Gastro News Frankfurt

Schnecke ohne Häuschen

Caracol hat geschlossen

 

Das Restaurant Caracol, namentlich passend in der Frankfurter Schneckenhofstraße in Sachsenhausen zu Hause, hat geschlossen. Nach knapp fünf Jahren ist dem netten Schneckchen die Puste ausgegangen. Der Argentinier Freddy Ochoa (rechts im Bild) servierte in seinem Wohnzimmerlokal eine eher internationale Küche, wobei einige Highlights wie das Charolais Rinderfilet in Sauce Bordelaise immer zu haben waren. Die Saucen schmeckten besser als manche Weine dort, leider hatte sich Freddy Ochoa nicht von seinem einstigen Chef Eric Huber von Erno´s Bistro beraten lassen. Aber am Wein allein kann es nicht gelegen haben, und die Lage nah am Schweizer Platz war eher förderlich. Für ein Restaurant dieser Art schienen die Preise vielleicht etwas zu selbstbewusst. Ein großer Nachteil war gewiss die fehlende Terrasse.  Außerdem musste das kleine Wohnzimmerlokal jeden Zentimeter nutzen, aber nicht jeder mag so eng sitzen, dass der Nachbar selbst Geflüstertes mitbekommt. Freddy Ochoa selbst hat eine etwas andere Wahrnehmung und meint, dass er dieses „Projekt für fünf Jahre“ angelegt habe und jetzt in ein neue Phase eintrete. Die Antwort, was er jetzt konkret machen möchte, bleibt er leider schuldig. Jedenfalls verliert Frankfurt ein sehr persönlich geführtes sympathisches Lokal.

 

Javier Villacampa ist

neuer Restaurantleiter

in der Villa Kennedy

 

Javier Villacampa

Javier Villacampa

Das Restaurant Gusto in der Villa Kennedy konnte mit Javier Villacampa einen neuen Restaurantleiter gewinnen, der dem Hotel gut tun dürfte. Der aus Barcelona stammende Wahlfrankfurter fiel bislang durch seine gastfreundliche und sachkundige Art auf und kann auf viele gute Stationen zurückblicken. Er arbeitete unter anderem im Papillon im Sheraton am Frankfurter Flughafen, als es noch ein erstklassiges Restaurant war. Außerdem war Villacampa im seligen Weidemann im Service und glänzte in Erno´s Bistro als Sommelier. Seine letzte Station war das Restaurant Roomer´s. In Erno´s Bistro lernte der Katalane den Italiener Dario Cammarata kennen, der dort am Herd stand und nun als Executive Chef in der Villa Kennedy auch verantwortlich für das Restaurant Gusto ist. Javier Villacampa führt im Restaurant Gusto 17 Mitarbeiter und wird sich auch der Weinkarte annehmen, die sehnlichst auf eine Überarbeitung wartet. Zur Vorstellung von Javier Villacampa wurde die aktuelle Speisekarte in der Bar häppchenweise als Flying Menü serviert, was bei den Gästen derart gut ankam, dass man dies jetzt an bestimmten Tagen als feste Einrichtung etablieren möchte.

 

 

Frankfurt verliert ein

schönes Stück Frankreich

 

Donadel

Die Epicerie Les Donadel an der Berger Straße hat nur noch wenige Tage geöffnet. Jetzt, wo die Preise gesenkt wurden, strömen endlich die Kunden, die man vorher auch gerne gesehen hätte. Seit Frühjahr 2012 ist der schöne Delikatessenladen in einem Hinterhof an der Berger Straße zu Hause. Allein die Einrichtung ist ein Genuss. Zwischen Antiquitäten und Trödel breitet sich ein Schlaraffia aus, wie man es so bislang in Frankfurt nicht kannte. Eine gute und seltene Weinauswahl sowie Feinkost von zumeist kleinen und handwerklich arbeitenden regionalen Erzeugern aus Frankreich sind der Schwerpunkt. Vom richtig guten Baguette bis zum nicht überall zu habenden Champagner findet man vieles, was man für die täglichen Feierstunden des Lebens braucht. Das flüssige Sortiment wurde in den letzten beiden Jahren von Marco Zanetti also known as Winepunk mit einigen besonders guten und individuellen Guerilla-Weinen bereichert. Veronique Donadel und ihr Sohn Julien werden zwar das Geschäft aufgeben, aber weiterhin Weinhandel betreiben. Am 15. März hat der Delikatessenladen in der Berger Straße 171 den letzten Tag geöffnet.




Neueröffnungen in Frankfurt

Restaurant Gustav mit Küchenchef Jochim Busch

 

Das Weinsinn hat jetzt Zuwachs bekommen

 

Das Zweitlokal der Gastronomen vom Spitzenrestaurant Weinsinn hört auf den Namen Gustav und hat jetzt eröffnet. So unprätentiös wie der Name soll auch die Atmosphäre im neuen Restaurant werden: entspannt, kommunikativ, kosmopolitisch. Die vier Haupträume, darunter eine Anrichteküche zum Zuschauen, erstrecken sich über die ehemaligen Ladengeschäfte im Parterre eines denkmalgerecht restaurierten Gründerzeitbaus. Insgesamt soll das neue Lokal 42 Plätze haben,  plus Sommerterrasse.

Das Gastronomenpaar Matthias und Milica Trajkovska Scheiber erhofft sich eine Ergänzung des bisherigen Konzepts und eine Unterstützung, denn das Weinsinn hat an vielen Tagen einen solchen Zulauf, das man zweimal besetzen könnte. Das Gustav befindet sich ganz in der Nähe, Gäste können so auch spontan umgeleitet werden. Mit der Wahl des Küchenchefs will man gleich kulinarisch Flagge zeigen. Der 28 Jahre alte Jochim Busch war fünf Jahre lang Souschef bei Andreas Krolik, der für den Frankfurter Tigerpalast und zuvor für Brenners Parkhotel in Baden Baden jeweils zwei Michelin-Sterne erkochte.

Im Gustav soll Busch viel Freiraum für Inspirationen bekommen. Die führen ihn nicht nur ans Mittelmeer und nach Asien, sondern auch zu Zielen, die auf der kulinarischen Weltkarte noch als exotisch gelten dürften: Oberrad, Schöneck, Hungen oder der Vogelsberg etwa. Von dort stammen ortstypische Zutaten und traditionsreiche Spezialitäten, die Busch, mal raffiniert, mal ursprünglich belassen, mit den Aromen der Welt verbinden möchte. Serviert werden ausschließlich Menüs. Bei der Kombination der drei bis fünf Gänge haben die Gäste dann mehrere Wahlmöglichkeiten. Vegetarische Gerichte sind ebenfalls zu haben. Die Preise für Speisen- und Getränke sollen wie im Weinsinn ausfallen: Menüs für  57 und 67 oder 77 Euro (3/4/5 Gänge).

Das neue Gustav

Das neue Gustav

Auf der Weinkarte sind 180 Positionen gelistet, ausschließlich aus Europa, gut die Hälfte stammt aus Deutschland. „Im Gustav legen wir den Fokus auf ökologisch erzeugte oder zumindest naturnah ausgebaute Weine.“, sagt Matthias Scheiber. Diese seien vielleicht zunächst weniger zugänglich, doch dafür charakterlich wesentlich eigenständiger als die Mainstream-Weine, die sich einander immer mehr annäherten.

Das Interieur trägt die Handschrift von Milica Trajkovska Scheiber. Sie bevorzugt klare Linien, erdige Töne und zeitloses Design. Die Tische von „Zeitraum“ und die Eero-Saarinen-Stühle kontrastieren nach ihren Worten die Architektur der Belle Epoque und korrespondieren mit den zeitgenössischen Kunstwerken, die in Zusammenarbeit mit dem Atelier Goldstein ausgewählt wurden. Das Farb- und Materialkonzept ist bis ins Detail abgestimmt. Sogar das Geschirr wurde eigens fürs Gustav angefertigt – von Hand gedreht in einer kleinen Töpferei an der Hessischen Bergstraße. Dienstags bis freitags hat das Gustav auch mittags geöffnet, serviert wird dann ein zwei- oder drei-Gänge-Menü.

Gustav, Frankfurt, Reuterweg 57, Tel.: (069) 74745252. Geöffnet Dienstag bis Freitag 12 bis 14.00 Uhr sowie ab 18.30 Uhr. Samstag ab 18.30 Uhr. www.restaurant-gustav.de

 

Sushi mit Gänseleber

Sushi-Shop

Sushi, so scheint es, gibt es in Frankfurt wie Fisch im Meer. Mit sehr unterschiedlichen Ergebnissen. Im Sushi Shop an der Bockenheimer Landstraße ist das Resultat auch noch nicht eindeutig. Sushi mit Gänseleber schmeckt sehr gut, Sushi mit Wagyu Beef haben wir als extrem unangenehmen zähen und geschmacklosen Brocken erlebt. Neben vielen bekannten Standards gibt es einige neue Varianten, etwa Mango Tango mit Hühnchen, Gurke, Mango und pikanter Sauce. Sushi in der Frischhaltefolie kühl zu lagern, ist ja in Ordnung. Wenn sie aber so kalt wie hier serviert werden, verlieren sie an Aroma. Das mögen alles noch Anfangsfehler sein, doch gerade in der Systemgastronomie, wo man sich bestens vorbereiten kann, sollte auch alles mit systematischer Zuverlässigkeit gemacht werden. Sushi Shop ist eine französische Kette mit über 100 Outlets und Franchise-Partnern in ganz Europa, aber auch in Dubai und Abu Dhabi. Das kleine Sushi-Lokal an der Bockenheimer ist das erste auf deutschem Boden. Für ein gemütliches Sitzen mit längerer Verweildauer wurde der Sushi Shop nicht geschaffen. Es ist eher alles für to go gedacht, was nicht zum Davonlaufen heißt.

Sushi Shop, Frankfurt, Bockenheimer Landstr. 24, Tel. 069 77 06 14 14.

 

 

Mit Brezelschaum in die Villa Merton

André Großfeld

André Großfeld

 

Leicht brodelnder Stellungswechsel: Der Hesse Matthias Schmidt packte die Koffer, der Westfale André Großfeld zog mit großem Geschirr ein. Zuvor zischte es ein wenig, wurde Dampf abgelassen. Aus Sicht des Union International Clubs, der in der Villa Merton federführend residiert, war der Wechsel überfällig. Die extravagante Naturküche von Matthias Schmidt war ihnen zu grün und nicht bissfest genug, wenngleich diese genau dafür zwei Sterne im Michelin erhielt. Jedenfalls mussten am Ende Pächter Klaus Peter Kofler und sein Küchenchef Matthias Schmidt aus der Villa Merton im noblen Frankfurter Diplomatenviertel ausziehen. Neuer Pächter und Küchenchef in Personalunion ist André Großfeld, der sich mit seinem Gastraum der Sinne in Friedberg einen Michelin-Stern erarbeitete, den er nun wieder an neuer Stelle zurückgewinnen muss. Auch er ist durchaus der „grünen“ Küche verbunden und will Vegetarier ansprechen, kocht aber leichter verständlich. Jetzt wurde Großfeld offiziell beim Jahresempfang des Union International Clubs vorgestellt. Rund 400 geladene Gäste ließen sich seine deftig-delikaten Gusto-Stücke im Kleinformat schmecken. Unter anderem gesurte Spanferkelbäckchen und Handkäs´ mit Brezelschaum, die ein wenig zeigten wohin die Reise jetzt gehen wird.

André Großfeld hat schon jetzt 16 Mitarbeiter für Küche und Service verpflichtet, will aber noch um vier weitere Kräfte aufstocken. Immerhin gilt es nicht nur ein Restaurant und ein Bistro zu stemmen, sondern auch noch Bankette und Feiern zu bewirtschaften. Der als seine rechte Hand angeheuerte Nils Levent-Tezcan wird seinen Dienst er gar nicht antreten, da es mit ihm zu unüberbrückbaren Meinungsverschiedenheiten kam. Während im Bistro Klassiker à la Wiener Schnitzel und Sauerbraten serviert werden, soll es im Restaurant nur Menüs geben. Drei mehrgängige Menüs. Einmal ganze acht Gänge (128 €), zweimal 6 Gänge, einmal vegetarisch (jeweils 108 €). Wir sagen schon jetzt voraus, dass sich dieses Konzept nicht aufrechterhalten wird. Genauso wie die Bilder hinter spiegelndem Glas auf gemusterter Stofftapete (inzwischen schon geändert).

Eine Restaurantkritik folgt später in BISS.

Villa Merton, Frankfurt, Am Leonhardsbrunn 12, Tel. 069 70 30 33.

 

 

Jesse James am Spieß

Chicken Skewer

Chicken Skewer

Eigentlich ganz pfiffig, ein Lokal gegenüber der Europäischen Zentralbank nach einem Banditen & Bankräuber zu benennen. Zudem war an gleicher Stelle zuvor auch eine Bank, wovon noch ein Tresor zeugt, der jetzt als Teil der Bar mit Hochprozentigem gefüllt ist. Das war es dann aber schon an Reminiszenzen, denn sonst ist alles in sparsamem Industrie-Chic gehalten. Das Jesse James ist groß genug, um in einem Raum Bar & Drinks, Food, Café und Events gemeinsam unterzubringen. Die Betreiber Johny Beruk und Payam Mahourvand haben nicht nur „ach schon wieder ein Szenelokal“ eröffnet, sondern versuchen sich abzusetzen. Ein passables Spirituosen-Sortiment, ansprechende Cocktails, ein paar ordentliche Weine (z.B. Markus Molitor) und ein guter Kaffee sind pflichtgemäßer Standard. Die Kür wird schon eher mit den Skewers erreicht, verschiedene Spieße mit Gemüse, Hühnchen, Thunfisch und anderem mehr. Hört sich nicht spektakulär an, schmeckt aber gut, vor allem der schön marinierte und bestens gewürzte Hühnchenspieß. Solche kleinen Schweinereien passen gut zu einem Glas Wein oder einem Drink, wobei die Preise so ausfallen, dass man keine Bank zur Begleichung überfallen muss. Wer über mangelnde Parkplätze stöhnt, dem sei die Straßenbahnlinie 11 empfohlen, die wirklich bis vor die Tür fährt. Dann darf´s auch ein Glas mehr sein.

Jesse James, Frankfurt, Hanauer Landstr. 83, Tel. 069 49 08 50 98.

 

Gusto an der Kleinmarkthalle

Und auch das noch: Aus Liebfrauenberger wurde Gusto. Das Lokal vis-à-vis der Kleinmarkthalle hatte trotz seiner Pole Position und großer Terrasse kein Glück, jedenfalls haben es die wechselnden Betreiber nicht geschafft, daraus einen Anziehungspunkt zu machen. Nach deutscher Küche stehen jetzt Pasta und Pizza im Mittelpunkt. Das neue junge Pächter-Trio stammt aus dem nahe gelegenen italienischen Ristorante Paninoteca.

Gusto, Frankfurt, Liebfrauenberg 37, Tel 069 46 09 07 60.

 

 

 

 

 

 




Das beste Hotel der Welt?

Besuch im Rosewood

in London

 

Von Sabine Hübner & Carsten K. Rath

 

Der Tripadvisor „Virtuoso“ bewertet das Hotel Rosewood in London als  „Bestes Hotel der Welt“. Als Hotelier ist man bei solchen Zuschreibungen erst einmal vorsichtig. Bislang trug die Bezeichnung „Bestes Hotel der Welt“ zum Beispiel das Mandarin Oriental in Bangkok. Überhaupt ging dieser Preis meistens nach Asien, zumindest wenn er von amerikanischen Reisemagazinen vergeben wird. Und nun diese Mischung: Eine Hotelgesellschaft im Besitz einer Hongkong-Chinesin, ein Hotel in London und ein Hoteldirektor aus Deutschland. Wir waren jedenfalls sehr gespannt. Hier weiterlesen




3-Sterne-Koch Juan Amador zieht nach Wien

Adieu Juan! Servus Amador!

 

Jetzt noch schnell

nach Mannheim

 

Wer noch nie bei Juan Amador in Mannheim war, sollte ihn besuchen, so lange er dort noch am Herd steht. Er wird am 16. Mai definitiv schließen und nach Wien ziehen, um dort im ehemaligen Cabaret Renz in der Zirkusgasse ein neues Restaurant zu eröffnen. Die aufwendigen Renovierungsarbeiten in diesem einstigen Rotlichtmagneten sollen bis Herbst abgeschlossen sein. Noch kann man die hochkreative Küche Amadors in Deutschland erleben, dann gibt es wieder einen guten Koch weniger bei uns.

Amador - Titel

Restaurant Amador in Mannheim

Juan Amador hat sich in den letzten Jahren vielfältig engagiert, manchmal verliefen die Auslandseinsätze weniger glücklich. Mit dem Sra Bua im Hotel Kempinski Gravenbruch bei Frankfurt hat er jedoch kulinarisch alles richtig gemacht, die Küche dort glänzte vom Start weg. Auch in Bangkok ist Amador noch verpflichtet, jetzt wird er in Singapur aktiv. Dort will er im ehemaligen italienischen Restaurant Gaia am zentral gelegenen historischen Goodwood Park Hotel ein neues Lokal aufziehen. Es soll kein Fine Dining Place werden, sondern ein legerer amüsanter Ort mit spanisch-europäischen Kreativ-Tapas. Nach einem geeigneten Küchenchef dafür wird noch Ausschau gehalten. Juan Amador möchte dort selbst hin und wieder präsent sein, doch wird Singapur nicht seine neue Wirkungsstätte werden. Der weltoffene 3-Sterne-Koch hat sich ja in vielen Städten nach geeigneten Objekten umgesehen und erhält auch Angebote aus allen Ecken. Nun wird er in Wien seine neue Heimat finden, wobei seine österreichische Frau Berghild dort gut vernetzt ist. Bevor sich Juan Amador ganz verabschiedet, wird es auch noch ein Best of Menü im Mannheimer Restaurant geben, auf das man sich freuen kann.

Ludwig Fienhold

 

Restaurant Amador, Floßwörthstr. 38, Mannheim, Tel. 0621 8547 496. 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Die leisen Stars des Gourmet Festivals

Enrique Olvera zeigt

das neue kulinarische Mexiko

 

Sebastian Lühr serviert das Beste vom Rheingau

 

Das Rheingau Gourmet Festival ist kein flüchtiges Ereignis, es hinterlässt Spuren. Manch ein Gast plant danach sogar seine nächste Reise. Vielleicht nach Hongkong zu Richard Ekkebus ins Mandarin Oriental oder nach Amsterdam ins Hotel Okura zu Onno Kokmeijer, der zu den besten holländischen Küchenchefs zählt. Wir haben Mexico City im Visier, weil dort Enrique Olvera zeigt, dass wir unser von Tacos und Tortillas geprägtes Bild seiner Landesküche dringend neu aufzunehmen haben. Die wichtigsten Erkenntnisse, und dies ist einer der Grundgedanken dieses internationalen Festivals, findet man beim Blick über den Tellerrand.

Die Küche Mexikos besteht nicht selten aus Sattmacherpampe, was jedoch vielen Volksküchen zu eigen ist. Mitunter offenbart sich die Kunst einer Erneuerung darin, sie von Schwere und Süße zu befreien. Enrique Olvera steht für eine bislang wenig gekannte, moderne, leichte und raffinierte mexikanische Küche. Heimatliche Ingredienzien sind für ihn dabei substanziell. Statt Äpfeln verwendet er beispielsweise lieber Schwarze Sapote zur Foie Gras, eine Frucht, die im Geschmack einer Mischung aus Schokolade und Pflaumenmus gleicht. Für Olvera zählen ursprünglicher Geschmack und die Harmonie der Komponenten. Das merkt man bei solch einfachen und eben nicht schlichten Gerichten, wie „Crudo al Pastor“ – Ceviche von der Gelbschwanzmakrele mit einem hauchdünnen Scheibchen von Ananaspüree sowie Koriander und Chili. Desserts haben selten die Statur zum großen Ereignis. Bei Enrique Olvera und seinen für die Ausführung verantwortlichen Küchenchefs Daniela Soto Espejel und Abisai Aquino wird jedoch aus einer vermeintlichen Kleinigkeit etwas Großes. Sein wölkchenhaftes Schaumgebäck mit zartem süß-salzigem Mais-Mousse und Vanille hat die Leichtigkeit feiner Poesie und bringt spielerisch Kindheitserinnerungen und Spitzenküche zusammen (Bild oben rechts).

Sebastian Lühr (r.) mit mexikanischem Souschef

Abisai Sanchez Aquino aus Mexiko (l.) und Sebstian Lühr

Es gab viele hochdekorierte Küchenstars bei diesem Festival, doch der Küchenchef der Herzen war der allgegenwärtige Sebastian Lühr vom Kronenschlösschen, der inzwischen mit den Großen mithalten kann. Was er und sein Team an Logistik und Qualität leisteten, ist ein in dieser Dimension selten zu erlebendes Bravourstück. Bei über 100 Essen während einer Sitzung, ein solch hohes Niveau zu halten, können nicht viele. So viel Hüte, wie man davor abnehmen möchte, kann man gar nicht erst aufsetzen. Der perfekte Lammrücken mit gerösteten Chorizoscheiben, Schwarzem Knoblauch, Bohnencreme und hinreißender Jus ist nur ein Beispiel von vielen Gerichten, mit denen Sebastian Lühr und sein Team das Gourmet-Festival zum Erlebnis machten.

Ceviche vom Hamachi

Ceviche vom Hamachi

Beim Rheingau Gourmet & Wein-Festival gab es viele herausragende Weine und Champagner. Mouton Rothschild, Margaux, Haut-Brion, Romanée-Conti, Roederer Cristal. Ins Gedächtnis gebrannt hat sich jedoch besonders der leiseste und bedächtigste unter ihnen – der ungemein frische, duftige und leicht nach Wiesenkräutern schmeckende Riesling Nierstein Brudersberg 2013 von Heyl zu Herrnsheim aus Rheinhessen.

Auch bei diesem 19. Rheingau Gourmet & Wein-Festival war HB Ulrich bei jeder Veranstaltung unermüdlich dabei. Der Veranstalter und Hausherr des Kronenschlösschens plant und tüftelt das ganze Jahr an seinem kulinarischen Programm. Das 20. Festival dürfte ebenfalls wieder ein Großereignis werden. Mit dabei soll auch Helena Rizzo aus Brasilien sein, eines der aufsehenerregenden Talente des Landes und so gut aussehend, dass man zu ihr auch zum Karottenessen käme.

Ludwig Fienhold

 

 

 

BILDER GALERIE

Photocredit: Barbara Fienhold

 

 

 




Kann man Kaviar mit der Heugabel essen?

Kulinarische Happenings

mit Steinbeisser-Ideen

 

Kann man kunstvoll essen? Damit sind nicht etwa besondere Manieren gemeint, sondern kunsthandwerklich hergestellte Bestecke und Geschirr, die zu neuen kulinarischen Erlebnissen und Erkenntnissen führen sollen. Steinbeisser’s Experimentelle Gastronomie inszeniert Happenings mit Essen & Trinken & Kunst & Design, die „ein Genuss für alle sein wollen, die individuelle, kreative und nachhaltige Küche schätzen.“ Mit Matthias Schmidt, der sich bis gestern noch 2-Sterne-Koch nennen durfte, fand man einen kongenialen Partner in Frankfurt. Jetzt konnte man für die originellen Events das neue Berliner Lokal Nobelhart & Schmutzig gewinnen.

Die Gäste werden gefordert

Die Gäste werden gefordert

Normal ist eigentlich nichts. Das Besteck, mit dem die Gäste essen, hantieren und jonglieren müssen, wird von Eisenschmied Nils Hint aus Metall- und Werkzeug-Restbestände aus der ehemaligen Sowjetunion gefertigt. Nils sammelt Eisenschrott auf Flohmärkten und Schrottplätzen in Estland und recycelt diese zu aufregenden Löffelformen in seiner Schmiede. Matthias Kaiser wiederum hat eigens eine Serie von absichtlich gebogenen und durchlöcherten Geschirrstücken aus Porzellan gefertigt. Bei seiner Arbeit verwischt sich die Grenzlinie zwischen Kunsthandwerk und Kunst. Zugleich schlägt er eine Brücke zwischen Ost und West. Sagt er. Küchenchef Micha Schäfer aus dem Nobelhart &  Schmutzig, der bei Matthias Schmidt in der Frankfurter Villa Merton gelernt hat, serviert ein 5-Gänge-Menü, das auf rein pflanzlichen Zutaten aus biodynamischem oder biologischem Anbau aus verschiedenen Regionen Deutschlands basiert. Begleitet wird das alles von  ausgesuchten deutschen Weinen und/oder handwerklich erzeugten Bieren, frisch gepressten Säften und frischen Kräutertees.

Kann man Suppe gabeln?

Kann man Suppe gabeln?

Etwas Hintergrund: Bei einer Veranstaltung in Amsterdam fertigte eine Künstlerin eine Besteck-Serie aus Porzellan, wobei sie die Teile des Bestecks, die mit dem Mund in Kontakt kommen, bei einigen Stücken blau und bei anderen gold gefärbt hatte. Die besagte Künstlerin hat Farbpsychologie studiert, wobei aus ihrer Sicht Gold die Süße der Speise verstärkt und Blau den Salz im Geschmack. Mit dieser Idee, meint sie, sei es ihr gelungen, bestimmte Geschmäcker des Essens, unabhängig der Zubereitung, zu verstärken und zu unterstreichen. Bei dem russischen Besteck, das jetzt bei Nobelhart & Schmutzig zum Einsatz kommt, spielen Form und Gewicht eine Rolle. Wie verändert sich unser Essverhalten, wenn wir anstatt eines normalen Löffels, der zwischen 30-50 Gramm wiegt, mit einem Löffel essen, der 400 Gramm  wiegt? Was passiert, wenn der Löffel anstatt gerade ziemlich gekrümmt ist? Was geschieht mit unserer Wahrnehmung, wenn der Löffel einen Schraubenzieher als Ende hat? Diesen Fragen geht Steinbeisser Martin Kullik nach und kommt zu diesen Schlüssen: „Zum einen haben wir herausgefunden, dass wir mit ungewöhnlichem Besteck im Durchschnitt sehr viel langsamer essen, was die Geschmacksentfaltung beeinflusst. Zum anderen wird der Akt des Essens an sich so viel humorvoller, was sich gegebenenfalls positiv auf das Gefühlsleben und dann auch auf die Verdauung auswirkt.“

Das könnte auch in der Frage gipfeln, ob man Kaviar mit der Heugabel essen kann. Ist auf jeden Fall mal einen Versuch wert und könnte lustig werden.

Ludwig Fienhold

 

Nobelhart & Schmutzig, Berlin-Kreuzberg, Friedrichstrasse 218. 5-Gänge-Menü mit Wein- oder Saftbegleitung 125 €. Wann: 2., 3., 4. und 5. Juli jeweils um 19 Uhr.

www.nobelhartundschmutzig.com

www.steinbeisser.org

 

Kunstvoller Besteckkasten

Kunstvoller Besteckkasten

Weitere Events 

Frankfurt: 25., 26. und 27. September. Im Künstlerhaus Der Kleine Mann mit dem Blitz, Kleine Rittergasse 11. Mit Kimberley Unser (Ex Seven Swans) zusammen mit Designer Stian Korntved Ruud und zeitgenössischen Schmuckkünstlern Patricia Domingues, Matthias Dyer, Tatjana Giorgandse, Deborah Rudolph und Tala Yuan.

 

Amsterdam: 9., 10. und 11. Oktober. Im Lloyd Hotel & Cultural Embassy, Oostelijke Handelskade 34. Mit Zwei-Sterne-Koch Edwin Vinke und Sommelier Mike Dooms aus dem De Kromme Watergang** zusammen mit Designer Sarah Hurtigkarl, Stian Korntved Ruud und Möbelkünstler Valentin Loellmann.

 

Photocredits: Steinbeisser

 

 

 

 

 

 

 

 




Unruhe im Schlosshotel Friedrichsruhe

Machtwechsel mit Makel

 

Dunkle Wolken über dem

Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe

 

Wird aus dem Spa- ein Spar-Hotel?

 

Von Ludwig Fienhold

 

Das Schlosshotel Friedrichsruhe war schon zu Zeiten von Lothar Eiermann ein Unruheherd, der Fettnäpfchen für eine Delikatesse zu halten schien. Auch jetzt, gefühlten 100 Jahren danach, herrscht kein Frieden im Haus. Der bisherige Geschäftsführer Heinz Schiebenes wurde aus dem Amt gedrängt, Hoteldirektor Jörg Wedegärtner entmachtet. Zum neuen Hoteldirektor wurde der bisherige kaufmännische Leiter, Knut-Philip Möller berufen, der bislang in der Hotelwelt keine maßgebliche Rolle spielte. Wenn man ausgerechnet einen Controller an die Spitze eines solchen nach Gastlichkeit ausgerichteten Unternehmens setzt und keinen erfahrenen Hotelmanager, dann lässt dies tief blicken. Die Vorgänge werfen jedenfalls kein gutes Licht auf das 5-Sterne-Hotel, über dem dunkle Wolken aufziehen.

Heinz Schiebenes, der Lotse ging von Bord

Heinz Schiebenes, der Lotse ging von Bord

Das Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe zählt zu den schönsten und besten Hideaways in Deutschland: Herausragende Gastronomie, kompetenter Service, idyllische Lage und ein Weltklasse-Spa zeichnen es aus. Zumindest war das bis jetzt der Fall. Hinter vorgehaltener Hand ist zu hören, dass vor allem wirtschaftliche Überlegungen zu diesem drastischen Schritt geführt hätten und man künftig spürbar mehr erwirtschaften möchte. Das Hotel war in den letzten Jahren für viele Millionen renoviert und erweitert worden, allein das neue Spa kostete 15 Millionen Euro. Reinhold Würth, dessen milliardenschwere Gruppe das Haus 2005 vom damaligen Besitzer, dem Fürsten zu Hohenlohe-Oehringen für einen zweistelligen Millionenbetrag erwarb, wollte das Wald- und Schlosshotel nicht nur in Baden-Württemberg zur Nr. 1 machen, sondern in ganz Deutschland an der Spitze positionieren. Dabei zeigte er sich damals gelassen und meinte, dass sich die hohen Investitionen erst in 10 bis 15 Jahren rentieren müssten. „Wir können uns das leisten“, so Reinhold Würth seinerzeit. Ein Unternehmen, das im Jahr einen Umsatz von rund zehn Milliarden Euro erwirtschaftet, sollte sich auch nicht unter Druck setzen lassen. Wenn man bedenkt, dass schon damals bei der Übernahme Kraft Erbprinz zu Hohenlohe-Oehringen davon sprach, dass das Hotel Gewinn machen würde, erscheint der jetzige Entschluss noch unverständlicher. Denn zu dieser Zeit, als Lothar Eiermann noch das Hotel bis 2008 führte, stand es keineswegs glänzend oder als prosperierendes Haus da. Eiermann, der das Hotel 35 Jahre lang dirigierte und vor allem anfänglich als Küchenchef Erfolge feierte, war kein geborener Gastgeber. Mit 63 Jahren räumte er das Feld, keineswegs ganz freiwillig. Seinerzeit hieß es aus dem Hause Würth, dass man sich „im gegenseitigen Einvernehmen“ getrennt habe. Hinter dieser Floskel steckt immer eine gewaltige Vernebelung, was im Grunde jeder weiß. Auch jetzt wird dieses „gegenseitige Einvernehmen“ im Fall von Heinz Schiebenes proklamiert, wobei die Trennung mit „sofortiger Wirkung“ erfolgte, was eine deutliche Schärfe zeigt. Der bisherige Hoteldirektor Jörg Wedegärtner, der seit vier Jahren in dieser Führungsposition war, wäre ein würdiger Nachfolger von Schiebenes gewesen oder hätte zumindest in seiner Position das Hotel weiter führen können – er wurde jedoch übergangen und degradiert.

Friedrichsruhe-Pool

Spa, Liegewiese, Pool

Dabei machte gerade in den letzten Jahren das Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe unter der maßgeblichen Führung von Heinz Schiebenes sehr positiv auf sich aufmerksam und konnte viele Auszeichnungen einfahren. Das Hotel und seine Einrichtungen zeigten sich als herausragend und waren auf dem Weg weiter nach oben. Das Credo „Geborgenheit mit Stil“ war für den Gast erlebbar. Nie war nach unseren Wahrnehmungen das Schlosshotel besser als in den letzten Jahren. Das kam nicht von ungefähr. Heinz Schiebenes war selbst einmal ein sehr guter Küchenchef und wurde mit einem Michelin-Stern für das selige Restaurant Zauberflöte in der Alten Oper Frankfurt ausgezeichnet. Auch als Wirtschaftsdirektor im Steigenberger Flaggschiff Frankfurter Hof machte er eine gute Figur. Heinz Schiebenes führte die Hotel- und Gastronomiegruppe bei Würth seit 18 Jahren. Er hatte ein hervorragendes Team für das Schlosshotel Friedrichsruhe gewinnen können. Auf sein Konto gehen aber auch die bemerkenswerten Leistungen in dem ebenfalls zu Würth gehörenden Alten Amtshaus in Ailringen, das in völlig abgeschiedener Lage fast seit Anbeginn mit einem Stern im Michelin und 16 Punkten im Gaul Millau glänzen kann. Von Heinz Schiebenes wurde aber auch das ganz besondere Hotel-Restaurant Anne-Sophie in Künzelsau verantwortet – ein von behinderten und nicht behinderten Mitarbeitern geführtes Haus, das jetzt ebenfalls mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Nicht zu vergessen auch das Panoramahotel Waldenburg, ein solide geführtes Tagungshotel mit sehr guter Küche.

Gourmet-Restaurant

Gourmet-Restaurant

Wir hatten das Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe noch vor der Krise besucht und ein hervorragend aufgestelltes Team erlebt: Die Küche von Boris Benecke und das ganze Ambiente lohnen auch eine längere Reise, Sommelier Jochen Benz berät mit unwiderstehlicher Freude und Kompetenz, der souveräne Restaurantleiter Dominique Metzger führt mit selten gewordener Grandezza. Die so ungemein engagierten Gärtner, das hoch spezialisierte Spa-Management und die vielen anderen Service-Mitarbeiter vermitteln eine Gastfreundschaft, wie sie in dieser Art nicht oft zu finden ist. Eine solche Crew entsteht nicht von heute auf morgen, sie wächst. Vor allem aber wurde sie von jemand als Gruppe gebildet, der als der gute Geist vom Schlosshotel Friedrichsruhe gelten durfte. Aus diesem Geist ist jetzt ein Spuk geworden.

 

PS: Was mag jetzt Lothar Eiermann denken, der in einem ehemaligen Forsthaus genau gegenüber vom Wald- und Schlosshotel Friedrichsruhe lebt?

 

 

Photocredit: Barbara Fienhold

 

 

 




Restaurantkritik Die Ente verleiht Flügel

Michael Kammermeier

hebt ab

und schreibt ein Buch

 

Von Ludwig Fienhold

 

Das Wappentier steht immer in irgendeiner Variante auf der Speisekarte. Die Heide-Ente aus dem Rohr ist ein Klassiker, die gehobelte Entenleber mit Quitte, Quittengelee, Kakaosplittern und Salzbutterbrioche könnte man täglich essen, und die Challans-Ente gehört zum Besten, was man überhaupt bekommen kann. Küchenchef Michael Kammermeier vom Restaurant Ente im Grandhotel Nassauer Hof in Wiesbaden ist hochtalentiert, macht aber nicht viel von sich reden. Jetzt hat er ein Buch mit großartigen und spannenden Enten-Rezepten geschrieben, über das man sprechen sollte.

Challlans Ente

Challlans Ente

Die rosa gebratene Challans-Ente ist ein Bravourstück. Sie ist saftig, zart und feinaromatisch, doch die ganz große Pointe setzt die knusprige und umwerfend gut gewürzte karamellisierte Haut. Schwarzer Pfeffer, Szechuanpfeffer, Senfkörner, Fenchelsaat, Piment, Koriander, essbare Lavendelblüten, Steineichenhonig und Meersalz sind die Grundlage dafür. Und Paradieskörner, auch Guineapfeffer genannt. Dieser dient nicht nur als Gewürz und Heilkraut, man kann auch Rauschmittel daraus machen. Wir sind jedenfalls süchtig nach dieser Ente. Michael Kammermeier variiert die Canards de Challans und wählt als Begleitung Kürbisspätzle, Rosenkohl und Zimtblütenjus oder Sellerie Pumpernickel-Knödel, Pfifferlinge und Chicorée. Sehr schön auch die Challans-Ente mit Bohnencreme, Pfirsichspalten und Steinpilzen. Kammermeier gehört zu den wenigen Köchen in Deutschland, die auch mit einer Entenpresse arbeiten – ein schönes Schaustück, das eine wunderbare Sauce aus Entensaft, Cognac und Madeira ermöglicht. 3-Sterne-Koch Helmut Thieltges serviert in seinem Waldhotel Sonnora eine Brust von der Ente aus dem französischen Challans mit orientalischer Gewürzhaut und hat damit ein legendäres Signature-Gericht geschaffen. Kammermeiers Challans-Ente muss sich dagegen nicht verstecken.

Das Restaurant Ente in Wiesbaden ist geradezu verpflichtet, sich besonders intensiv um sein Haustier zu kümmern. Ein Buch mit entsprechend außergewöhnlichen Enten-Rezepten war eigentlich überfällig und ist jetzt im Tre Torri Verlag erschienen, illustriert mit ungemein animierenden und lustfördernden Bildern von Guido Bittner. Dabei spielen nicht nur Klassiker eine Rolle, auch Exotisches à la knusprige Entenfüße oder gebackene Entenzungen mit Langostino-Carpaccio. Und Fast Food Deluxe wie Entenburger und Entenschaschlik mit Backpflaumen.

Entenborschtsch

Entenborschtsch

Michael Kammermeier und sein Team stehen für eine intelligente und auf Höchstmaß verfeinerte und modern interpretierte Rustikalität. Man darf sie elegante Landhausküche nennen, man mag sie als extravagante Bodenständigkeit empfinden. Kammermeier sieht die Gemeinsamkeit in Gegensätzen und ergänzt gerne scheinbar Feines mit scheinbar Derbem.

Stilsichere Kombinationen sorgen für stets auf den reinen Geschmack konzentrierte Gerichte. So ausdrucksvoll wie möglich, so dezent wie nötig. Das merkt man bei Seezunge und glasiertem Hahnenkamm in Teriyaki mit Speck-Dashi, das spürt man beim Kabeljau mit geschmolzener Gänseleber mit Sellerie, Graupen, Pinkel und Grünkohlsaft, und das erlebt man beim bretonischen Rochenflügel mit Erbsengnocchi, Holunderblütenessig und Schweinskopfjus.   Längst arbeitet man auch wieder näher am Gast. Das kraftstrotzende Kalbskotelett wird am Tisch im Ganzen vorgelegt und aufgeschnitten, was die Vorfreude erhöht. Ein solch athletisches, saftig-zartes, Stück Lebenskraft bekommt man in dieser Qualität nicht oft.

Knusprige Challlans Ente

Knusprige Challlans Ente

Zu den wichtigsten Stationen des 37 Jahre alten Michael Kammermeier zählen Heinz Winklers Residenz in Aschau und das Waldhotel Sonnora, wo er bei Helmut Thieltges Souschef war. Beide Adressen sind ganz große Kaliber mit drei Sternen. Eine Küche auf diesem Niveau braucht auch einen Weinkeller, der mithalten kann. Und einen Sommelier, der alles treffsicher zusammenführt.

Sebastian Mac Lachlan Müller kann das, leider nur noch in diesem Jahr, danach wechselt er zum Weingut August Kesseler in den Rheingau. Er holt aus dem begehbaren Weinklimaschrank stets mit sicherer Hand genau den Wein, der zum jeweiligen Gericht passt. Dass er dabei nicht zu kostspieligen, sondern einfach guten und durchaus bezahlbaren Tropfen greift, schafft noch mehr Vertrauen und Sympathie. Mal ist es ein feiner, frischer und kräuterwürziger Grauburgunder von der Toplage Grassnitzberg von Walter Polz aus der Steiermark. Mal ein finessenreicher Chablis Pierrelée von La Chablisienne oder ein süffig-schöner Rosé von Fred Loimer aus Niederösterreich. Natürlich könnte ein Sommelier in der Ente aus dem Vollen schöpfen und Weine von Mouton Rothschild bis zurück ins Jahr 1934 oder über 20 verschiedene Flaschen von Romanée-Conti auftischen. Doch ein Sommelier mit Gespür wird stets das Verlangen und das Budget seiner Gäste ausloten und danach entscheiden. Grundsätzlich eine vortreffliche Wahl ist der Hauswein, ein großartiger, saftiger und einfach nur unbekümmert leckerer Grauer Burgunder Qvintera 2013 vom Spitzenweingut Kühling-Gillot aus Rheinhessen, von dem es nur 4000 Flaschen gibt.

ENTENpresse

Entenpresse

Die Ente hatte einst den Anschein sehr formell zu sein, das Clochenheben war hier eine olympische Disziplin. Das ist längst Geschichte, mag zum Glück auch manche der wunderschönen alten Clochen erhalten und noch gelegentlich im Einsatz sein. Cem Yoldas ist ein pfiffiger Restaurantleiter, der seinen Auftritt mit einer Prise Humor würzt. Der Service ist amüsant, mitunter sogar unkonventionell, vermag aber in einen formellen Modus zu wechseln, wenn er merkt, dass dies gewisse Gäste erfordern. Diese sind inzwischen eher in der Minderheit, denn die Ente ist endlich auch als Adresse lässigen Lifestyles bekannt. Der vordere Teil des Restaurants, wo die einladend-schöne Theke zu Plaudereien bei einem guten Glas einlädt, wirkt etwas fröhlicher und kommunikativer, während das Restaurant sonst mehr zu besonderen Rendezvous einlädt, zu denen die Fensternischen bevorzugt werden. So oder so gehört das Restaurant zu den schönsten des Landes.

Wie die legendären Restaurants Aubergine, Schweizer Stuben oder Tantris hat auch die Ente im Grandhotel Nassauer Hof deutsche Küchengeschichte geschrieben. Man konnte dort schon hervorragend essen, als halb Deutschland noch am Eisbein nagte. Seit 35 Jahren gehört die Ente jedenfalls zur Spitze der kulinarischen Szene. Der große Ententainer Hans-Peter Wodarz war vor allem beim Ausbrüten kreativer Ideen ein Meister, Küchenchef Herbert Langendorf ein Arbeitstier mit Hang zur raffinierten deutschen Küche und Gerd Eis einer der wenigen mit Gespür für moderne asiatische Kost. Wodarz hat gerade sein kulinarisches Zirkuszelt Palazzo in Berlin aufgeschlagen, Langendorf betreibt mit seiner Frau den Landgasthof Zur Traube in Bad Sobernheim an der Nahe und Gerd Eis ist als gastronomischer Berater und Mietkoch tätig. Michael Kammermeier leitet seit 2006 die Küche und befindet sich vor allem die letzten beiden Jahre in einem Höhenflug. Die Ente war nie besser als heute. Mit einem Stern im Michelin und 16 Punkten ist sie gut bewertet, liegt aber in den Leistungen spürbar darüber.

 

Restaurant Ente

Restaurant Ente

Hotel Nassauer Hof, Restaurant Ente, Wiesbaden, Kaiser-Friedrich-Platz 3-4, Tel. 0611 133 666. Geöffnet Di-Fr: 18.30 – 22 Uhr, Sa 12 – 15 Uhr und 18.30 – 22 Uhr

 

 

 

 

 

 

 

 

Ente – Das Kochbuch, 50 Rezepte von Michael Kammermeier, Gestaltung/Bilder Guido Bittner, Tre Torri Verlag, 224 Seiten. Bis zum 31. Dezember zum einmaligen Subskriptionspreis für 37,45 €, danach 49,90 €.

Ente - Das Kochbuch

Ente – Das Kochbuch

Photocredit: Guido Bittner (6 x), Barbara Fienhold (Knusprige Challans Ente)




Paris: Terror trifft auch Hotels & Restaurants

Umsatzverluste in der

Top-Gastronomie

 

Verspätetes Ritz Opening

 

Gentleman-like ist das nicht: Die Wiedereröffnung des Hotel Ritz, ursprünglich für Anfang 2015 geplant, wurde auf „Ende des Jahres“ verschoben. Im Französischen heißt das: Irgendwann nach den Sommerferien, es kann aber auch später werden. Immerhin steht der Nachfolger des bewährten Küchenchefs Michel Roth fest: Nicolas Sale. Ein Cuisinier aus Courchevel, der dort zwei in allen Guides hoch dekorierte Lokale namens Kilimandjaro und Kintessence verwaltet.

Auch das  Hotel Crillon verspätet sich: Nachdem zuerst die Eröffnung für Frühjahr 2015 angekündigt wurde, reden gut informierte Kreise jetzt von 2016 – ohne Monatsangabe. Offizieller Grund sind Verzögerungen bei den Bauarbeiten. Vorstellbar ist jedoch, dass der Anschlag auf Charlie Hebdo im Januar zu den Verspätungen beigetragen hat. Luxushotellerie und exklusive Restaurants jedenfalls beklagen signifikante Umsatzrückgänge. Die Consultants von MKG Hospitality gehen von „bis zu 10,2 Prozent“ für Luxushotels aus, etablierte Küchenchefs beklagen Umsatzeinbrüche von 15 Prozent.

JZ

Bild: Ritz Paris

 

 




Chat Sauvage: Weingut des Monats

Schöner Eklat: Sehr viel Burgund im Rheingau

 

Von Ludwig Fienhold

 

Hier scheiden sich die Weingeister: Für die einen ist es ein Spuk, für die anderen sind es besonders geistvolle Weine. Manche behandeln die weißen und roten Burgunder gar wie Asylbewerber, die im Rheingau nichts zu suchen hätten. Dabei sind sie eine Bereicherung für die Riesling-Region. Chat Sauvage gehört inzwischen zum Besten, was die Weinwelt in Deutschland zu bieten hat.

Es ist schon sehr mutig, ausgerechnet in der Riesling-Bastion Rheingau Chardonnay und Pinot Noir französischen Zuschnitts zu erzeugen. Damit macht man sich gleich viele Feinde, die solche Weine erst gar nicht probieren wollen. Dabei sind die Weine von Chat Sauvage Ausnahmeerscheinungen mit Individualität und Charakter. Die Chardonnays sind elegant und schlank und damit das Gegenteil der oft fetten gleicher Spezies, die durch ihren lauten Holzausbau nach einer ganzen Schreinerei riechen und mit klebriger Buttrigkeit und künstlich wirkender Vanille schreiend laut erscheinen. Der Rheingau Chardonnay von Chat Sauvage ist kristallklar und animiert zum Weitertrinken – im Gegensatz zu vielen Chardonnays, die langweilen und uns bereits nach dem ersten Glas müde und satt machen. Der Clos de Schulz, neckisch nach dem Weingutsbesitzer Günter Schulz benannt, fällt noch etwas spannungsreicher aus und kommt aus der ummauerten Lage Winkler Dachsberg – ähnlich wie im Burgund, wo man die abgeschlossenen „Clos“ ebenfalls als schützende Einrichtung kennt und einsetzt.

Kellermeister Michel Städter

Kellermeister Michel Städter

Auch die weitflächig verteilten Parzellen erinnern an Burgund. Die sieben Hektar von Chat Sauvage bestehen aus 70 verschiedenen Weinbergen zwischen Winkel und Lorch, die 20 Kilometer auseinanderliegen – die kleinste Rebfläche weist gerade einmal 400 Quadratmeter auf. Den Großteil von 80 Prozent macht der Spätburgunder/Pinot Noir aus. Zwei Drittel der Rebfläche befinden sich in Steillagen, die ausschließlich von Hand bewirtschaftet werden. Minimale Erträge, mehrfaches Selektieren der Trauben, 18 Monate Ausbau in kleinen Eichenholzfässern sowie eine schonende Flaschenabfüllung ohne Filtration gehören zum grundsätzlichen Prozedere. Die Jahresproduktion des Weinguts beträgt inzwischen rund 30.000 Flaschen im Jahr. Nach einigen Versuchen in Kleinstmengen, ging man mit dem Jahrgang 2005 offiziell an den Start, bereits der Pinot Noir 2007 vom Rüdesheimer Drachenstein zeigte eine herausragende Qualität.

Die Pinot Noirs von Chat Sauvage sind von tiefgründiger, kühler Aromatik. Sie lassen den  Gaumen auf den ersten Schluck nur scheinbar entspannen und reizen schnell und intensiv die Sinne. Leichte Erotik, kein plumper Sex. Gerade bei der Lage Rüdesheimer Drachenstein, unterhalb der Germania. Der Jahrgang 2012 ist trotz seiner Jugend schon sehr präsent, packt mit fleischiger und fast schon wollüstiger Art, aber noch Gentlemen-like. Die feinsinnige delikate Kräuterwürze ist hier markanter als bei den anderen Weinen von Chat Sauvage. Der Pinot aus der Lage Johannisberger Hölle aus dem gleichen Jahrgang zeigt eine ähnliche Handschrift, wird aber durch ein anderes Terroir geprägt, das ihn besonders geschliffen und elegant wirken lässt sowie aparte Aromen von Wildkräutern, Heidelbeere und Waldhimbeere offenbart. Wie fabelhaft dieser Wein zu reifen vermag, belegt der Pinot Johannisberger Hölle 2008: Faunische Finesse, schwarze Johannisbeere, ein Hauch Holunder. Weltklasse.

Die Pinots sind langlebig. Nicht nur in der Lagerfähigkeit auf längere Sicht. Eine geöffnete Flasche behält über eine erstaunliche Zeit ihr Aroma und wird auch nach drei vier Tagen nicht müde.  Das ist auch für die Gastronomie wichtig, die sonst bei vielen Weinen schon nach einem Tag mit oxydativem Verfall zu tun hat. Dekantieren ist selten notwendig, bei den gehaltvollen Rotweinen von Chat Sauvage erweist  es sich als vorteilhaft.

Mehr Burgund als durch Chat Sauvage hat es im Rheingau nie gegeben, mag das manchen auch nicht willkommen sein. Die Idee zur Gründung eines solchen Weinguts stammt vom Unternehmer und Weinsammler Günter Schulze, der zwar aus Hamburg kommt, aber eine Tochter im Rheingau hat und hier auch sonst sehr verbunden ist. Der französische Name für Wildkatze unterstreicht die bemerkenswerte Einzelstellung dieses Weinguts. Kellermeister Michel Städter, der in Geisenheim studierte, auf Schloss Johannisberg tätig war und vier Jahre im Burgund arbeitete, übersetzt das Burgunder-Grundmotiv mit sehr viel Inspiration und erzeugt große Weine in Rhein-Kultur.

Weingut Chat Sauvage, Johannisberg, Hohlweg 23, Tel. 06722 9372586. www.chat-sauvage.de  Die Preise liegen zwischen 9,50 (Gutswein) und 45 € (Lagenwein).