Der Tag, an dem die Politik verschwand

Comeback von Joschka Fischer als Gastrokritiker

Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 2021, so als wenn es erst gestern gewesen wäre. Die politische Landschaft war ausgetrocknet. Längst hatten sich die einst Mächtigen in den Ruhestand verabschiedet oder die Fronten gewechselt, selbst jene, von denen auch im Alter noch etwas zu erwarten gewesen wäre. Gerhard Schröder hatte sich sogar aus den Geschäften in Russland zurückgezogen und tollte tagaus tagein mit seinen Zuchtferkeln Schnitzel und Stimmvieh durch die Lüneburger Heide. Sigmar Gabriel, der nach seinem Ausscheiden aus dem politischen Leben für kurze Zeit das Großunternehmen Mercedes/Haribo leitete und an der Produktion von benzinfreien Gummiautos scheiterte, betrieb eine Dönerbude in seiner Heimatstadt Goslar, um zumindest noch kulinarisch für die deutsch-türkische Versöhnung einzutreten. Auch andere waren älter und satter geworden. Gregor Gysi, dessen politisches Feuer schneller ausgebrannt war als viele dachten, lebte als Tabakplantagenbesitzer auf Kuba. Ausgerechnet der brettsteife Thomas de Maizière fand schließlich seine Berufung als Tanzlehrer für Senioren in der Rhön. Und FDP-Chef Christian Lindner übersiedelte nach Jamaika, um in Kingston das Bob- Marley-Museum zu leiten.

Angelika Merkel hatte von der Politik ebenfalls die Nase voll und betrieb einen Hundefrisiersalon in der Uckermark. Joschka Fischer kehrte nach der Politik auch dem Redenschreiben den Rücken und verdiente sich seine Lachsbrötchen als Restaurantkritiker für ein Frankfurter Journal, das bekanntlich jeden nimmt, der eine Gabel halten kann. Der bemerkenswerteste Abschied gelang Horst Seehofer, der sogar seine bayerische Heimat verlies, um in Las Vegas als Handpuppe von David Copperfield zu arbeiten.

So kam es denn, dass bei den Bundestagswahlen im Jahre 2021 die Bürger immer blasser wurden, weil sie sich nur noch von farblosen Gesichtern umgeben sahen. Als bei Sonnenschein die Wahllokale öffneten, waren die meisten Menschen noch in ihren Betten. Auch später zogen sie es vor, ins Grüne zu fahren, durch die Straßen zu flanieren oder in den Cafés zu sitzen. Noch am selben Abend stand fest, dass die Wahlbeteiligung bei nicht einmal fünf Prozent lag und ein Großteil der Stimmen ungültig war. Die Politik war ratlos, was die Menschen im Land aber nicht weiter als Neuigkeit bewerteten. Nach wochenlangem Gezeter, bei dem die Parteien um jede Stimme stritten und zeitweise sogar daran dachten, das Wahlrecht auf dreizehn Jahre zu senken, wurden schließlich Neuwahlen ausgerufen. Es mag keine Überraschung sein, aber auch die brachten kein anderes Ergebnis. Es gab noch mehrere Wahlen, so lange, bis die Beteiligung nahezu die Nullgrenze erreicht hatte. Weder durch Appelle noch Versprechungen war das Volk in die eine oder andere Richtung zu bewegen. Die Zeit verging, doch nichts änderte sich. Es gab keine anderen Krankheiten als zuvor, niemand lebte länger oder kürzer. Die Menschen aßen und tranken, manchen ging es gut und manchen ging es schlecht. Es wurde gelacht und geweint – nur nicht mehr über die Politik. Die einstigen Volksvertreter gingen angeln, schrieben Bücher oder besuchten Freunde in der Ferne. Und das Volk blickte wie immer voll der Hoffnung in eine ungewisse Zukunft. Ja, so war das im Jahre 2021. Ich erinnere mich noch gut daran, als wäre es erst gestern gewesen.

Ludwig Fienhold

 




Schweizer Stuben reloaded: Riesling-Gala erinnert an das deutsche Küchenwunder

Großes Fest im Kloster Eberbach im Rheingau

 

Eine großartige Idee, die seligen und leider fast vergessenen Schweizer Stuben mit einer Gala wieder für einen Abend aufleben zu lassen. Die erste alte Garde der damaligen Köche war vertreten: Jörg und Dieter Müller, Hans Stefan Steinheuer und Johann Lafer sowie Egbert Engelhardt und Burkhard Schork, der im Restaurant seine Ausbildung machte. Egbert Engelhardt, der zwei Jahre in den Schweizer Stuben in Wertheim am Herd stand, band sich für ein letztes Gastspiel noch einmal die Schürze um. Engelhardt, der im Rheingau durch sein Graues Haus in guter Erinnerung bleibt, war mit seiner Consortium Gastronomie viele Jahre für die kulinarische Seite der Riesling-Gala verantwortlich und übergab Anfang des Jahres die Geschäftsführung an Cem Yoldas vom Nassauer Hof in Wiesbaden, der bei der Riesling-Gala im Kloster Eberbach als guter Geist und Gastgeber allgegenwärtig war.

Wilhelm Weil begrüßt die Gäste

Wilhelm Weil begrüßt die Gäste

657 Gäste kamen zur großen Riesling-Gala ins Dormatorium des Klosters Eberbach. Im einstigen monumentalen Schlafsaal ging es  quicklebendig zu. Die festliche Stimmung war dem Ereignis angemessen, denn diese Gala ist auch ein gesellschaftliches Ereignis, zu dem einige von weit her anreisen. Man erinnerte nicht nur mit manchem Gericht an Adalbert Schmitt und seine Schweizer Stuben, die Bühne gehörte auch den Erinnerungen an diesen außergewöhnlichen Fabrikanten und Gastronom. Den Köchen blieb er vor allem als „Motivator“ und „Visionär“ sowie „strenger, aber auch freundschaftlicher Hausherr“ in Erinnerung, wie Jörg und Dieter Müller meinten. Bilder vom jungen Charmeur Adalbert Schmitt machten die Runde, aber auch solche vom famosen und jung verstorbenen Sommelier Pedro Sandvoss. Jörg Müller servierte getrüffeltes Gänseleberparfait im Baumkuchenmantel mit Apfelsalat und Riesling-Gelee. Unglaublich, dass man seinerzeit in den siebziger Jahren in den Schweizer Stuben damit Furore machen konnte. Damals gab es aber neben Witzigmanns Aubergine und dem Tantris in München, der Schwarzwaldstube in Baiersbronn sowie der Ente in Wiesbaden auch nur eine Handvoll Spitzenadressen in Deutschland. Die Schweizer Stuben haben so oder so das deutsche Küchenwunder möglich gemacht und die gesamte Gastronomie des Landes bewegt und nach vorne gebracht.

Dirk Würtz & sein dickes Bottle-Baby

Dirk Würtz & sein dickes Bottle-Baby

Die leicht nostalgische Riesling-Gala war vor allem ein Ereignis für Weinfreunde. So viel herausragende Tropfen an einem Abend kann man nur selten erleben. An jedem Tisch waren andere Winzer mit ihren Erzeugnissen vertreten, meist Große Gewächse und andere Spezialitäten, auch aus der Doppelmagnum oder der übergroßen Salmanasar-Bottle mit 9 Litern. An unserer Tafel wurde das sechs Gänge-Menü von wunderbaren Weinen von Wilhelm Weil (Rheingau) und Ernst Loosen (Mosel) serviert. Die größte Flasche des Abends tischte Dirk Würtz vom Rheingauer Weingut Balthasar Ress auf. Ganz passend eine Balthasar mit einem Fassungsvermögen von 12 Litern (Rüdesheimer Riesling, Jahrgang 2013). Man konnte auch an anderen Stationen probieren und viel Gutes vom Schlossgut  Diel (Nahe) und den Rheingauer Weingütern Leitz und Spreitzer entdecken. Der Event wurde zum Fass ohne Boden.  Die Service-Brigade der Consortium Gastronomie Wiesbaden vollbrachte schwungvoll eine logistische Meisterleistung. Die erste Riesling-Gala fand vor fast 30 Jahren statt, zweimal fand sie nicht statt. Zum 30. Jubiläum im übernächsten Jahr darf man ein Highlight erwarten.

LF

Riesling GalaIm Tickets-Preis von 230 € enthalten: Aperitif, Gala-Menü mit begleitenden Weinen, Dessert, Kaffee und Weinbar mit weiteren Herzhaftigkeiten. Zeit: 11 – 18 Uhr Gala, danach open end. Insgesamt über 30 Weingüter vertreten. Weitere Infos: Verband deutscher Prädikatsweingüter (VdP) Rheingau, Kiedrich, Tel. 06123 / 67 68 12 . www.vdp-rheingau.de

 

Photocredit: Barbara Fienhold

 

 

 

 

 

Historischer Nachschlag aus dem Archiv

Das Ende einer Legende

 

Abschied von Adalbert Schmitt

und den Schweizer Stuben

 

Unvergessen, wie er mit dem Blick des Künstlers unterm Strohhut rastlos übers Gelände streifte, als sei er auf der Suche nach einem Motiv. Die Schweizer Stuben waren seine Inspiration, die ihn zu einer kulinarischen Palette greifen ließ, mit der er immer wieder neue Farben hintuschte – vor allem aber das Lavendellila Südfrankreichs und die Erdtöne Italiens. Jetzt ist die Leinwand weiß und trägt einen Trauerrand. Adalbert Schmidt wurde zu Grabe getragen, die Legende Schweizer Stuben ebenso.

Den 70. Geburtstag hatte er noch in seinem Hotel in Wertheim am Main gefeiert, in der ihm eigenen Mischung aus Lebensfreude, Schnodderigkeit und Ironie. Zu diesem Zeitpunkt hatte Schmitt gar gehofft, dass die Outlet-Factory-Stores des neu entstehenden „Wertheim Village“ zusätzliche Gäste bescheren würden, doch die Insolvenz war nicht mehr aufzuhalten. Adalbert Schmitt, dessen Privathaus nur wenige Schritte von den Schweizer Stuben entfernt stand, glitten nach einem Jahre währenden Krisengalopp die Zügel vollends aus der Hand. Dass ein solch vitaler Mann mit 73 Jahren durch einen Schlaganfall aus dem Leben scheidet, hängt mit dem Verlust seines Lebenswerkes zusammen, denn die Schweizer Stuben waren weit mehr als eine herkömmliche Hotelanlage: Hier fand vor 33 Jahren die Geburtsstunde eines deutschen Küchenwunders statt. In dieser Talentschmiede wurden viele spätere Sterneköche geformt und gefördert: Dieter und Jörg Müller, Fritz Schilling, Hans Stefan Steinheuer, Stefan Marquard, Ingo Holland, Harald Rüssel und Johann Lafer. Als Spiritus rector sorgte Adalbert Schmitt für jene Prise Geschmacksgenialität, aus der Gutes zu Großem zu werden vermag. Mit untrüglicher Sensorik und kompromissloser Strenge war er der Coach seiner Köche und entwickelte sich dabei selbst zu einer der schillerndsten und maßgebendsten Figuren der deutschen Gastronomie. Er schimpfte auch nach 30 Jahren im politisch baden-württembergischen und lokalkoloriert fränkischen Wertheim noch in bester hessischer Mundart, denn er wuchs in der Bornheimer Heiligkreuzgemeinde im unweiten Frankfurt auf, wo der auch in ihm sitzende Schalk schon immer zu Hause war. Alles, was Schmitt einst als Kunststofffabrikant an einem Millionenvermögen verdient hatte, steckte er in seine Schweizer Stuben, zumal sie ganz im Gegensatz zum Plastik genau die Lebendigkeit versprachen, die er wirklich suchte.

Durch gleich drei Restaurants, die sich zwischen feudalen Chalets auf grüner Wiese in Wertheim-Bettingen am Main verteilten, erwuchs aus den Schweizer Stuben ein Feinschmeckerdorf. Hier erblühte im Hauptrestaurant die Aromenküche Südfrankreichs, ließ die Taverna La Vigna Italien kaum vermissen, zeigte der Landgasthof Schober wie gut fränkische Dorfküche sein kann. Auch das Frühstück geriet stets besser als in den meisten Hotels und wurde à la carte serviert. Das Relais- & Châteaux-Haus hatte insgesamt 33 Wohneinheiten (22 DZ, 3 Suiten, 8 Appartements), wobei die im Landhaus schon eher bungalowartig ausfielen. Schwimmbad, Tennisplätze und Beautyfarm verschafften Urlaubsgefühle, welche durch die Lage in heiler Natur verstärkt wurde. In den siebziger und achtziger Jahren reisten die Gäste zu einem solchen Hort der Glückseligkeit selbst von weit an, Anfang der neunziger hatten sie irgendwo auf der Welt längst auch andere schöne Plätze erkundet. Den Schweizer Stuben haftete trotz aller kulinarischen Anstrengungen und Erfolge plötzlich das negative Bild des Verstaubten an.

Nach dem (vorläufigen) Ende der Schweizer Stuben vor drei Jahren – die besten Köche befanden sich bereits in anderen Hotels – übernahmen zwei neue, gastronomisch unkundige Betreiber aus Leipzig das Unternehmen. Helmut Materna und Siegmar Sasek (GbR) führten die Anlage ohne Konzept und Fortune und mussten Ende letzten Jahres ebenfalls in die Insolvenz gehen. Mit einem Schlag standen die verbliebenen Mitarbeiter des Hotels ohne Arbeitgeber da, wobei sich die vorausschauenden der einst 80 Angestellten ohnedies schon längst abgesetzt hatten. Inzwischen haben die Gläubigerbanken den Besitz an eine gewisse East Western Real Estate Company verkauft, dem Vernehmen nach für einen Schnäppchenpreis von 1,3 Millionen Euro. Langfristig will das Unternehmen aus dem ehemaligen Resort Miet- und Eigentumswohnungen machen, wobei im hinteren Bereich, wo einst das italienische Lokal war, ein nobles Altenwohnheim entstehen soll. Bis dieses, von der Stadt Wertheim abzusegnende Vorhaben umgesetzt werden kann, herrscht eine eher gespenstische Situation. Derzeit sind die schönen Zimmer bereits ab 55 Euro zu haben. Im einstigen Gourmetrestaurant werden Billig-Schnitzel in allen Varianten serviert, auf dem gleichen feinen Porzellan wie in den großen Zeiten des Hotels. Wer heute über das wie ausgestorben wirkende Gelände in Wertheim streift, den ergreift ein Gefühl der Beklemmung. Aber auch der Dankbarkeit, dass es so etwas wie die Schweizer Stuben überhaupt gegeben hat.

Ludwig Fienhold

 

Nachtrag

Zur Beerdigung von Adalbert Schmitt kamen 350 Menschen, darunter fast alle Spitzenküche aus seiner einstigen Brigade, wie die Brüder Dieter und Jörg Müller. Der Chefredakteur des Restaurantführers Gault Millau Manfred Kohnke nannte Schmitt in einer bewegenden Grabrede einen leidenschaftlichen, phantasievollen und hochsensiblen Schöngeist, der mit dazu beigetragen habe, dass Deutschland nicht nur als Land der Dichter und Denker, sondern auch der Genießer bekannt wurde. Adalbert Schmitts Frau Petra leitet nach wie vor das Vier-Sterne-Seehotel Niedernberg bei Aschaffenburg, Sohn Andreas ist Wirtschaftsdirektor bei Privathotelier Althoff und für die gastronomischen Belange aller Häuser verantwortlich, Sohn Roman führt das Upstalboom Strandhotel auf Wangerooge

Dieser einzige größere Nachruf in Deutschland erschien am 30. Juli 2005 in der Frankfurter Neue Presse

 

 

 




Der neue Michelin 2018: Gewinner & Verlierer auf einen Blick

Neuer Glanz am Sternenhimmel: Das Restaurant Atelier von Jan Hartwig im Bayerischen Hof in München erhält erstmals drei Sterne im neuen Guide 2018. Die größte Überraschung ist das mit zwei Sternen ausgezeichnete Keilings im niedersächsischen Bad Bentheim. Die Schwarzwaldstube in der Traube Tonbach in Baiersbronn ist abermals mit einem dritten Stern gekürt worden, womit sich der Nachfolger von Harald Wohlfahrt, Torsten Michel,  für heute Abend beruhigt zurücklehnen kann. Nils Henkel von der Burg Schwarzenstein im Rheingau erhielt zwei Sterne, während der Frankfurter Tigerpalast seine beiden Sterne verlor. Im Rhein-Main-Gebiet standen neben Nils Henkel vor allem hier Restaurants im Blickpunkt des Interesses. Wird das umstrittene Atelier Wilma in Frankfurt wieder ausgezeichnet?  Darf das Seven Swans nach seiner Totalumstellung auf Vegetarisch seinen Stern behalten? Konnte das neue Frankfurter Biancalani mit seiner kreativen italienischen Küche ausreichend überzeugen? War das Kronenschlösschen in Hattenheim im Rheingau in der Lage, den verloren gegangenen Stern wieder zu bekommen? Atelier Wilma und Seven Swans haben ihren Stern behalten, Biancalani und Kronenschlösschen gehen leer aus.

Insgesamt gibt es in Deutschland elf 3-Sterne-Restaurants, eins mehr als im Vorjahr. Der Michelin kommt am 17. November in den Buchhandel.

Bild oben: Die neuen 2-Sterne-Köche: v.l. Marco Müller, Rutz; Tristan Brandt, Opus V; Tohru Nakamura, Geisels Werneckhof.

Alle Sterne auf einen Blick mit einem Klick:

Sterne 2018

Michelin 2018 Gewinnertypen

 

 

 

 

 

 

 

Glückliche Gewinner (v.l.) Nils Henkel, Christian Scharrer, Jan Hartwig, Boris Rommel und Lars Keiling




Restaurantkritik: Seven Swans

Kraut & Rüben sind noch keine vegetarische Küche

 

Von Ludwig Fienhold

 

Grüner Problemfall

So wird das nichts mit dem Vegetariat

 

Das Seven Swans hat sich an der Wurzel gepackt und serviert nur noch Grünes, vorwiegend von den eigenen Wiesen im Taunus. Man will ohne Fisch und Fleisch auskommen, hat aber die alte Küchenmannschaft beibehalten, die mit dem bisherigen Konzept sehr gut aufgestellt war. Dieser radikale Schnitt mag aus der Sicht eines Vegetariers ein Fortschritt sein, aus dem Blickwinkel des Genießers wurde damit aber die eigentliche Substanz aufs Spiel gesetzt.

Dass man vor dem Essen seine Hände in unschuldiges Wasser mit Kräutern tauchen und reinwaschen kann, passt zu einem vegetarischen Restaurant, ist aber auch ein Ritual, das wie alle Rituale Nervpotential hat. Man kann es allerdings ebenso als netten Einstieg begreifen. Das eigentliche Entree mit gutem Vinschgauer Brot, gesalzener Butter mit Tannenwipfelsprossen und Rapsöl mit Knoblauchrauke ist uns dennoch lieber. Im Seven Swans gibt es nur noch zwei Menüs (5 Gänge 79 €, 6 Gänge  89 €), denen man mit keiner Kombination entkommen kann – alles nur noch im grünen Bereich. Für einen, der nach einem Wurstzipfel sucht, gibt es keinen Lichtblick. Der Jagdhund am Nebentisch saß unterm Tisch und würdigte dem Geschehen nicht einmal einen müden Blick.

Jan Hoffmann mit sterbendem Schwan

Jan Hoffmann mit sterbendem Schwan

Die Preise sind ganz gewiss für die ein Problem, die keine hochwertigen und teuren Fleisch/Fisch-Produkte mehr auf dem Teller sehen, sondern nur noch Gemüse, Wurzeln und Kräuter, die von den eigenen Wiesen im Taunus stammen. Können der Einsatz des Gärtners dort und der Mehraufwand in der Küche diese Preise rechtfertigen?

Das wäre alles gar kein so großes Thema, wenn das Ergebnis stimmen würde. Wir hatten angesichts der Speisekarte kein geschmackliches Erdbeben erwartet, aber doch wenigstens so etwas wie eine Regung. Es rührte sich aber leider auf keinem Teller etwas. Kein Blatt lebte, alles wirkt müde, energielos, monoton. Beim Grünkohl mit Holunder, Blumenkohl und Graupen war von einem Holunderduft nichts wahrzunehmen, die ganze Masse erschien eher wie eine einsame Grütze, die sich nicht nach der Gesellschaft des Gastes sehnte und lieber weiter allein bleiben wollte. Wir haben sie und uns dennoch gequält, weil wir dachten, dass irgendwann in der Tiefe des Tellers vielleicht doch noch so etwas wie Geschmack auftauchen könnte. Man kann mit Zucchini, Johannisbeeren, Senfsaat und Wildkräutern spielen, nur muss dann auch eine schlüssige Kombination mit einer Aussage daraus entstehen. Buschbohnen, Äpfel, Schalotten, Linsen und Altefelder Uralt Käse sind für sich genommen ehrenwerte Gesellen. Man kann sie aber auch gegen ihren Willen so zusammenbringen, dass ihre Verbindung völlig sinnlos erscheint. Seltsam leer auch die Mixtur aus Zuckerwurzel, Pfirsich, Vogelmiere und Haferwurz. Wir hofften insgeheim, dass spätestens jetzt Hape Kerkeling aus der Küche springen würde, der seinerzeit mit seinem legendären „Hurz“-Gesangsgedicht den Ernst des Bildungsbürgertums parodierte. Doch das Essen im Seven Swans war bitterer Ernst.

Grünkohl-Gericht

Grünkohl-Gericht

Kraut und Rüben ergeben noch lange keine vegetarische Küche. Wie man Vegetarisches mit Finesse, Aromatik und Spannung präsentieren kann, zeigen in Frankfurt beispielsweise die Restaurants Lafleur und Gustav. Küchenchef Jan Hoffmann und sein Team vom Seven Swans haben vor der Konvertierung zum Vegetarischen bewiesen, dass sie gut sind und tolle Gerichte über den Pass schicken können. Doch jetzt scheint alles anders. Hier kocht jemand mit großer Mühe und doch verzweifelt vor allem gegen sein eigentliches Talent an.

Im Seven Swans wurde schon immer mit Hang fürs Grün gearbeitet. Als das Restaurant mit Kimberly Unser als Küchenchefin eröffnete, hatte es mit seiner kunterbunten Wald & Wiesen-Küche einen innenwohnender Zauber, den es danach nie wieder erreichte.

Seven SwansDas Seven Swans gehört zu den schönsten und amüsantesten Design-Adressen der Stadt. Der Service ist besser denn je. Der neue Restaurantleiter Christoph Schulz zeigt die Leidenschaft, die der Küche derzeit fehlt. Seinem beherzten und fundierten Engagement ist es zu verdanken, dass der Abend im Seven Swans etwas Freudiges und Lebendiges vermittelte. Ähnliches gilt für die Weine. Anfangs gab es eine recht kümmerliche Karte, die trotz mancher zufälliger Treffer oft ins Leere zielte. Inzwischen ist daraus immerhin eine eigenständige gute Auswahl geworden, die biologische Weine präferiert. Es gibt ausreichende Empfehlungen – etwa den wunderbaren frischen Jura-Chardonnay „Marcus Terentius Varro“ von der Domaine Buronfosse. Eine absolute Überraschung ist  der feinperlende Cremant von Rietsch aus dem Elsass, wo dieser Extra Brut gemachte Schaumwein unter den alkoholischen Zuckerbomben der Region wie ein schlanker Exot erscheint.

 

Seven SwansSeven Swans, Frankfurt, Mainkai 4, Tel. (069) 21 99 6226. Geöffnet Dienstag – Samstag ab 18.30 Uhr. Menü: 79 und 89 €.

 www.sevenswans.de.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Restaurantkritik Biancalani: Neue kreative italienische Küche

Wo sich Unschuld

und Lust vereinen

 

Von Ludwig Fienhold

 

Welch ein fulminanter Start. Schon kurz nach der Eröffnung zählt das Biancalani zu den spannendsten italienischen Restaurants in Deutschland. Wohlige Wohnküchen-Atmosphäre, individuelle kreative Küche und handverlesene Weine schaffen eine außergewöhnlich gute Spitzenposition.

Die Toskana ist keine bloße Landschaft, sie ist der Sehnsuchtsort unserer Seele. Im Biancalani zergeht die Sehnsucht auf der Zunge. Schwebende Teller fügen sich zu einem Corso al Gusto, bei dem man zwischen 10 Gerichten wählen und beliebig kombinieren kann (à 15 €, ab dem 5. Teller nur 10 €). Zwei würden im Grunde genügen, doch man verlangt unweigerlich nach mehr, weil alles animierend, beschwingt und schwerelos ausfällt. Christoph Kubenz und sein Co Tomas Schön stehen nicht für eine italienische Casalinga, die gibt es ja auch schon in sehr guter Art gleich nebenan in der Casa di Tomilaia. Im Biancalani wird man von einer kreativen Küche und feinsinnigen Kombinationen überrascht, unterhalten und sogar glücklich gemacht. Es gibt auch sonst einige Adressen, die bekannt für ihre herausragenden Saucen sind, doch niemand in Frankfurt kümmert sich in einer solch hingebungsvollen Vielfalt dem Thema. Im Biancalani sind es eher selten muskulöse Reduktionen, sondern mehr luftige und doch ausdrucksvolle Fonds, die jeweils im Mini-Milchkännchen à part serviert werden.

BiancalaniMan wird sie schlecken, man wird sie löffeln und man möchte sie sich am liebsten in eigene Flaschen abfüllen lassen. Diese Essenzen der Küche sind das ganz besondere Charakteristikum des Biancalani. Die erstklassigen Roten Riesengarnelen baden in einem herrlich süffigen und mit Thymian und Knoblauch abgeschmeckten Garnelenfond und werden von geräuchertem Fenchel, Fenchelcreme und frittiertem Dill aromatisch eskortiert. Beim saftigen marinierten Tunfischtatar mit Gel von grünen Tomaten, Basilikum-Kartoffelchips und nach süßen Anis schmeckender Atsina-Kresse setzt eine duftige Basilikumcreme die Pointe. Mit wenigen Komponenten gelingen der Küche von Harmonie und Stilsicherheit getragene klarlinige Arrangements. Die Peperonata ist normalerweise ein einfaches Schmorgericht, wird aber im Biancalani anders und deutlich raffinierter aufgebaut: Paprikaterrine, grüne Paprikamarmelade, Kapern-Essig-Gurken-Tapenade, gebackene Kapern, süßer Paprikakartoffelchip, Kartoffelwürfel und Kartoffelfond. Überhaupt kann man sich hier auch den gut vertretenen vegetarischen Gerichten anvertrauen, weil sie sehr überlegt und sinnlich angelegt sind und mit dem oft zu bekommenden faden Grün nichts gemein haben. Die Küche setzt gerne Gegensätzliches ein, wenn es Sinn macht: crunchy & cremig, süß & sauer, fest & flüssig, warm & kühl. Auf dem Teller ergibt das eine schöne Dramaturgie, die der Zunge Spielraum und Spannung gibt.

Famoser Raviolo

Famoser Raviolo

Man freut sich natürlich bei einem Italiener immer über Pasta. Wer ein Maulvoll davon haben möchte, ist in der Casa di Tomilaia vielleicht besser aufgehoben. Wer aber die kleinen Delikatessen des italienischen Lebens schätzt, wird sie im Biancalani mehr genießen. Der schlotzige Raviolo mit Kalbshaxenragout, Rosinen, Sardellencreme und Spinatfond ist unwiderstehlich gut – und: niemand wird daran gehindert, einen zweiten Teller davon zu bestellen. Gerade, weil der Küche solche Pasta-Gerichte besonders gut gelingen, sollten sie auch etwas häufiger eingesetzt werden. Flank Steaks findet man inzwischen nicht nur bei Grillfreunden und immer mehr in der Topgastronomie. Die rosa gebratenen Streifen im Biancalani sind ausgezeichnet, doch Star ist noch mehr als das Fleisch die dichte energiegeladene Tonkabohnenjus. Desserts gibt es stets reizvolle, das schmelzige Maisbutter-Eis mit weißem Schokoladenbisquit und Melone ist allerschönster Kindergeburtstag für Erwachsene. Es ist die neue kreative Seite der italienischen Küche, die man als Gast im Biancalani erleben kann. Das hat Seltenheitswert in der Stadt und in ganz Deutschland. In seiner ungewöhnlichen Mischung aus Unschuld und Lust, erinnert das Biancalani an die selige Taverna la Vigna in den unvergessenen Schweizer Stuben in Wertheim. Damals galt dort gebratenes Täubchen mit Marsala-Feigensauce und gebackener Polenta als herausragend – und war es auch. Doch das Biancalani ist die intelligente Weiterentwicklung der klassischen italienischen Küche, ohne in eine existentialistische Avantgarde-Attitüde abzudriften.

Küchenchef Kubenz

Küchenchef Kubenz

Auf die gleiche hohe Ebene wie die Küche stellt sich auch die außergewöhnliche Weinkarte. Sie ist nicht das Erzeugnis von Weinhändlern, sondern von eigenen Überzeugungen. Man findet eine Auswahl von allerbestem Lambrusco aus der Emilia, die hoffentlich zum Umdenken über diese bei uns sozial vernachlässigte Sorte Anlass gibt. Man darf sich überraschen lassen von sonst kaum zu entdeckendem und packendem Sagrantino aus Umbrien, der die kühlen Tage mollig warm werden lässt. Und man stößt selbstredend auf eine Selektion der eigenen Weingüter, die zum Biancalani gehören. Bei Deutschland zeigt man mit Riesling, wo der Bartl seinen Most holt. Und das nicht nur mit Spitzenweingütern, sondern gerade durch Newcomer und Insidertipps. Frankreich ist mit handverlesenen Flaschen dabei, man probiere nur einmal den Ekstase-Wein Fleurie von Julien Sunier. Ein Champagner von Weltklasse-Format ist der „Robert Fleury“ von Jean-Pierre Fleury, der bereits seit Anfang der 80er Jahre biodynamisch arbeitet, als dies noch kein Trend war und in der Champagne als revolutionär galt. Die gastfreundlichen Preise im Biancalani regen zum Umtrunk ein, zudem darf man sich vieler offener Weine bedienen – die es im angenehmen 0,15l Glas gibt. Für alle Weine gibt es mit dem großen „Gabriel“-Glas einen ausgezeichneten Allrounder, aus dem auch viele Champagner besser schmecken.

BiancalaniRestaurantleiter Max Schnell und Sommelier Dave Müller wollen mit ihrem saloppen Auftritt auch jüngere Gäste erreichen und sorgen für einen munteren und  aufmerksamen Service. Dave Müller kann glücklich sein, zu seinem Antritt einen solch guten Weinkeller angetroffen zu haben, ergänzt diesen aber auch mit eigenen Ideen. Ganz oben auf der Sympathieskala steht bei uns unter den Servicemitarbeitern der junge Semi, der enorm engagiert ist und auch bei hektischem Ablauf nie zu lächeln vergisst. Es wird etwas dauern, bis man so etwas wie seinen Lieblingsplatz ausfindig machen kann, da es dafür viele Kandidaten gibt. Der kleine exklusive Chefs Table mitten in der Küche ist etwas für besondere Abende, aber auch von vielen anderen Plätzen kann man mit den offen hantierenden Köchen auf Tuchfühlung gehen. Das Gefühl, in einer Wohnküche zu sitzen, vermittelt auf schöne Weise der Vierertisch am Pass. Dekor und Atmosphäre sind von einer amüsanten Schwerelosigkeit, die  entspanntes Genießen leicht macht.

 

Siehe auch BISS-Artikel „Italien Reloaded“ zur Eröffnung des Restaurants

 

Biancalani-Titel - 1Biancalani, Frankfurt, Walther-von-Cronberg-Platz 9

Öffnungszeiten: Di-Sa 18-24 Uhr (Küche bis 22.30 Uhr)

Reservierungen: Tel. 069 – 68977615

www.biancalani.de

 

Photocredit: Barbara Fienhold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Cheese please: Die Käse vom Rheingau-Affineur

Meisterhafte Käse & edelsüße Weine beim Gourmet-Festival

 

Aus dem Rheingau kommt nicht nur fabelhafter Wein, sondern auch großartiger Käse. Die „Rheingau-Affineure“, ein feines und handwerklich hochsolide arbeitendes Familienunternehmen, macht mit ihren Erzeugnissen Furore. Beim kommenden Gourmet & Wein-Festival im Kronenschlösschen in Hattenheim wird diesem Thema eigens ein moderiertes Mittagessen gewidmet. Das Festival beginnt zwar erst im nächsten Jahr, doch die Tickets sind stets schnell bereits im Vorverkauf vergriffen, der jetzt begonnen hat.

Affineur Reiner Wechs

Affineur Reiner Wechs

Rheingau KäseDer Affineur hat in Frankreich als Beruf eine lange Tradition. Dieser „Käse-Verfeinerer“ spürt die besten Käse auf und pflegt die Rohkäse in seinen eigenen Reifekellern, bis sie im idealen Klima das typische Aroma und den perfekten Reifegrad haben. Jeder Affineur hat seinen persönlichen Stil, was „seinen“ Käse so einzigartig macht. Die Rheingau-Affineure Reiner Wechs und Anke Heymach (Vater und Tochter) produzieren heimische Käse-Spezialitäten in höchster Qualität, wobei sie Kleinkäserein in der Region anleiten und unterstützen. Die Käse sind nach Meinung des Gourmet-Festival-Veranstalters H.B. Ullrich den großen französischen Käsen nicht nur ebenbürtig, sondern inzwischen sogar überlegen.

Beim kommenden Gourmet & Wein-Festival soll es eine Auswahl der besten Sorten geben: Rheingauer Runde (Munstertyp, samtweich, würzig-zart); Rheingauer Spätburgunder-Tresterkäse (Rarität, im Gewölbekeller gereift und eingelegt im Spätburgundertrester); Zisterzienser-Käse (kräftiger Bergkäse,würzig und markant); Äppelwoi-Käse; Bierkäse (aus dem Vorarlberg, mit Rheinhessen Braubier verfeinert); Honig-Nuss-Käse; Blauschimmel-Lakritze. Die Milch stammt immer von heimischen Ziegen und Schafen, die Käse reifen in Gewölbekellern.

Der Rheingau AffineurZum Abschluss gibt es heimische Camembert und Brie im Blätterteig gebacken mit glasierten Portwein-Äpfeln. Dazu werden rare Ports von Ramos Pinto (Collector Reserva 2011 Late Bottled Vintage und 1994 Quinta da Ervamoira Single Quinta Vintage Port) serviert. Das Käse-Menü begleiten mit ihren Weinen außerdem die Winzer Bernd Schönleber (Weingut F.B. Schönleber, Rheingau) mit Alte Reben, Oestricher Klosterberg Riesling trocken und Oestricher Doosberg Riesling Auslese edelsüß sowie Michael Gross aus dem Familienweingut Gross/Südsteiermark mit seinen Spezialitäten Gewürztraminer und Sauvignon Blanc. Moderiert wird der Lunch von Kulturhistoriker und Journalist Erwin Seitz.

Käse-Lunch, Mittwoch 7. März 2018, Kronenschlösschen Hattenheim. Preis für Käse und sämtliche Weine: 85 € pro Person.

Kronenschlösschen, Eltville-Hattenheim, Rheinallee, Tel. 06723 640. Buchungen über: info@kronenschloesschen.de

www.kronenschloesschen.de

 

 

 

 

 

 

 




Gastro News: 3 Schließungen und eine Wasserleiche

Keine brasilianische

Küche mehr

Das einzige brasilianische Lokal Frankfurts hat geschlossen und wird einer tibetanischen Küche Platz machen. Das Do Brasil war ein besonders sympathischer Exot in der Frankfurter Gastronomie.  Überregional bekannt wurde die Adresse im Westend durch die TV-Serie „Mein Lokal, Dein Lokal“, bei der Antonio De Sá Rocha und sein Koch Jimmy die Herzen der Zuschauer eroberten. Das Lokal hatte aber nicht nur eine nette Atmosphäre zu bieten, vor allem die Küche war sehr gut. Das brasilianische Nationalgericht Feijoada, sämiger schwarzer Bohnen-Eintopf mit verschiedenen Fleischsorten und geräucherter Wurst, gelang besonders gut. Bei Camarão Alho e Óle, gebratenen Scampis in feinem Knoblauchöl, kam Urlaubsstimmung auf, wobei der Sud bis zum letzten Tropfen zum Auftunken animierte. Unvergessen auch Salpicão de Frango, brasilianischer Hähnchensalat, und Picanha a Brasileira, wunderbar gewürztes und gegrilltes saftiges Rindfleisch mit Maniokbröseln.

 

Kein Glückskeks

Das Restaurant Yung in der Hügelstraße in Frankfurt-Eschersheim muss wegen einer anstehenden Mieterhöhung aufgeben. Es war eines der ersten und besten China-Lokale der Stadt. Nach fast 30 Jahren schließt das Familienunternehmen nun zum Jahresende. Betreiber Chikei Yung ließ offen, ob er an anderer Stelle weitermachen wird.

 

Wasserleiche

Vor über einem Jahr ging ein scheußliches und riesengroßes Hausboot an der Sachsenhäuser Mainseite am Eisernen Steg vor Anker.Der weiße Ponton gleicht eigentlich mehr einer leeren Baustelle und verursacht den Augen Schmerzen. Der Eiserne Steg, eines der wichtigsten Wahrzeichen Frankfurts, wurde dadurch optisch degradiert.  Ein Baudenkmal, das obendrein unter Denkmalschutz steht, hätte mehr Respekt und ein anderes Umfeld verdient. Unter dem Namen Freigut will Gastronom Thomas Klüber im Frühjahr 2018 jedenfalls Gästen mit einer bewirteten Schwimminsel einen Platz an der Sonne bieten. Einen besseren Platz für eine Sonnenuntergangsstimmung mit Skylineblick gibt es nicht. Ein gutes Stück weiter in Richtung Untermainbrücke würde das Freigut weniger stören. Wäre das Ungetüm kleiner dimensioniert und so nett anzusehen, wie das andere am Eisernen Steg liegende schwimmende Lokal, hätte man mehr Freude daran.

 

Onsen-Ei-Brüter fliegt davon

Christian Lohse verlässt nach zehn Jahren im Dezember das Fischers Fritz im Hotel Regent in Berlin. Der Michelin ehrte ihn mit zwei Sternen, beim Gault & Millau erhielt er mindere 16 Punkte und einen mürrischen Text. Die Preise changierten zwischen heftig bis überheblich, vor allem bei den Weinen. Lohses Onsen-Ei war zwar in aller Munde, aber er hinterlässt vor allem eine solide Küche mit Spitzenprodukten. Der Service und das Ambiente bleiben nur in blasser Erinnerung. Lohse wird noch mehr als bisher ins Fernsehfach wechseln, dort schätzt man solche nassforschen Typen. Das Restaurant wird eine Pause machen und die Zeit für einen Umbau sowie eine Neuorientierung nutzen.

 




Ausgetrunken: Das Sterben der Weinläden Michael Risse hört ernüchtert auf

Durch die Szene der Weinläden geht leider kein Ruck, sondern ein Riss. Immer mehr kleine Geschäfte sitzen auf dem Trocknen. Jetzt macht auch Michael Risse Schluss und lässt den Vorhang  zu seinem Wein & Food Laden an der Humboldtstraße im Frankfurter Nordend fallen. Dieser war mehr als ein Geschäft und schon eher eine kleine Theaterbühne mit denkwürdigen Protagonisten und eigenwilligen Charakteren.

Michael Risse ist seit vielen Jahren einer der markantesten Vertreter der Frankfurter Weinszene. Mit seinen Reitstiefeln erscheint er, als würde er die Weinfässer noch mit dem Pferdefuhrwerk ausliefern. 1977 fing er auch mit einem Fasshandel an und füllte Flaschen mit eigenem Etikett ab. Später folgte das Geschäft im Nordend, wo Risse ausgesuchte Weine, edle Gläser und Havannas verkaufte, während sich seine Frau Sabine um das Sortiment an Feinkost und Lebensmitteln kümmerte.

Nach dem Abitur wollte Michael Risse eigentlich in einem der Frankfurter Luxushotels anfangen, was aber nicht klappte. Deshalb absolvierte er zunächst ganz brav eine Banklehre und studierte später Jura. Beides keine schlechten Voraussetzungen für ein Geschäftsleben. Ernüchtert muss Michael Risse heute feststellen: „Das Geschäft rentiert sich nicht mehr.“ Seine Kunden würden „überaltern oder verarmen“. Hinzu kommen der Druck von den Discountern, die immer stärker auf den Weinmarkt drängen, sowie das Internet-Weingeschäft. Risse, Jahrgang 1948, zog jetzt die Reißleine, denn er muss nicht nur mit den Finanzen, sondern auch mit den eigenen Kräften haushalten. Letzter Weg: Sein Betrieb ging in die Insolvenz. Ob sich Michael Risse so ganz aus dem Weinhandel und der Gastronomie zurückziehen wird, bleibt abzuwarten. Sein schelmisches Pokerface mag vielleicht verraten, dass er doch noch ein Ass im Ärmel hat.

RisseBei einem guten Tropfen erinnern wir uns mit Wehmut: Diese Verschwommenheit aus  Weinladen, Lebensmittelhandel und Comedy Club gab es kein zweites Mal in Frankfurt. Die Tante Emma hieß hier Michael Risse, sah aus wie ein Berufsbösewicht der Filmbranche, der sich dann aber im wirklichen Leben als herzensguter Hartschalen-Verwandlungskünstler erwies, welcher zwar mit dem immergleichen Gesichtsausdruck auskam, aber ansonsten die allerfeinsten Facetten offenbarte. Der Herr Risse verkaufte auf 20 Quadratmetern 1002 Produkte. Unübersichtlicher ging es kaum, spannender aber auch nicht. Irgendwo entdeckte man eine ziemlich gute Flasche, ein schönes Glas, eine amüsante Antiquität, merkwürdigen Trödel. Im hintersten Eck bei den Lebensmitteln warteten Wildschwein-Mortadella, Maultaschen mit Kalbfleisch und Bärlauch, Semmelknödel mit Speck, Tafelspitzsülze, grobe Bratwürste mit Fenchel, Mangos aus Pattaya.

Michael Risse versorgte die Gastronomie, doch am liebsten kamen jene Individualisten in seine Villa Kunterbunt, die ein persönliches Gespräch mit bissigen Pointen und ungenauem Ziel schätzten. Seine als Kundeninformation gedachten Faxe und Mails galten als Kult-Briefe. Dort richtet er seine Gedanken an „geeichte Zecher, Prosecco-Geschädigte und appetitlose Frauen“. Und verkaufte so nebenbei ein Füllhorn an Flaschen und guten Worten. Wer das blaue Wunder suchte – dort konnte er es erleben.

Ludwig Fienhold

 

Foto: The Last Man Standing

Angelika von Lintel

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ausgetrunken: Das Sterben der Weinläden

Ernüchternd: Michael Risse hört auf

 

Durch die Szene der Weinläden geht leider kein Ruck, sondern ein Riss.

Immer mehr kleine Geschäfte sitzen auf dem Trocknen. Jetzt macht auch Michael Risse Schluss und lässt den Vorhang  zu seinem Wein & Food Laden an der Humboldtstraße im Frankfurter Nordend fallen. Dieser war mehr als ein Geschäft und schon eher eine kleine Theaterbühne mit denkwürdigen Protagonisten und eigenwilligen Charakteren.

 

Michael Risse ist seit vielen Jahren einer der markantesten Vertreter der Frankfurter Weinszene. Mit seinen Reitstiefeln erscheint er, als würde er die Weinfässer noch mit dem Pferdefuhrwerk ausliefern. 1977 fing er auch mit einem Fasshandel an und füllte Flaschen mit eigenem Etikett ab. Später folgte das Geschäft im Nordend, wo Risse ausgesuchte Weine, edle Gläser und Havannas verkaufte, während sich seine Frau um das Sortiment an Feinkost und Lebensmitteln kümmerte.

 

Nach dem Abitur wollte Michael Risse eigentlich in einem der Frankfurter Luxushotels anfangen, was aber nicht klappte. Deshalb absolvierte er zunächst ganz brav eine Banklehre und studierte später Jura. Beides keine schlechten Voraussetzungen für ein Geschäftsleben.

Ernüchtert muss Michael Risse heute feststellen: „Das Geschäft rentiert sich nicht mehr.“ Seine Kunden würden „überaltern oder verarmen“. Hinzu kommen der Druck von den Discountern, die immer stärker auf den Weinmarkt drängen, sowie das Internet-Weingeschäft. Risse, Jahrgang 1948, zog jetzt die Reißleine, denn er muss nicht nur mit den Finanzen, sondern auch mit den eigenen Kräften haushalten. Ob sich Michael Risse so ganz aus dem Weinhandel und der Gastronomie zurückziehen wird, bleibt abzuwarten. Sein schelmisches Pokerface mag vielleicht verraten, dass er doch noch ein As im Ärmel hat.

 

Bei einem guten Tropfen erinnern wir uns mit Wehmut: Diese Verschwommenheit aus  Weinladen, Lebensmittelhandel und Comedy Club gab es kein zweites Mal in Frankfurt. Die Tante Emma hieß hier Michael Risse, sah aus wie ein Berufsbösewicht der Filmbranche, der sich dann aber im wirklichen Leben als herzensguter Hartschalen-Verwandlungskünstler erwies, welcher zwar mit dem immergleichen Gesichtsausdruck auskam, aber ansonsten die allerfeinsten Facetten offenbarte. Der Herr Risse verkaufte auf 20 Quadratmetern 1002 Produkte. Unübersichtlicher ging es kaum, spannender aber auch nicht. Irgendwo entdeckte man eine ziemlich gute Flasche, ein schönes Glas, eine amüsante Antiquität, merkwürdigen Trödel. Im hintersten Eck bei den Lebensmitteln warteten Wildschwein-Mortadella, Maultaschen mit Kalbfleisch und Bärlauch, Semmelknödel mit Speck, Tafelspitzsülze, grobe Bratwürste mit Fenchel, Mangos aus Pattaya.

 

Michael Risse versorgte die Gastronomie, doch am liebsten kamen jene Individualisten in seine Villa Kunterbunt, die ein persönliches Gespräch mit bissigen Pointen und ungenauem Ziel schätzten. Seine als Kundeninformation gedachten Faxe und Mails galten als Kult-Briefe. Dort richtet er seine Gedanken an „geeichte Zecher, Prosecco-Geschädigte und appetitlose Frauen“. Und verkauft so nebenbei ein Füllhorn an Flaschen und guten Worten. Wer das blaue Wunder suchte – dort konnte er es finden.

 

Ludwig Fienhold

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 




Regionale Entdeckungen: Landgasthof Zum Hirsch von Markus Nagy

Der kreative Regionalkoch steht jetzt im Hirsch am Herd

 

Markus Nagy ist ein Regionalkoch erster Klasse. Zwölf Jahre stand er im „Löwen“ in Eggenstein bei Karlsruhe an Herd und betrieb nebenbei noch den ebenfalls hervorragenden Landgasthof „Zum Hirsch“ in Remchingen. Inzwischen hat Nagy den Löwen aufgegeben und kocht nun nur noch im Hirsch. Nagy arbeitete einst im legendären Bareiss, dem Deidesheimer Hof und in der Villa Hammerschmiede in Pfinztal. Allesamt hochdekorierte Adressen, wobei sein Löwe auch mit einem Michelin-Stern und 16 Punkten im Gault & Millau ausgezeichnet wurde

Markus Nagy

Markus Nagy

Der Hirsch ist wahrlich der Platzhirsch im Kraichgau. Der talentierte Christoph Bakowski servierte als Küchenchef geräucherte und geschmorte Kraichgauer Spanferkelbäckchen oder fabelhaften Flusszander in aromatischem Waldpilzschaum mit Steinpilzen und Wilferdinger Kartoffeln. Die temperamentvolle und leidenschaftliche Regionalküche ist nach wie vor so anzutreffen. Und hat mit Markus Nagy jetzt noch an Kraft und Ideen gewonnen. Geschmorte Jungbullenschulter, gegrillte Wachtel mit Entenleber in Nussbutterschaum oder knusprig gebratener Rascasse auf heimischen Steinpilzen in Weißburgundercreme und Kartoffel-Schnittlauch-Stampf sind einige der Highlights. Zudem erlebt man schöne Einfälle, wie die verschiedenen gebratenen Bauernstullen, beleget mit gegrilltem Pulpo oder Anis Lachs und Dill-Senf. Unsere besondere Empfehlung sind die kleinen Köstlichkeiten von Land & Meer, die auf einer Etagere mit herausnehmbaren Tellerchen serviert werden (4 für 21,50 €). Allein die großartige hausgemachte und rösche Blutwurst mit Röstzwiebeln und Spätburgunderjus vermittelt schönsten ländlichen Genuss.

Hirsch von Nagy

Die Desserts werden auf dem Holztablett (im Einweckglas) hübsch präsentiert und sind durchweg gut. Grundsätzlich bietet der Landgasthof hohes Niveau zu geerdeten Preisen. Zu den Lieferanten zählen einige umliegende Biobauern und Biolandhöfe, das Wild bezieht der „Hirsch“  komplett aus heimischer Jagd, der Fisch kommt vom Rheinfischer Schwab.
Der Kräutergarten wurde um rund 30 verschiedene Wildkräuter erweitert, ebenso werden Tomaten, Bohnen, Rettich und vieles mehr aus eigenem Anbau verarbeitet. Das alles macht den Landgasthof genauso sympathisch, wie der herzliche Service von Britta Nagy und die behagliche Atmosphäre in der Ofenstube. Man sollte bevorzugt zu Weinen aus Baden und Württemberg und vor allem dem Kraichgau greifen, die es zudem ausreichend glasweise gibt. Ganz hervorragend schmeckt aber auch der frisch gepresste naturtrübe Apfelsaft aus eigener Ernte.

LF

Landgasthof Zum Hirsch, Remchingen/Wilferdingen, Hauptstr. 23, Tel. 07232 79636. Geöffnet: Di-Sa 12-14 Uhr, 18-20.45 Uhr, So + Mo geschlossen. 17 Gästezimmer, EZ 65 € inkl. Frühstück, DZ 95 € inkl. Frühstück. www.hirsch-remchingen.de

 

 




Villa Leonhardi: Keine Topgastronomie mehr

Überraschende Wende

für das

schöne Restaurant

 

Das Ränkespiel um die Villa Leonhardi im Frankfurter Palmengarten hat vorläufig ein Ende: Das prachtvolle Haus wird künftig vom „Kombinat“ betrieben, einer Einrichtung, die sich sozial engagiert und auch Behinderte beschäftigt. Statt Spitzengastronomie wird es ein Café geben, wobei die in der Villa stattfindenden Veranstaltungen wirtschaftlich weit interessanter sein dürften. Diese Entscheidung der Stadt hinterlässt verdutzte Mitbewerber und manchen geschassten Gastronomen. Und einige Fragen.

Villa Leonhardi Die Gesamtkosten für Instandsetzung und Ausstattung belaufen sich auf 144.000 €, wie der Landeswohlfahrtsverband Hessen wissen lässt, der das Integrationsunternehmen „Kombinat“ dabei mit 98.000 € fördert. Die Gartenvilla, die der Stadt Frankfurt gehört und die unter der Aufsicht des Palmengartens steht, ist ein besonders begehrtes Objekt in der Gastronomie. Es gab viele namhafte Bewerber dafür, die jedoch vor allem an den Forderungen für Renovierungskosten sowie einer neuen Küchentechnik scheiterten. Es war von fünf Millionen Euro für die Renovierung der Villa sowie von mehreren hunderttausend Euro die Rede, die ein Pächter hätte in die Hand nehmen müssen. So war dies jedenfalls bis gestern. Und jetzt soll alles mit 144.000 Euro in Ordnung sein? Es scheint, dass die Stadt und der Palmengarten gar nicht so sehr an gestandenen Gastronomen interessiert waren und diese abblitzen ließen. Bereits der langjährige Pächter Luigi Fabbri wurde abserviert und der bunten Truppe von „Goose“ stellte man so viele Beine, dass diese stürzen musste und freiwillig aufgab. Man darf weiter rätseln, wie beispielsweise künftig der Eintritt geregelt wird – müssen Besucher der Villa Leonhardi auch noch ein Ticket für den Palmengarten kaufen oder nicht?

Villa Leonhardi Die Villa Leonhardi ist allein schon durch ihre Terrasse ein sehr attraktiver Ort. Sie bietet mit seinen Salons und der schönen Bar Platz für mindestens 110 Gäste und hat sich als herausragende Event-Location einen Namen gemacht. Eine solch prominente Location muss man bespielen können. Sie stellt hohe Ansprüche und erfordert eine professionelle Führung. Die neuen Betreiber des Kombinats sind in den Bereichen Maler- und Renovierungsarbeiten, Reinigungsservice, Büroarbeiten sowie in der Gastronomie tätig, geführt wird unter anderem das Lilu Ponton-Café am Niederräder Mainufer. Ein harter Wechsel in der Geschichte der Villa Leonhardi, in der es verschiedene Betreiber und Köche gab, wobei Thomas Quecke Mitte der 90er Jahre der talentierteste Küchenchef war.

Ludwig Fienhold

 

Die Villa Leonhardi wurde 1806 als Gartenvilla der Kaufmannsfamilie Leonhardi erbaut. 1824 musste die Familie Konkurs anmelden und verkaufte die Villa an den Bankier Raphael Freiherr von Erlanger, der zahlreiche bauliche Veränderungen vornahm. 1905 wurde das Gebäude dann abgerissen. Erst 1987 entschloss sich die Stadt Frankfurt die Villa Leonhardi in seiner historischen Form wiedererstehen zu lassen – im Sommer 1989 öffneten sich die Türen.