waren die Gerichte zu teuer und nicht Tapas-gemäß genug. Madjid Djamegari ist bislang zu keiner Stellungnahme zu erreichen, weitere Neuigkeiten folgen.

An gleicher Stelle ging übrigens vor zwei Jahren schon der Vorgänger von Lamoraga, das GinYuu zügig Pleite.

LF




Neueröffnung: A Casa di Tomilaia

Voll Bock auf Italienisch

 

Der Film Der Pate lief in drei Teilen. Bei der gastronomischen Italien-Trilogie aus Biancalani, A Casa di Tomilaia und Demarchi Bar gibt es jetzt gleich zwei neue Folgen, wobei das Finale noch aussteht. Umbau und Neustrukturierung der drei benachbarten Lokale brachten einen Wechsel: Aus dem größeren Biancalani wurde nun A Casa di Tomilaia, das einstige A Casa di Tomilaia wird Anfang September als das neue Biancalani eröffnen. Bei A Casa di Tomilaia gibt es Volksspeisung mit verfeinerten italienischen Klassikern auf hohem Niveau, im Biancalani dann kreative italienische Küche für Anspruchsvolle. Die umgestaltete Demarchi Bar mitsamt Lounge, die beide Restaurants verbindet, wurde ebenfalls bereits eröffnet.

A Casa Di Tomilaia

A Casa Di Tomilaia

Patron Tom Bock, der zwischen Frankfurt und Florenz wechselt und in der Toskana ein Weingut und eine Olivenplantage führt, hat sich mit dem sechs Monate lang währenden Remake Zeit gelassen. Dahinter steckt jedoch noch etwas mehr als nur die Lust an Neuem, dahinter verbirgt sich eine Strategie. Die Küche, selbstredend auch technisch erheblich aufgerüstet, soll effizienter und letztlich noch besser arbeiten können. Im neuen Biancalani hat sie nun weniger Tische zu bedienen und kann hochwertiger und konzentrierter vorgehen. Mit Christoph Kubenz als Küchenchef führt dort jemand Regie, der schon im Restaurant SchauMahl in Offenbach auf Sterneniveau arbeitete und jetzt keineswegs nachlässt. Im September wird sich das gewiss noch stärker erleben lassen. Jetzt schon genießen darf man die Küche in der Casa di Tomilaia, für die Kubenz als Executive Chef auch verantwortlich ist. Zur Seite stehen ihm die beiden Souschefs Andreas Busse (zuvor Tigerpalast Frankfurt) und Niclas Horn (zuvor Max on One im Jumeirah Frankfurt).

Küchenchef Chistoph Kubenz

Küchenchef Christoph Kubenz

Die Küche im Restaurant A Casa di Tomilaia ist nun komplett verglast und als Showbühne zu betrachten. Von den ersten Tischen aus, könnte man den Köchen beim Rühren helfen. Diese schicken viele gute Gerichte über den Pass aus weißem Carrara-Marmor. Pasta gehört nach wie vor zum Repertoire und erstklassige Schinken und Salami frisch aufgeschnitten sowieso. Bei Pasta ist Pici mit Rinderragout ein besonders schöner Hausklassiker geworden, ebenso das wunderbare Wildschweinragout mit prallen Pappardelle. Das Qualitätsdenken zieht sich durch die ganze Speisekarte. Carpaccio mag überall zu haben sein, hier bekommt man es jedoch perfekt zubereitet: Handgeklopftes zartes Roastbeef, korrekt temperiert und nicht wie so oft kalt aufgeschnitten, abgestimmt mit Parmesan und dem ausgezeichneten hauseigenen Olivenöl. Auch Vitello Tonnato, Kalbstafelspitz mit feiner Tunfischcreme und Kapern, schmeckt in der Casa di Tomilaia einfach besser. Beim bedächtig gegarten und zarten Tintenfisch setzt die Küche nur ein wenig Knoblauch und Paprika zur Abrundung ein. Eine Empfehlung außerdem Insalata di Mare mit Pulpo, Calamaretti, Kammmuscheln, Fenchel, Staudensellerie und Tomaten.

Pasta geht immer

Pasta geht immer

Sehr gut gefiel uns auch das Cotoletta Milanese, paniertes Kalbskotelett, das man bei Bedarf mit etwas Zitronensaft abschmecken kann. Es geht aber noch raffinierter, mit geschmortem Wildschwein, das mit Zimt, Wacholder und Nelken zubereitet wird. Oder mit dem Lieblingsfisch der Spitzenköche, Black Cod, der mariniert und im Ofen gebacken wird. Die Beilagen kann man sich nach Gusto dazu bestellen, etwa mit Fontina-Käse gerührte cremige Polenta oder die famosen Kartoffeln mit Rosmarin und Knoblauch aus dem Ofen.

Tiramisu

Tiramisu

Spanferkel und andere spezielle Gerichte gibt es nur auf Vorbestellung. Neu im Programm ist die Wasabi-„Pizza“ mit rohem Sashimi-Tuna und Wasabicreme, ein guter Starter zum Spumante-Aperitif. Die Desserts mögen gute alte Bekannte sein, doch das Tiramisu fällt optisch und geschmacklich deutlich eleganter als sonst wo aus. Und die Panna Cotta ist schlichtweg erste Sahne. Wenn die Küche die Leistung der ersten Tage hält, wird sie noch mehr Liebhaber finden als zuvor.

Freunde gewinnt man auch über faire Preise und freundliche Lunch-Offerten. Dazu gehört das nach Tom Bocks Mutter benannte Mittagsspecial „Club Irmi“ – man sitzt an einer langen Tafel und bekommt ein Gericht sowie ein Glas Wein für 9 €. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt. Wem nur nach einem Glas Wein zumute ist, für den ist der beste Platz die originelle, mächtige und aus einem Stück geschlagene Beton-Theke. Es gibt in erster Linie die Tropfen vom eigenen Weingut aus der Toskana, unbeschwerte Weißweine und ein Rosé, der zur sommerlichen Terrasse und der überschäumenden Fontäne auf der Piazza vor der Tür passt. Die charmanten Rotweine und ihre harmonische Aromatik erscheinen zugänglich, sind aber dennoch keine Leichtgewichte. Weder der duftige Hash Ish, noch der sinnlich orientalisch angehauchte Storia. Tomilaia gibt es auch zum Mitnehmen für zu Hause, der kleine Shop am Eingang hält Wein, Olivenöl, Grappa, Kaffee, Honig und mehr bereit.

Patron Tom Bock

Patron Tom Bock

Clan-Chef Tom Bock ist ja im Hauptberuf Gestalter und legt Wert auf optische Raffinesse. Die spürt man überall, bei dem blickfangenden farbenfroh beleuchteten wandhohen Weinklimaschrank, wie bei den federleichten Navy Chairs aus Aluminium, die Wasser, salziger Luft und Matrosen trotzen sollten und 1944 zum ersten Mal auf US-Kriegsschiffen zum Einsatz kamen. Neben Glas und Beton ist Holz das führende Element in der neuen A Casa di Tomilaia. Schönes und 300 Jahre altes Holz, das auch bei den Seifenspendern in den Toiletten zum Einsatz kommt. Noch ein Hingucker: Der Service im schicken und selbst entworfenen Jeans-Schürzen-Look. Servicechef Giuseppe Rizzuti und sein flinkes und freundliches Team arbeiten hochmotiviert. Barkeeper Janni, Markenzeichen Hosenträger und verschmitztes Lächeln, führt mit zwei Kollegen das in aller Qualität fort, was der früh verstorbene Vordenker und Barkeeper Davide Demarchi an Maßstäben setzte. Seine Kräuter-Cocktails, etwa Basequito mit Basilikum, Limette, Wodka und Soda, sind längst Standard, es gibt aber noch viele andere sehr leckere und gut gemachte Drinks. Ob Bar oder A Casa di Tomilaia, die Boulevard-Terrasse mit ihren Jahrhunderte alten Olivenbäumen, Zitronen und Weinreben scheint den Sommer fest zu halten.

 

 

A Casa di Tomilaia

Mo – Fr. 12 – 15 Uhr und 18 -24 Uhr (Küche 23 Uhr)

Sa 18 – 24 Uhr (Küche 23 Uhr)

So 13 – 22 Uhr

Demarchi Bar & Tabacchi

Mo – Do 11 – 1 Uhr, Fr 11 – 2 Uhr, Sa 14 – 2 Uhr

Frankfurt, Walther-von-Cronberg-Platz 7, Florentinisches Viertel,

Tel. (069) 68 97 76 25

Photocredit: Chiara Romagnoli (15) und Barbara Fienhold (6), Hans Keller (6)

 

 

 




Von der Pampa auf den Tisch

Der Musiker, Rinderbaron und Weingutsbesitzer Dieter Meier serviert seine Produkte in drei Lokalen

 

 

Mensch Meier: Dieter Meier ist Musiker, Rinderbaron, Weingutsbesitzer und Gastronom und vieles mehr, was kaum auf diese Seite passen würde. Er ist Kopf des Elektrik-Pop-Duos Yello, das kürzlich für sein Lebenswerk mit dem wichtigen Musikpreis Echo  ausgezeichnet wurde. Gerade ist sein neues Soloalbum „Out of Chaos“ erschienen. Der Schweizer könnte seine Millionen ganz bequem vermehren lassen und müsste weder Energie noch Geld in andere Projekte stecken. Er will aber seine Vorstellung von einem guten Lokal an möglichst vielen Orten auf der Welt verwirklichen, mit dem Fleisch der eigenen Rinderherden in Argentinien und Wein aus eigenem Anbau. „Von der Farm auf den Tisch“ heißt sein biologisch abgestimmtes Konzept. Nach Lokalen in Buenos Aires und Zürich hat er inzwischen auch eines in Frankfurt eröffnet (wie in BISS berichtet).

Die Theke ist die Wiege eines Lokals

Die Theke ist die Wiege eines Lokals

Das Wine & Beef Kontor Ojo de Agua ist kein übliches Steakhouse, wer Grillduft sucht, wird sich verkohlt vorkommen. Doch die Niedrigtemperaturmethode, wie sie hier bevorzugt wird, sorgt für ein wunderbar zartes und saftiges Fleisch, das sein volles Aroma entfaltet. Neben Filet, Roastbeef und Tatar gibt es nur noch eine Vorspeisenplatte. Das argentinische Bio-Fleisch stammt von Black Angus und Hereford Rindern, die sich in der Natur frei bewegen und vor allem Gras fressen. Dieter Meiers Rinderfarm in der Pampa Humeda heißt Ojo de Agua, „Wasserauge“. Im Weingebiet Agrelo Alto in Mendoza baut er zudem Wein an, der unter dem Label „Puro“ läuft, was für Reinkultur steht. Der Malbec sowie die Cuvées aus den Rebsorten Malbec, Cabernet Sauvignon, Merlot und Cabernet Franc sind alkoholische Schwergewichte und sehr körperbetont.

Max (l.) und Moritz bei der Arbeit

Max (l.) und Moritz bei der Arbeit

In Frankfurt hat Dieter Meier zwei bemerkenswerte adlige Mitstreiter gefunden, die dem Restaurant eine sehr persönliche Note geben: Maximilian Graf von Saurma und Moritz Graf zu Stolberg, von Freunden kurz Max und Moritz genannt. Das Ambiente im Beef & Wine Kontor Ojo de Agua passt in seiner noblen Rustikalität zum Angebot. Freigelegte löchrige Sandsteinmauern, dunkle Eichendielen aus dem Harz, Zementfließen aus Barcelona und blanke Holztische erzeugen einladende Behaglichkeit. Im Weinkeller des unter Denkmalschutz stehenden Hauses sieht man noch die historische Staufenmauer, die sich im Spätmittelalter als Stadtwall bis zum nahen Eschenheimer Turm zog. Rechtzeitig zum Sommer wurde auch die Terrasse fertig.

Ludwig Fienhold

 

Wine & Beef Kontor Ojo de Agua, Frankfurt, Hochstr. 27/Ecke Börsenstr. Geöffnet: Täglich durchgehend von 10 – 23 Uhr, Sonntag geschlossen. Telefon (069) 920 205 10.

 

Interview mit Dieter Meier

 

Was treibt Sie an, die magere Rendite, die Gastronomie abwirft, kann es wohl kaum sein?

Meine Idee war es, eine Marke zu schaffen, bei der nur eigene Erzeugnisse verwendet werden, deren Qualität man bis zur Farm oder dem Weinberg nachverfolgen kann. Alles ist glaubwürdig und authentisch darstellbar.

 

Viele Steakesser werden enttäuscht sein, weil das Fleisch im Ojo de Aqua kein typisches Grillaroma hat.

Die Grillkruste überdeckt im Grunde den feinen Fleischgeschmack. Unsere Ware ist aber so gut und biologisch einwandfrei, dass das Fleischaroma am besten mit der langen und niedrigen Gartechnik zum Ausdruck kommt. Die Rinder sind das ganze Jahr draußen auf der Weide im Freien und fressen nur Gras. Und das schmeckt man. Unser Filets und Roastbeefs brauchen eigentlich keine Saucen oder andere Verzerrungen, sondern nur etwas Fleur de Sel.  

 

Bislang verkaufen Sie ausschließlich eigene Weine im Ojo de Agua, was die Abwechslung etwas einschränkt.

Es werden noch einige befreundete Winzer mit dazu kommen. Kleine und unbekannte Betriebe aus Argentinien, die mitunter nur 8000 Flaschen herstellen. Zudem machen wir jetzt noch einen neuen Malbec-Cava, weiß und rosé. In Zürich bieten wir auch Franzosen an. Außerdem Weine von meinem Bruder Balthasar, der in Hünikon ein Gut betreibt. Sein Apfelweinbrand ist auch sehr gut.

 

Sind noch weitere Lokale im Sinne eines Beef & Wein-Kontors in Deutschland oder anderswo geplant?

Wir warten erst einmal ab, wie sich das Lokal in Frankfurt weiter entwickelt, das vom Start weg sehr gut läuft. Sollte sich das dort so positiv fortsetzen, sind auch andere Standorte denkbar.

 

 

 

 




Hendrik Thoma: 50 Große Weine aus Portugal

Sommelier Hendrik Thoma schenkt kräftig ein

 

Brutalis heißt der Wein und macht seinem Namen Ehre. Die Zunge wird mit Power geflutet. Man muss heftig schlucken, obwohl man nur einen Löffel voll genommen hat. Man ist der dick man oder: Ist er zu stark, bist Du zu schwach.

Werbeträchtig sind auch Flaschenform und Etikett, so etwas sieht man eher beim Whisky. „Der Name Brutalis provoziert, aber der Geschmack versöhnt“, meint ziemlich geschickt balanciert Sommelier und Weinconférencier Hendrik Thoma, der so viel in Sachen Wein auf Tour ist, dass man sich fragt, wie er das gesund übersteht. Der 46 Jahre alte Hamburger war 12 Jahre Chefsommelier im Hotel Louis C. Jakob und arbeitet nun freiberuflich auf allen Ebenen. Hendrik Thoma trägt den Titel Master Sommelier, den in Deutschland nur noch zwei weitere führen dürfen. Egal, was man von solchen Titeln halten mag, ob dahinter vor allem auswendig gelerntes Wissen ohne Leidenschaft steckt oder nicht: Dieser Hendrik Thoma war schon immer deutlich pfiffiger und emotionaler als die meisten seiner Zunft. Jetzt ist er mit „50 Great Portuguese Wines“ auf Tournee und machte mit aktuellen Jahrgängen Station in Frankfurt und Hamburg. Um gleich Missverständnisse zu vermeiden: Es handelt es sich dabei nicht um die besten Weine Portugals, sondern um solche, die Hendrik Thoma und sicher auch das Marketing von Vini Portugal in Lissabon für besonders erwähnenswert und repräsentativ empfinden. Es hat sich jedenfalls sehr gelohnt, mal vorbeizuschmecken, zumal man portugiesische Weine ja eher selten in Deutschland unter die Nase gehalten bekommt.

Hendrik Thoma

Hendrik Thoma

Brutalis (Jahrgang 2010, Vidigal Wines Lissabon), eine Cuvée aus den Rebsorten Alicante Bouschet und Cabernet Sauvignon),  ist ein Schädelspalter. Nicht wegen seiner Kraft, sondern weil er die Meinungen stark zu trennen vermag. Genau solche ungewöhnlichen Weine braucht es aber, um Aufmerksamkeit zu erzeugen und im Gespräch zu bleiben. Viel zu lange wurde Portugal hierzulande verschwiegen. Dabei gibt es mit den angenehm sanften und sommerlich duftigen Vinho Verde genau das Gegenteil von Brutalis. Früher existierten fast nur banale, flache und mit zu viel Restsüße ausgebaute Tröpfchen dieser Gattung. Längst gibt es aber feine, bedächtig vinifizierte und sehr animierende Vinho Verde. Die Besten sind leicht, lebendig und von atlantischer Frische. Wenig Alkohol, niedrige Säure und eine heitere Spritzigkeit zeichnet sie aus. Eine blitzsaubere Frucht aus grünem Apfel, Limette und Blüten sind typisch, aber deshalb noch lange nicht allgegenwärtig. Beispielhaft zu erleben aber bei Vinhos Norte, dessen auf 5000 Flaschen limitierter Tapada Dos Monges ein filigraner und durch delikate Aromen bezaubernder Wein ist, wie er diese Spezies nicht besser zu präsentieren vermag. Diese Variante des Vinho Verde basiert nicht auf der Rebsorte Alvarinho, sondern besteht zu 100% aus Loureiro, die elegantere Weine hervorbringen kann. Von ähnlicher und eher graziler Art zeigt sich auch die Quinta de Gomariz, deren Wein auf jede Terrasse gehört. Einer unserer weiteren Favoriten ist der Branco Escolha von Casal de Ventozela, der aus den Rebsorten Loureiro, Arinto und Trajadura bestens komponiert wurde. Er moussiert leicht und lächelt einen durch Apfeldüfte an, die von Kräutern aufgefrischt werden. So vielschichtig und leise strukturiert können Weine sein, die sich nicht laut und wichtig machen, sondern durch die Hintertür in den Weinverstand Einlass finden. Man muss wissen, dass Vinho Verdo im Schnitt zwischen 6 und 10 Euro kosten, was das Geschmackserlebnis noch sympathischer macht und den Trinkfluss erhöht. Vinho Verde bezieht sich übrigens nicht auf seine oft leicht grünlich reflektierende leuchtende Farbe, sondern auf das Landschaftsbild des grünen Nordens von Portugal.

Sehr gut: Vinhos Norte

Sehr gut: Vinhos Norte

Nicht zu verstehen ist gerade bei den Vinho Verde der Einsatz von Barrique. Jegliches Holz verwandelt die von Natur aus vorhandene zarte Aromatik dieses Weins in plumpe Brocken mit bitterem Nachgeschmack. Der Guru von Wine & Soul aus gleich vier nervös verwirbelten Rebsorten taugt höchstens etwas für hippe Szenelokale, deren Gäste schrille Weine mögen, weil sie ohnehin von lauter Musik und stickiger Luft betäubt sind.

Nicht wenige Rotweine Portugals entwickeln sich in eine merkwürdig internationale Richtung. Die Erzeuger sollten sehr aufpassen, dass sie ihr Terroir und ihre ganze Persönlichkeit nicht aufgeben. Manches, was bei den  „50 Great Portuguese Wines“ zu erleben war, hätte auch sonst in der Neuen Weinwelt Platz gefunden und zeichnete sich nicht unbedingt durch ein eigenständiges Profil aus. Es gab aber auch ganz andere Formate: Die intelligente und feinbeerige Quinta do Carmo Reserva von Bacalhôa Vinhos de Portugal. Die vitale und dezent fruchtige Quinta de Arcosso Superior Bago a Bago. Der sehr spannende und leicht südfranzösisch anmutende Churchill Graham Touriga Nacional. Die ritterliche, stoffige und in der Stilistik angenehm kühle Passadouro Reserva. Der barocke CV von Lemos & Van Zeller. Der für einen Rotwein fast schon erfrischend klare und präzise strukturierte Alto von Pinto de Mesquita. Und auch der fast schon burgundische Romaneira. Ein sehr viele ansprechender und deshalb als Allzweckwaffe speziell für die Gastronomie gut einzusetzender Rotwein ist der saftige und mit viel Schmelz schmeichelnde Quinta Lamelas von Guedes, dessen dunkle trockene Himbeeraromatik extravagant aus dem Glas springt.

Bei aller Liebe: Manche Namen von Winzern und Weingütern sind unnötig langatmig, umständlich und schwer vermittelbar, etwas griffigere und international verständliche Etiketten wären vorteilhaft.

Ludwig Fienhold