Gourmet-Festival im Scheck-in Center

Mit vielen Spitzenköchen

und Topwinzern

 

Viele Spitzenköche wie Mario Lohninger, Carmelo Greco und Johann Lafer sowie Topwinzer à la August Kessler, Alexander Laible oder Ernst Loosen werden das Frankfurter Scheck-in-Center in einen Genuss-Tempel verwandeln. Von Austern bis Dry Aged Beef können die Gäste zudem an zahlreichen Stationen ihr Essen wählen. Die Weinabteilung und weite Teile des Marktes sollen festlich eingedeckt werden. Am 5. November geht es bereits um 11.30 Uhr los. Kostenpunkt für das ganze Vergnügen: 129 € pro Person.

Peter Splettstößer (l.), Harry Hochheimer

Neben 10 Weingütern und 10 Köchen steht ein interessantes Cocktail-Sortiment von Barkeeper Maxim Kilian bereit. Wir haben viele von seinen  Cocktails probiert, die To go in Flaschen abgefüllt werden, und waren durchweg von Qualität und Kombinationsstärke überzeugt. Besonders gut „Amalfi Negroni“ aus Gin, Red Vermouth, Orange und Lemon. Und sogar noch besser „Golden Hour in Portofino“ mit Gin, Aprikose, Holunderblüte, getrockneten Wiesenkräutern, Bitters und spritziger Zitrone. Auch diese Boutique Drinks gibt es beim Gourmet-Festival zu probieren.

Mario Lohninger

Außer der reinen Feier & Genuss-Freude gibt es einen weiteren Grund für das Markt-Festival: Peter Splettstößer, der langjährige Leiter des Scheck-in Center in Frankfurt, wird verabschiedet. Nach 15 Jahren in Frankfurt und nach insgesamt 50 Jahren im Handel. Er hat es schließlich geschafft aus dem riesigen Center einen persönlich geführten Markt mit vielen individuellen Angeboten zu machen, mit einer enormen Weinabteilung und sehr bemerkenswerten Fisch-, Fleisch- und Käsetheken.

Gourmet-Festival im Scheck-in Center, Frankfurt, Ferdinand-Happ-Str. 59, Tel. 069 94 94 76 30. Email: frankfurt@scheck-in-center.de

Sonntag, 5. November, 11.30 – 15 Uhr. Preis pro Person für Essen und Weine 129 € p.P.

Fotos: Barbara Fienhold




Weine aus aller Welt müssen keine Allerweltsweine sein

Überraschende Verkostung mit vielen Unbekannten

 

Braucht man wirklich Weine aus aller Welt? Wenn sie keine Allerweltsweine sind, dann schon. Eine Herausforderung mit Unterhaltungswert ist es allemal, wenn man an einem Tisch Weine aus Japan, China, England, Niederlande, Slowenien, Ungarn, Bulgarien und Georgien zum verkosten hat. Es gab einige Überraschungen und einen Winzerstar.

Henners Vineyard im britischen Sussex erzeugt auf drei Hektar unter anderem drei verschiedene Schaumweine von bemerkenswerter Qualität. Der Brut NV aus Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier wird nach der klassischen Methode hergestellt, liegt drei Jahre auf der Hefe und moussiert dicht feinperlig. Die Meerbrise von der nahen Kreideküste schenkt ihm eine crispe Salzigkeit, die zu den leichten Zitrusnoten und dem britischem Unterstatement Flavour passt. Well done.

Die Niederlande überraschen auch immer wieder mit interessanten Weinen, die Cuvee XII, Jahrgang 2022, aus Pinot Gris, Müller-Thurgau und Auxerois vom Weingut Apostelhoeve gehört dazu. Unkompliziert frisch und fruchtig, die exotische Note wird durch eine pikante Säure in Balance gehalten. Japan ist den meisten in flüssiger Form durch Sake bekannt, doch wird dort seit 1874 Weinbau betrieben. Die Grace Winery wurde immerhin auch schon 1923 in Katsunuma in der Region Yamanashi gegründet. In der vierten Generation ist nun Ayana Misawa für die Weine verantwortlich. Es werden die allseits bekannten französischen Rebsorten kultiviert, aber auch die nur hier wachsende Koshu. Sie alle müssen viel Regen und viel Sonne aushalten. Die Grace Koshu Reserve 2019 ist leicht, reintönig und erinnert an einen freundlichen Chardonnay. Der Wein hat etwas Zartes. Nicht weil Ayana eine Frau ist, sondern weil sie Japanerin ist.

Das ungarische Tokaj-Weinanbaugebiet gehört zum Weltkulturerbe. Ein besonders wichtiger Bestandteil des Bodens ist der Schutt von vulkanischem Trachyt. Das Weingut Grand Tokaj gewinnt von der Einzellage Kövágó aus der Rebsorte Furmint einen wunderbaren trockenen Wein mit frischer Säure, der extravagant nach getrockneten Aprikosen und Orangen duftet. Trotz einer leichten Honignote ist er von kühler Stilistik, die Rebstöcke wurzeln in Vulkangestein, was auch zu einer feinen Salzspur führt. Tokaj ist ungemein spannend und verdient weit mehr Beachtung, auch in der Gastronomie.

Edi und Aleks Symĉiĉ sind die Stars unter den Winzern Sloweniens, deren Weingut ans italienische Weingebiet Collio im Friaul grenzt. Die ganze Palette ist  erstklassig, ob aus bekannten oder autochthonen Rebsorten, wobei die autochthonen noch aufregender sind. Neu und mit 600 Flaschen stark limitiert ist ein Sauvignonasse – früher Tokaj Friulano genannt, was von Ungarn aus Namensschutzgründen erfolgreich beendet wurde. Dieser extraktreiche, goldgelbe, cremig-satte Powerwein explodiert geradezu im Glas, mit Aromen von Wiesenblumen, Kräutern Heu, Mandelblüten, Apfel und delikat-süßlichen Amalfi-Zitronen. Ein Maul voll Reben. Der famose Stoff ist ein Familienerzeugnis von Edi und Aleks Simĉiĉ und dessen Söhnen Jure und Jakob. Allein dieses Ereignis hätte die Weinprobe lohnenswert gemacht.

Diese und andere Entdeckungen sind Michel Briedé zu verdanken, der in seiner Frankfurter Vinothèque regelmäßige solche kleinen feinen Events ins Leben ruft, zu der seine Frau Katya stets leckere Tellerchen wie beispielsweise asiatische Pfannkuchen und die bei uns vergessenen, deshalb aber nicht weniger tollen Croque Monsieur serviert. Für gastfreundliche 65 € (Wein & Essen) ein unwiderstehliches Angebot.

Bei solchen Verkostungen ist es gar nicht so entscheidend, ob man die Weine durchgängig gut findet. Viel wichtiger ist es, dass solche Entdeckungsreisen Freude machen und ganz en passant lehrreich sind. Michel Briedé sucht dabei immer kleine und eher unbekannte Winzer aus und will seinen Gästen gerne Neues präsentieren. Die nächste Reise führt ihn in die Toskana, von der er einige gute Flaschen mitbringen will, die dann am 24. September bei der nächsten Verkostung zum Einsatz kommen.

Ludwig Fienhold

 

Vinothèque Briedé, Frankfurt, Vogtstr. 43, Tel. 0171 410 5853.




Frankfurter Buchmesse: Gute Adressen für Dichter & Denker

Nahrung und Wein fürs Hirn

 

Die Buchmesse ist bekannt für ihr geselliges Publikum, sie spült mehr Gäste in die Lokale als die meisten anderen Messen. Fine Dining ist weniger gefragt, man will in lockerer Atmosphäre plaudern, gute Weine genießen und ein bezahlbares und doch gutes Essen bekommen. Wir wissen, was die Aussteller und die Messegäste suchen, hier finden sie es:

Das Bidlabu gehört zu den wenigen Topadressen in der Frankfurter Innenstadt, ist aber kein geföhnter Pudel, sondern der Straßenköter unter den Gourmetrestaurants. Tische eng an eng, bitte keine Berührungsängste. Gute Weine, auch glasweise, und kreative Küche. Keine Romane, eher spitzfindige Aphorismen auf dem Teller. Der Kabarettist Georg Kreisler hat viele böse Lieder komponiert, „Gehn mer Tauben vergiften im Park“ und „Bidlabuh“ (mit „h“) gehören zu den schwärzesten.

Dennis Aukili vom Chairs

Dennis Aukili ist der Rimbaud unter den Küchenkünstlern Frankfurts. Sein Chairs im Stadtteil Bornheim erinnert an dessen berühmtes Gedicht „Das trunkene Schiff“. Die Küche und die Atmosphäre haben etwas Ekstatisches und Rauschhaftes. Alles schmeckt nach Leben, sogar die vegetarischen Gerichte. Gute Weine beleben die schrägen Planken, es gibt sogar einige anspruchsvolle Naturweine.

Das beste Steak (Filet bevorzugt) der Stadt bekommt man im Buffalo nahe der Freßgass. Das saftig-zarte Fleisch schmeckt nach Lagerfeuer und Abenteuer. Dazu gibt es passend auch glasweise gute Rotweine aus Südafrika und Australien. Rustikale Atmosphäre, rau und herzlich.

Das Bahnhofsviertel hatte die letzten Jahrzehnte nie Glanz, aber selbst die Schatten werden immer düsterer. Es gibt noch Lichtblicke wie das neue Pizza-Lokal Ciccione, in dem es eckige, andersartige und vor allem leichte Pizza und vor allem wirklich einmal gute Weine gibt, die sonst bei Vertretern dieser Spezies nicht vorkommen. Andrei Lipan ist ein ausgepichter Weinfuchs. Es macht jedenfalls Spaß hier in schlichter Umgebung Überraschendes zu erleben.

Genau gegenüber in der Moselstraße liegt das Yaldys, derzeit das spannendste Lokal im Quartier. Viele gute Weine und Cocktails paaren sich mit unkomplizierter, aber keineswegs anspruchsloser Küche. Tolle Kombination, auch eine selten zu erlebende Gästemischung.

Bidlabu

Das könnte die Weimarer Fürstengruft mit Goethe und Schiller sein, ist aber der Wein-Dünker, dessen uralter Keller auch von faustischer Tiefe ist. Die 13 abenteuerlichen Stufen schafft man nach einszwei Wein besser als nüchtern. Über 300 verschiedene Flaschen stehen parat, darunter sehr viele im offenen Ausschank. Alles zu sozialverträglichen Preisen. Es gibt das, was man in Studentenzeiten besonders mochte – Schmalzbrot, Brot mit Schinken, etwas Käse oder eine Frikadelle.

Die Vinotheque Briedé bietet über 100 handverlesene Weine, die meisten davon im offenen Ausschank, was einmalig ist. Man bekommt erstklassige Pinot Noir und Beaujolais und immer das, was es woanders nicht gibt. Dazu gehören auch die famosen Weine von Simcic aus Slowenien, dem Ehengastland der diesjährigen Buchmesse. Gleich zehn Sorten stehen parat, eine besser als die andere.

Die Weinbar Gregors im Westend bietet die besten Champagner weit und breit und so viele charaktervolle Weine, wie man sie in den meisten Restaurants nicht besser bekommen kann. Die zehn Weine/Schaumweine im offenen Ausschank eröffnen einen guten Einstieg in die Weinwelt von Gregor, der gelernter Winzer ist und etwas anders tickt als andere Gastronomen.

Alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken (Nietzsche)

Ludwig Fienhold




Gourmet Guide Gault & Millau: Chefredakteur Christoph Wirtz tritt ab

Letztes Interview mit dem

kürzlich verstorbenen

Ex-Herausgeber

Manfred Kohnke

 

Christoph Wirtz tritt nach drei Jahren als Chefredakteur des Restaurantführers Gault & Millau Deutschland ab und will sich künftig anderen Themen widmen. Der Gourmet Guide hat in kurzer Zeit mehrfach den Verlag gewechselt, zuletzt übergab Burda an Henris Edition in München. Die Nachfolge für die Chefredaktion steht noch aus und soll innerhalb der nächsten Wochen bekannt gegeben werden.

Einen derart markanten und wortgewaltigen Chefredakteur wie den kürzlich mit 83 Jahren verstorbenen Manfred Kohnke wird man lange suchen. Kein anderer hat den Gault & Millau so geprägt wie er. Ein kurzes Porträt sowie ein Interview mit ihm haben wir in BISS im April 2017 veröffentlicht. Nachfolgend der damalige Artikel, dessen Überschrift im Nachhall eine noch stärkere Bedeutung erhält:  „Manfred Kohnke geht endgültig“.

 

Unter den Restaurantkritikern war Manfred Kohnke allein schon wegen seiner Körperlänge von 1,96 Meter der Größte. Aber auch sonst galt er als Leuchtturm, der manchen den richtigen Weg zeigte, andere in die Klippen lenkte. Seine spitze Zunge wird er behalten, doch nicht mehr für den Gault & Millau Deutschland einsetzen. Manfred Kohnke tritt nach 34 Jahren an der Spitze des Gourmet Guides ab. Er hatte die Branche seit 1983 als Chefredakteur des Restaurantführers begleitet und war die letzten fünf Jahre als Herausgeber tätig.

Der scheidende Manfred Kohnke ist journalistisch bestens geschult, arbeitete für den Spiegel, Capital, Wirtschaftswoche und Forbes sowie als Chefredakteur für den Rheinischen Merkur. Das legendäre Gourmet-Magazin Vif brachte er zumindest fachlich auf ungeahnte Höhen. Als Gourmet-Schlacks ohne Gewichtsprobleme schlenderte er durch Deutschland und war nicht überall ein gerne gesehener Gast. In dieser langen Zeit haben sich Freundschaften und Feindschaften gleichermaßen herausgebildet. Ein Kritiker, der bei allen beliebt ist, muss auch etwas falsch machen. Der 77 Jahre alte Manfred Kohnke wird seinen Mund weiterhin aufmachen, nicht nur beim Essen. Doch will er jetzt keine Pflichtbesuche mehr absolvieren, sondern nur noch dort speisen, wo es ihm Spaß macht. Der große Blonde mit der spitzen Feder hat zwar seine Position, nicht aber seinen Kopf an den Nagel gehängt. Den will er wie bisher benutzen, vor allem schreibend. Genussthemen stehen dabei nicht zwingend im Vordergrund, Manfred Kohnke ist auch als Ghostwriter gefragt.

Der heute 89 Jahre alte Christian Millau, Mitbegründer des Gourmet Guides in Frankreich, beendete übrigens seine Kritikerkarriere 1995 nach über 30 Jahren, weil er nur noch aus Spaß essen wollte und es satt hatte „von nervösen Köchen durch die Küche geführt“ zu werden. Schon damals nervte es ihn, dass er als Gast ständig beim Gespräch unterbrochen wurde, weil der Sommelier sein Wissen ausschütten und der Service das Essen anpreisen wollte. Gleiches regt heute noch Manfred Kohnke auf – wie sich die Zeiten manchmal doch nicht ändern.

Um die Restaurantkritik ist es derzeit nicht allzu gut bestellt, Scharlatane und Möchtegerns aller Art machen sich breit, ohne ein Gramm Existenzberechtigung einzulösen. Manfred Kohnke pflegt Telefonate mit einem „Kohnke stört“ einzuläuten. Dass er keine Störfeuer mehr leuchten lässt, macht die Branche nicht eben heller.

 

BISS Interview mit Manfred Kohnke

 

Was hat Sie in den 34 Jahren Gault & Millau besonders beeindruckt?

Positiv: Dass die einst bestenfalls belächelte deutsche Küche heute in ihrer Spitze mit der internationalen Elite auf Augenhöhe ist. Negativ: Dass die deutschen Köche diesen Fortschritt nicht global vermitteln können, da ihnen die kollegiale Solidarität abgeht (Franzosen beispielsweise sind nur untereinander missgünstig, aber nach außen hin immer zum kraftvollen Schulterschluss fähig) und dass ihnen im internationalen Wettbewerb jedwede offizielle Unterstützung fehlt. Außerdem beeindruckten mich besonders die zunehmende deutsche Offenheit für die großen Küchen der Welt und die Entwicklung des deutschen Weins zum angenehmen Begleiter der Großen Küche.

Welches war Ihr unappetitlichstes Erlebnis? Das muss sich nicht zwangsläufig auf ein Essen beziehen, sondern kann auch eine Situation sein.

In den ersten Jahren machten mich Maden, die unterm Salat hervorkrabbelten, oder Schlimmeres als Haare in der Suppe sprachlos. Man findet sich damit ab, dass so etwas vorkommt. Aber ich habe Mühe, mich an solche Appetitzügler zu gewöhnen:

– gebratene Jakobsmuschel mit sous vide gegarter Banane, marinierte Gelbflossenmakrele im Staub dehydrierter Erbsen oder Slash-Speisekarten mit Radieschen | Mandel | Dunkle Schokolade;

– den Service-Übermut, unaufhörlich Tischgespräche zu unterbrechen, um u.a. den Gast ausdrücklich aufmerksam zu machen, dass man ihn nun durchs Ausheben eines leergegessenen Schälchens „befreie“;

– die floskelhafte Redseligkeit junger Sommeliers, die mindestens zu jedem zweiten Gang einen Wein von sonst woher kredenzen, „der richtig Spaß macht“.

Wie sehen Sie die Entwicklung der Restaurantkritik in Deutschland?

Das können deren Leser besser beurteilen. Ich wünsche mir, dass die Kopisten unter den Köchen nicht so hoch bewertet werden wie die Kopierten und dass Kritiker und Kritisierte in ihrer Genussfreude so gut sind wie im Dünnhäutigsein und Rechthaben.

Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Gastronomie in Deutschland?

Es grämt mich, dass nirgends so gedankenlos kopiert wird wie in deutschen Küchen. Und dass Lieferanten, Geschäftemacher und (unprofessionelle) Journalisten in keinem Land so hemmungslos neue Trends ausrufen können. Rannten allzu viele Köche früher zu jeder Telefonzelleröffnung, wenn ihnen jemand was von einer Gourmetveranstaltung erzählte, wollen sie heute bei jedem Trendgerede ganz weit vorn sein.

Es freut mich, dass sich in der Gastronomie das Casual fine Dining durchsetzt, dass immer mehr Köche in der Reduktion auf das Wesentliche auf streberhaftes Teller-Ikebana aus Küchentechniken und Produkten verzichten und dass immer mehr Gäste nicht länger prestigeträchtige Produkte essen und trinken, um Bedeutung zu dokumentieren, sondern das bestellen, was ihrem jeweiligen Lebensgefühl und generellen Lebensstil entspricht.

Warum hören Sie eigentlich auf?

Ich werde bald 78 und bin kein Goethe, von dem in diesem Alter noch Faust II sowie Dichtung und Wahrheit zu erwarten sind.




Abserviert: Service & Personalkrise in der Gastronomie

Die Gründe, Hintergründe

und Problemlösungen

 

Von Ludwig Fienhold

Die Abwanderung aus der Hotellerie und Gastronomie hat teilweise groteske Formen angenommen. Einer der besten deutschen Küchenchefs, Hendrik Otto, verließ während der Corona-Krise das 2-Sterne-Restaurant Esszimmer im Berliner Hotel Adlon und wechselte ausgerechnet in die Krankenhausbranche, um dort „Qualität und kulinarische Entwicklung“ voranzubringen. Nicht minder ungewöhnlich ist der Abschied des erstklassigen Sommeliers Benjamin Birk, der die Villa Rothschild in Königstein verließ und fortan lieber Schuhe im Familienbetrieb verkauft. Einem Koch war die Gastronomie so unsicher, dass er es vorzog im Gefängnis als Schließer anzufangen und somit ein zweifelhaftes Höchstmaß an Sicherheit gewann. Die Branche hat aber nicht nur Talente verloren, auch Minijobber oder Spüler wurden weggeschwemmt.

Eines muss klar sein: Die Gastronomie hat sehr viel Personal verloren, wird aber auch weiter an Gästen verlieren, wenn sie nicht gegensteuert. Bislang ist es leider oft nur so: Die Leistungen bei Küche und Service sind schwächer geworden, die Preise aber gestiegen. Während die Gastronomen noch überlegen, wie sie mit dem Problem fertig werden sollen, haben die Gäste längst entschieden und gehen weniger essen, kochen zu Hause oder lassen sich liefern. Drei Fragen brauchen eine Antwort: Wohin sind die Gastrokräfte abgewandert, warum ist dies geschehen und wie können die Lösungen für den gravierenden Personalmangel aussehen?

Flucht aus der Gastronomie

In den Städten sind die Fensterscheiben der Lokale mit Stellengesuchen übersät. Selbst Vorzeigebetriebe müssten inzwischen schließen oder zusätzliche Ruhetage einlegen, weiß Thomas Geppert, Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes in Bayern. Hotels könnten aus Personalmangel ihre Zimmer nicht mehr voll auslasten. Keine andere Branche hat in der Pandemie so viele Beschäftigte verloren wie die Gastronomie. Allein im Jahr 2020 haben bundesweit 216.000 Beschäftigte das Gastgewerbe verlassen, heißt es in der Untersuchung des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW). Die Wahrscheinlichkeit, dass diese für immer verloren gegangen sind, liegt sehr hoch. Rund 35.000 haben der Studie zufolge im Verkauf einen neuen Job gefunden. Was anfangs meist als vorübergehende Lösung gedacht gewesen sein mag, hat sich längst gefestigt. Als Gründe dafür werden familienfreundlichere Arbeitszeiten und Einstiegslöhne von mindestens 14 Euro genannt (Mindestlohn 12 Euro), wie dies beispielsweise bei den Discountern Aldi und Lidl der Fall ist.

Die Abwanderung aus der Gastronomie erfolgte zwar besonders stark in den Einzelhandel, aber mit 27.000 Menschen auch deutlich in das Verkehrs- und Logistikgewerbe, unter anderem als Fahrer für Paketdienste. Ähnlich viele haben ganz allgemein in unterschiedlichen Unternehmen einen Platz gefunden. Dabei haben der Studie nach nicht nur Minijobber die Gastronomie und dabei vor allem Kneipen und Bars verlassen, sondern von Juni 2020 bis Juni 2021 auch knapp 60.000 sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. Das Gastgewerbe ist jedenfalls der große Verlierer der Corona-Krise, deren Auswirkungen erst jetzt zu dramatischen Auswirkungen führen.

Die Gründe für den Branchenwechsel

Die Gründe für den Branchenwechsel sind eindeutig. Sicherheit ist eines der Schlüsselworte, denn die Corona-Krise hat dramatisch gezeigt, wie sehr die Politik eine ganze Branche letztendlich im Stich lässt, wobei auch schon zuvor die Wertschätzung gerade von dieser Seite fehlte. Ob gesundheitlich oder wirtschaftlich definiert, eine instabile Lage wie zur Zeit der Corona-Krise, kann jederzeit wieder eintreten. Ein sicherer Arbeitsplatz ist der Hauptgrund der Beschäftigten für den Wechsel. Wichtiges Motiv ist ferner der Wunsch, mehr Zeit für sich, den Partner und der Familie zu haben. Zu den Ursachen gehören außerdem zu viel Stress im Beruf, die mangelnde Wertschätzung der Arbeitgeber und der Gäste sowie eine bessere Entlohnung. Nicht zu unterschätzen ist dabei auch das schwindende Trinkgeld, mit dem die Branche die Servicekräfte früher locken konnte und das nun durch vermehrte Kartenzahlung und die erzwungene Sparsamkeit der Gäste deutlich minimiert wird.

Was könnte die Probleme lösen?

Durchhalteparolen und Phrasen wie „Wir lassen uns nicht unterkriegen“, gehen an der Wirklichkeit vorbei uns helfen niemand. Wo aber liegen die Lösungen für die Gastrokrise und den Personalmangel? Eine 4-Tage-Woche? Flexiblere Arbeitszeitmodelle? Mehr Kräfte aus dem Ausland? Küchenchef Maximilian Moser vom Hotel Vier Jahreszeiten am Starnberger See hält die 4-Tage-Woche nicht nur für seine Mannschaft als sinnvoll, sondern als Modell der Zukunft, wobei die 40-Stunden-Woche lediglich auf vier Tage verteilt wird statt auf fünf (wenngleich sich dadurch der Urlaubsanspruch reduziert).

Stärkere Rekrutierung durch Personal aus dem Ausland? Speziell für die gehobene Hotellerie & Gastronomie kaum praktikabel, weil Sprachbarrieren und fehlendes Fachwissen eine Schulung langwierig machen und zusätzlich Arbeit sowie Personal erfordern, die dafür wieder abgestellt werden müssen und an anderer Stelle fehlen. Bei ethnischen Betrieben und Szene-Lokalen ist das wegen der höheren Akzeptanz an möglichen Fehlleistungen weniger ein Problem und wird ja dort auch schon längst so gehandhabt.

Vielleicht muss man noch viel radikaler denken. In New York eröffnet das erste Café, in dem ein Roboter hinter der Theke steht. Er kann 24 Stunden ohne Pause arbeiten, braucht kein Trinkgeld und arbeitet angeblich präziser und zuverlässiger beim Zubereiten von Kaffee und Cocktails als jeder Mensch. In der Botbar in New York werden durch den Roboter Personalkosten gesenkt, als Jobkiller sieht man die futuristische Technik aber nicht, denn es werden trotzdem noch Menschen benötigt, alleine schon damit die Technik auch funktioniert.

Weniger Köche, kein Service

Ebenso interessant ist die Antwort des Spitzenrestaurants Seestern in Ulm auf die Personalknappheit. Klaus Buderath und Benedikt Wittek kommen ohne Küchenbrigade aus und stehen nur zu zweit in der Küche, was für ein Sterne-Restaurant ungewöhnlich ist. Auch sie haben an nur vier Tagen in der Woche geöffnet.

Die Vision vom kürzlich verstorbenen österreichischen Sternekoch Alfred Friedrich ging noch weiter. Er träumte schon vor zwanzig Jahren davon, ganz ohne Service auszukommen. Die Gäste sollten sich in seinem kleinen Lokal auf Zuruf das Essen selbst am Pass abholen. Er wollte weiterhin auf Sterneniveau arbeiten, aber ohne Umwege den Gast persönlich erreichen.

Das erinnert an Marianne „Mamuschka“ Kowalew, die legendäre Köchin, die kurz vor ihrem 100. Geburtstag starb. Mitten in ihrem Kellerlokal Scarlet Pimpernel in der Frankfurter Krögerstraße stand ein Herd mit Töpfen und Pfannen, an denen sich die Gäste selbst bedienen mussten, nachdem ihr Schlachtruf „Eesst Kiindärchen, eesst“ ertönte. Ihre „Kinderchen“ waren viele prominente Gäste, die Rolling Stones, die Beach Boys und die Eagles, Harry Belafonte, Ray Charles, Elton John, der junge Michael Jackson und Ella Fitzgerald sowie der gleich um die Ecke am Eschenheimer Turm arbeitende Regisseur Rainer Werner Fassbinder, der mit seiner Schauspieltruppe immer sehr spät eintraf. Sie alle kamen nur wegen Mamuschka und ihrer deftigen Küche, es gab keine anderen Köche oder gar einen Service, nur diese schon archaische Form des geselligen Essens. Manchmal können gerade die ganz alten Rezepte den Weg in die Zukunft weisen.

 

Der Autor ist seit über 30 Jahren als Hoteltester und Restaurantkritiker weltweit in der Branche unterwegs.

 

D E L A M O T T E   C H A M P A G N E

W E R B U N G




Occhio d´Oro: Frankfurts schönste Dachterrasse

Das Flemings ist endlich

auch gastronomisch angekommen

 

Von Ludwig Fienhold

 

Es  gibt in der Stadt keine schönere Dachterrasse mit einem so berührenden Ausblick: Das Frankfurter Hotel Flemings ist endlich oben angekommen. Die Aussicht war schon immer gut, doch erst mit dem Restaurant Occhio d´Oro ist hier auch so etwas wie ein kulinarisches Bewusstsein eingezogen.

Der Paternoster in dem denkmalgeschützten Haus bietet ein seltenes Nostalgie-Erlebnis, führt aber noch nicht ganz zum Ziel, denn es gilt danach auch noch einige Treppenstufen zu bewältigen (man kann aber auch den normalen Aufzug benutzen). In der Küche und im Service trifft man einige Bekannte, die zuvor im seligen A Casa di Tomilaia arbeiteten. Die Küche im Rooftop-Restaurant ist ebenso italienverliebt (Toskana, Emilia), versucht aber einen eigenen und etwas modernen Stil zu finden.

Waldpilze & Wassermelone

Das sollte man wissen: Coperto, der Gedeckpreis, kann vor allem in Spanien und Italien, lästig, überflüssig und unverschämt ausfallen. Im Occhio d´Oro  macht er Sinn, denn es gibt in guter Qualität Brot, Olivenöl, Oliven und Wasser für sechs Euro. Es besteht indes kein Gedeckzwang.

Ein Gericht aus Waldpilzen, Dinkel und Wassermelone mag nicht spektakulär erscheinen, wenn es aber so aromatisch und handwerklich solide ausfällt wie im Occhio d´Oro, weiß man das zu schätzen. Auch die saftig-zarten und mit leichtem Biss servierten Jakobsmuscheln nebst knackigen Erbsen und Amalfizitronen/Olivenölsud  hatten die Leichtigkeit und Finesse, die wunderbar nach Italien schmeckt.

Cappellacci

Es werden nicht nur die üblichen Pastasorten angeboten, sondern auch weniger bekannte. Die gedrehten Trofi-Nudeln mit Pulpo und Orange waren eine schöne Delikatesse. Die fleischigen Cappellacci werden in der Emilia-Romagna gerne mit Kürbisfleisch gefüllt, im Occhio d´Oro findet der leicht süßliche Kürbis einen passenden Verbündeten mit dem zarten und saftigen Wildschwein-Ragout. Auch bei temperamentvollen Fettucine mit Salsiccia, frischem Panzanella-Brotsalat mit Pfirsich oder sahniger Burratina mit Pistazie und Tomaten hatten wir wegen der tadellosen Produkte und der guten Zubereitung unsere Freude. Restaurant und Bar gehen nahtlos ineinander über, beide bieten auf der 7. Etage den gleichen Panoramablick.

Der Service ist engagiert und gastorientiert, aber noch nicht durchgängig parkettsicher. Die Weinkarte hat noch kein Gesicht, man findet aber viel Gutes, etwa einen kraftvollen und würzigen Roero Arneis von Vietto, einen vitalen duftigen Barolo von Prunotto oder einen supertrocknen Asolo Prosecco von Case Paolin. Es mag ja eine internationale Hotelklientel und einige andere beeindrucken einen Mouton Rothschild zu finden, doch in einem solch italienisch positionierten Restaurant sollte man darauf schauen mehr Weine der italienischen Regionen zu listen, vor allem solche, die noch als Entdeckungen zu bewerten sind und mehr begeistern können als die allseits Geläufigen. Wenn man aber bedenkt, auf welch kulinarischen Level sich das Flemings vor der Eröffnung des Occhio d´Oro befand, so hat es sich inzwischen in allen Bereichen deutlich nach oben bewegt.

Flemings Hotel, Occhio d´Oro, Frankfurt, Eschenheimer Tor 2,

Tel. 069 989 72 85 00. Di-Sa 17.30 – 1 Uhr, Küche bis 22.30 Uhr.

www.occhio-doro.com

 

Fotos: Barbara Fienhold

 

 

 

 

 

 

 




Letzte Chance: Raritäten-Dinner mit Romanée-Conti

Am 9. September wird

im Medici groß getafelt

 

Zum 4. Mal entkorkt das Restaurant Medici in Frankfurt für Liebhaber großer Weine Raritäten der Domaine de la Romanée-Conti aus dem Burgund. Erstmals in der Geschichte der Domaine wurde auch ein weißer Corton Charlemagne Grand Cru erzeugt, dessen Jahrgänge 2019 und 2020 kaum jemand bislang probieren konnte. Vom Jahrgang 2019 existieren nur 9.110 Flaschen, der 2020 kommt erst in einigen Tagen auf den Markt.  Die Spekulatiospreise schießen im Internet bereits in die Höhe, dort wird der Premiere-Wein mit 10.000 Euro und mehr gehandelt.

Beim Raritäten-Dinner im Restaurant Medici am Samstag, 9. September, wird es neben Corton Charlemagne von 2019 und 2020 noch den Richebourg der Jahrgänge 2013 bis 2016 geben. Die sechs Weine (0,1l) werden von einem darauf abgestimmten Menü mit sieben Gängen begleitet. Der exklusive Event kostet mit Weinen, Essen, Champagner zum Aperitif sowie Mineralwasser, Softdrinks und Heißgetränken 1.850 € pro Person. Die Weine werden übrigens in feinsten Zwiesel Sensory Gläsern serviert.

Der Romanée-Conti ist einer der teuersten und damit am meisten gefälschten Weine der Welt, weshalb man ihn nur aus gesicherter Quelle beziehen und trinken sollte. Der Exklusivimporteur Albert Kierdorf, der auch das Medici beliefert, hat gemeinsam mit der Domaine das Ziel, dass die Weine ausschließlich von Genießern in der Spitzengastronomie oder von privaten Kennern zu Hause getrunken werden, die Weine dürfen nicht in den Weinhandel abgegeben werden. Solche Wein-Dinner gibt es nur wenige in Deutschland, manche Gäste kommen dafür sogar aus dem Ausland angereist.

LF

Restaurant Medici

Raritäten-Dinner mit Romanée-Conti

Frankfurt, Restaurant Medici, Tel. 069 21 99 07 94

Samstag, 9. September 2023, um 18.30 Uhr

Weißadlergasse 2, www.restaurantmedici.de

Reservierungen vorzugsweise über Email info@restaurantmedici.de

Wie immer mit Vorkasse, da die Plätze limitiert sind.

Hier mit einem Klick zum ganzen Menü

Romanee Conti Menü 2023




Frankfurt: Make Bahnhofsviertel Great Again

Trash as Trash can:

Engagierte Gastronomen,

lahme Politiker

 

Es sah einmal so aus, als würde das Frankfurter Bahnhofsviertel als Vorzeigeprojekt gastronomischer Entwicklungen für ganz Deutschland und darüber hinaus ein Vorbild sein können. Auch die New York Times hatte es als spannenden Hot Spot ausfindig gemacht. Viele Gastronomen haben sich engagiert und wurden letztendlich von der Politik im Stich gelassen. Stellenweise versinkt das Viertel in unerträglichem Dreck, hie und da blühen aus dem Morast aber auch  schöne und seltene Pflänzchen auf. Das neue Ciccione ist ein gutes Beispiel dafür.

Andrei Lipan vom neuen Ciccione

Es ist mutig in einem Viertel, das durch die Stadt hoffnungslos vernachlässigt wird, ein neues Lokal zu eröffnen. Andrei Lipan hat es mit seinem Ciccione getan (siehe BISS-Artikel „Pizza unplugged mit Top-Weinen“). Genau gegenüber ist das Yaldy zu Hause eine besonders bemerkenswerte Adresse, die umgeben von Bierschwemmen gute Weine anbietet, zudem spannende Cocktails und eine sympathische Küche. Die Kombination aus Wein & Cocktail-Bar und Restaurant ist einzigartig, das Ambiente hat rustikalen Vintage-Charme. Solche wackeren Adressen halten das Bahnhofsviertel noch aufrecht.

Ciccione

Kaum zu glauben, dass im Bahnhofsviertel einmal ein Toprestaurant wie das Stanley Diamond entstehen konnte. Die Betreiber James und David Ardinast hatten es geschafft, Gäste anzulocken, denen es zwar ziemlich Mühe machte sich durch das Drogenmilieu zu kämpfen, doch als Ziel unerschütterlich dieses außergewöhnliche Restaurant vor Augen hatten. Das Stanley Diamond konnte vom Start weg mit einem engagierten Team überzeugen. Die Chefs de Cuisine Alex Nixdorf und danach Beate Braun sowie die muntere Sommelière Nina Birk leisteten im Quartier Pionierarbeit erster Klasse. Nicht zu vergessen die großartigen Barkeeper, die hier mitten im Lokal an ihrer halbrunden Theke sogar mitunter vom guten Wein ablenken konnten. Heute wird das Lokal nur noch als Eventlocation genutzt.

Auch das von den Ardinast-Brüdern geführte heitere und hübsche Maxie Eisen in der Münchner Straße ist nicht mehr und wurde inzwischen zu einem Edel-Döner. Ungeachtet dessen bleibt die Münchner Straße die originellste, wuseligste und interessanteste Zeile im Bahnhofsviertel. Die liebenswerte intime Mey Weinbar in der Elbestraße, die einst eine Bar mit Puff-Separee war, hat den Besitzer gewechselt. Cemal Aksan, der gute Weine und sogar einen mehr als ordentlichen türkischen Sekt anbieten konnte, führt jetzt nur noch das gleich um die Ecke liegende und einen Besuch werte Fischlokal Hamsilos. Jetzt haben jüngere Betreiber übernommen, die am Wochenende mit DJ-Abenden punkten wollen, aber weniger mit Weinwissen.

Nanas Ramen

Im Nana´s Ramen (gleich um die Ecke vom Stanley) gibt es leider keinen Wein, aber gute Küche und einen gutgelaunten Service. Bei den Einstiegshappen hat uns am besten Takoyaki gefallen, drei gegrillte und mit Gemüse und Oktopus gefüllte Weizenteigbällchen. Ramen gibt es in drei Varianten, von klassisch bis sehr würzig. Wir fanden die Tantan-Variante „Tokio Art“ herausragend, saftige dicke Nudeln mit leichtem Biss in einem delikaten Sud, der von Walnuss- und Sesamtgeschmack dominiert wurde. Mitgetragen wurde die mächtige Riesenschüssel geschmacklich zudem von Hackfleisch, gekochtem Gemüse, Sojasprossen und Frühlingszwiebeln. Zuvor war an gleicher Stelle das Restaurant Imori Kaiseki zu Hause, das sich nicht lange hielt, weil es einfach zu teuer war für diese Gegend.

Yaldy

Plan der Stadt war es, durch gute, junge und lebendige Gastronomie ein Korrektiv zur Verwahrlosung des Viertels zu installieren. Müll erzeugt Müll, Gastronomie mit vielen Gästen aber nicht unbedingt Sauberkeit und Ordnung. Das Vorhaben ging jedenfalls nicht auf. Die Gastronomen, die jeden Abend und jeden Morgen übelsten Unrat vor ihrer Tür und anderes mehr beseitigen mussten, wurden mit ihren Problemen allein gelassen. Noch immer stinkt es an vielen Stellen so gewaltig, dass man sich mit Schrecken und zugehaltener Nase abwendet. Mehr Polizei und verstärkter Einsatz von Müllfahrzeugen, Überwachungskameras? Ein Ansatz. Die Probleme sind seit Jahren bekannt, die Überlegungen dazu kümmerlich. Soll jetzt nur noch niemand auf die Idee kommen, die millionenfach vergeudeten Corona-Masken als Mundschutz für das Bahnhofsviertel einzusetzen.

Ludwig Fienhold

Fotos: Barbara Fienhold

 

Weitere Bahnhofsviertel Adressen

Kinly Bar, Lichtblick in der düster umwölkten Elbestraße. Klassiker und fabelhafte kreative Eigenkreationen.

Bar Shuka, Niddastraße 56. Ein Teller voll Tel Aviv und lebhafte Stimmung.

Yok Yok, Kiosk für Standhafte, man steht mit Bierdosen und Flaschen so herum und amüsiert sich. Wird bald  von der Münchner Straße gegenüber vom Hauptbahnhof einziehen.

Neckarvillen, sehenswertes historisches Hotel-Juwel in der Neckarstraße mit Grill-Restaurant und attraktiver Bar.

7 Bello, Niddastraße 82, Kult-Pizzeria, eng, laut und immer in Feierlaune. Aber die Pizza ist einfach gut.

GO by Henssler, Düsseldorfer Straße 1-7, schicke kalifornische Sushi und unschicker Umgebung.

Toh-Thong, gutes Thai-Lokal mit Klassikern wie Phad Graphao, Düsseldorfer Straße 23.

Fontanella, Kaiserstr. 35, einer der besten Eissalons in der Stadt.

Eventlocation Alte Textilfabrik von Cooking Ape, Taunusstraße 19, sehenswert und denkmalgeschützt, Fabrik-Loft-Atmosphäre (Bild ganz oben).




Restaurantkritik: Le Cerf im Schlosshotel Friedrichsruhe

Grandioser

Gänseleber-Gugelhupf

und Old School Klasse

 

Allerorten werden die Tische noch enger gestellt, um mit mehr Gästen mehr Umsatz zu generieren. Welch ein angenehmer Luxus ist es, im Restaurant Le Cerf mit generösem Abstand zu tafeln, ohne belauscht zu werden und den Ellenbogen des Nachbarn schon auf dem eigenen Teller zu spüren. Entspanntes Genießen steht für das ganze Schlosshotel, doch besonders für das 2-Sterne-Restaurant Le Cerf.

Boris Rommel

Le Cerf ist beileibe kein Flüstertempel. Spätestens wenn Küchenchef Boris Rommel mit Schiebermütze und Sportschuhen ins Restaurant kommt, um seine Gerichte persönlich zu servieren, merkt man, das Lässigkeit und Luxus keine Gegensätze sind. Die Küche von Boris Rommel ist energiegeladen, im fliegenden Wechsel mal lyrisch zart, mal muskulös, vor allem bei den stark einreduzierten Saucen. Eine instagram-taugliche Pinzettenküche mit Schäumchen und pürierten Klecksen mag er nicht und will vor allem „viel Geschmack und Emotionen“ vermitteln. Dies entspricht auch Rommels grundsoliden Stationen à la Bareiss, Schlosshotel Bühlerhöhe, Villa Hammerschmiede oder Colombi in Freiburg, wo er bei Alfred Klink in die Kunst der Saucen eingeweiht wurde.

Gänseleber-Gugelhopf

Boris Rommel versammelt unter seiner Mütze ganz viel Gescheites und ebenso viel Schalk. Amuse gueules werden gerne auf einem Hirschgeweih präsentiert. Die an der Karkasse gegarte Mieral-Taube kommt mit Herz und Leber im Raviolo, über Holzkohle gegrillter Keule und Taubenjus sowie Taubenkralle à part auf den Tisch. Das soll niemand erschrecken, sondern demonstrieren, dass die Küche bevorzugt das ganze Tier verarbeitet.

Kalbsfilet in Madeira-Sauce

Zum ersten Mal steht eine Bio-Gänseleber auf der Karte und wird gleich zum Highlight des Dinners. Der Gänseleber-Gugelhupf wird mit weißem Portweingelee ummantelt und von Cashewnusscreme, eingelegten Zitrusfrüchten, Salbeiperlen und lauwarmer Brioche begleitet. Die Zitrusaromen geben sehr viel Frische und Finesse ab und lassen das Gericht erst so richtig glänzen. Die ungestopfte Gänseleber stammt von einer Farm aus Österreich. Wie Boris Rommel erklärt, wird die Gans die letzten drei Monate mit Datteln gefüttert, das Futter wird auf 36 Grad erwärmt, damit die Gans alles besser und schneller verarbeiten und die Leber von allein fett werden kann.


Sören Weiland

Beim perfekt rosa gebratenes Kalbsfilet, eingepackt im kross ausgebackenen Tramezzinimantel, ist wieder die Sauce der Star, hier eine mit Madeira abgeschmeckte. Wie schön, dass es im Restaurant zum guten Ton gehört, den Gästen mit einer Sauciere das Nachlöffeln leicht zu macht. Old School vom Besten: Morchel-Essenz mit geröstetem Kalbsbries, ganz intensiv mit Tiefenschärfe und dem erdigen Geschmack Waldboden und Pilzen. So etwas machen die jungen Köche nicht mehr.

Mieral-Taube

Schon die Amuse zum Start sind detailverliebt und aufwendig inszeniert: Ei gefüllt mit Räucheraal; Hefeteig-Berliner gefüllt mit Gänseleber und Birne; famoses Egg Benedict vom Wachtei-Ei auf krossem Toast, Joselito-Schinken, Sauce Hollandaise; erstklassiger flüssig gebeizter Langostino mit dezentem Wasabi und Yuzu-Praline. Ein Reigen von süßen Delikatessen zum Schluss, die weiße Schokoladenschnitte mit Babyananas, gerösteten karamellisierten Pistazien nebst Pistazien-Eis ist geschmeidig und streichelt den Gaumen, ohne beim Menü den Magen zu überlasten.

Dessert

Die exzellente und bei großen Weinen oft in die Tiefe gehende Weinkarte scheint auf der ganzen Welt zu Hause zu sein, wir bleiben jedoch auch hier wie meist eher in der Region. Es warten viele erstklassige und bezahlbare Tropfen aus Württemberg und Baden: Weißburgunder Untertürkheimer Gips von Aldinger, Riesling Besigheimer Wurmberg von Dautel, Spätburgunder Simonroth von Schnaitmann, Lemberger Steinkreuz von Drautz Able. Und es gibt einige wunderbare Neuentdeckungen, wie das Wein & Sektgut Hirschmüller aus Lauffen am Neckar. Von dort kommen außergewöhnliche gute flüssige Leckerbissen, wie der Chardonnay 2019 und der Pinot Meunier Blanc de Noirs 2018.

Boris Rommel & Tochter Marlene

Bemerkenswert ist auch die Tischkultur. Skulpturen aus Besteck als Tischschmuck, Tischdecken mit eingewebten Hirschen. Der Hirsch ist ja das Wappentier des Restaurants und in allen Größen und Formen irgendwo sichtbar. Die wahren Platzhirsche aber sind Restaurantleiter Sören Weiland und Sommelier Max Johne, die einsatzfreudig und sachkundig durch den Abend führen und erst vor einigen Monaten im Schlosshotel antraten. Durch besonderer Grazie und Gastfreundlichkeit fällt eine junge Mitarbeiterin auf – wie wir später erfahren, ist es Marlene, die 18 Jahre alte Tochter von Boris Rommel.

Text: Ludwig Fienhold

Fotos: Barbara Fienhold

 

Wellness-Oase von Weltklasse, private Spa-Suite mit Kamin-Lounge, großer Innenpool mit Kamin, ein Top-Restaurant, weitläufige Liegewiese im hoteleigenen Park. Geht noch mehr? Selbst in der Wellness-Oase erlebt der Gast Wein-Feeling. Die kosmetischen SanVino Produkte wurden aus den Trauben der Hohenloher Weinberge entwickelt und muten geradezu lecker an. Das Spa ist nicht nur irgendein Bereich, sondern ein Haus neben dem Hotel mit eigener Spa-Suite, vielen Wellness-Abteilungen und großem Innenpool, der sich bis in den Hotelpark und seine große Liegewiese zieht. Die Atmosphäre im Wald & Schlosshotel Friedrichsruhe ist sehr entspannt. Über allem liegt ein Klang der Stille. 

Wald & Schlosshotel Friedrichsruhe, Zweiflingen-Friedrichsruhe, Kärcherstr. 11, Tel. 07941 6087 0.

www.schlosshotel-friedrichsruhe.de

Restaurant Le Cerf, Menü mit 6 Gängen 198 €.

 

 




Das wird Trend: Pizza unplugged mit Top-Weinen

Ciccione:

Neue und gute Adresse

im Frankfurter

Bahnhofsviertel

 

Das neue Ciccione im Frankfurter Bahnhofsviertel ist weit mehr als nur eine weitere Pizzeria. Zum einen schmeckt die Pizza ganz anders und wird auch nicht wie herkömmlich zubereitet, zum anderen gibt es auch gute, handverlesene und korrekt temperierte Weine. Und gute Gläser von Riedel. In welcher Pizzeria gibt es das schon?

Endlich bewegt sich wieder etwas Positives im lädierten Frankfurter Bahnhofsviertel. Gegenüber vom Revier-Primus Yaldy hat gerade das Ciccione eröffnet. Andrei Lipan, der das Yaldy mit aufgebaut hat und dort vor allem für die Weine zuständig war, hat sich vis-à-vis selbständig gemacht. Es gibt keine große runde Pizza, sondern kleinere viereckige Stücke, von denen zwei durchaus ausreichen. Ein Segen für alle, denen eine ganze Pizza immer zu viel war. Wenn auch der italienische Name „Fettsack“ (Ciccione) anderes vermuten lässt, so fällt die Pizza viel leichter, luftiger, krosser und weniger käselastig aus. Derzeit gibt es sie in fünf Varianten (5,50 – 7 €), wobei sich die Stücke gut variieren lassen und der Gast die Auswahl zwischen verschiedenen Geschmacksrichtungen hat. Die gefüllte Ripiena mit Mortadella, Mozzarella und Pistazien-Olivenöl ist momentan der Bestseller. Gut ist auch die Rindersalami mit San Marzano Tomaten, Mozzarella und Parmesan. Für Fortgeschrittene zu empfehlen: Pizza mit Pfifferlingen, Sardellen, Kapern, Kirschtomaten und Gremolata.

Die eigentliche Überraschung sind aber die Weine, die auch jedem Restaurant gut zu Gesicht stehen würden. Der Spumante Brut „Ombra“ vom Ausnahmewinzer Nicola Gatta aus der Franciacorta-Region zeigt auf ganz individuelle Art Klasse. Feine Perlage, cremige Struktur, Aromen von Äpfeln, Brotkruste und Gebäck. Unfiltriert sowie biodynamisch nach dem Mondkalender erzeugt. Immer eine sichere Bank sind die Champagner von Gimonnet (hier ein Pinot Noir/Chardonnay), die wie ganz selbstverständlich zur Pizza passen. Es stehen aber auch sechs Offerten glasweise parat, die beiden Rosés haben so viel Charakter, dass sie den Sommer und das Essen bereichern: Gris de Grenache von der Domaine de Vigier (saftig und wunderbar trocken) und Rosé von Kampf aus Rheinhessen (auch gut und trocken, aber eher ein Darling für alle). Das kleine Team des neuen Lokals, das weit mehr als eine Pizzeria ist, tritt sehr einsatzfreudig auf, wie man das auch aus anderen guten Lokalen kennt, hier aber vielleicht nicht erwartet. Bravo! Andrei Lipan hat ein gutes Händchen für Weine und Menschen.

Das neue Ciccione trägt keine korrekte eigene Hausnummer, ist aber dennoch leicht in der Moselstraße zu finden. Yaldy, Miele Wash World und die Fleischerei Göbel liegen gleich gegenüber. Auf der Straßenterrasse erlebt man das Bahnhofsviertel hautnah. Passanten aus hundert Nationen ziehen vorbei und aus den an der Ampel haltenden Wagen tönt Musik, die man sonst eher weniger hört.

Ludwig Fienhold

Ciccione, Frankfurt, Moselstraße. Mo-Fr. 12 – sold out, 18 – sold out, Sa 17 – sold out, So zu.

Fotos: Barbara Fienhold