Simon Kieslich ist neuer Küchenchef im Schloss Johannisberg im Rheingau

Wie anspruchsvoll darf man als Ausflugsziel sein?

 

Das Parkhotel Favorite in Mainz, das ein bemerkenswertes Sternerestaurant betreibt, ist mit seiner kulinarischen Expertise seit Mai als Partner von Schloss Johannisberg in Geisenheim für die Schlossschänke sowie den Eventbereich verantwortlich. Simon Kieslich wurde als neuer Küchenchef die führende Kraft in der Gastronomie. Er war jahrelang Souschef von Tobias Schmitt, der vor seiner Zeit in Mainz als Souschef von Andreas Krolik im Frankfurter Lafleur arbeitete.

Die Schlossschänke ist ein sehr bekanntes Ausflugsziel im Rheingau und lockt Gäste aus der Umgebung und Touristen aus aller Welt an. Darin liegt die Attraktivität, aber auch die Herausforderung für eine Küche, die anspruchsvoll sein will, aber auch nicht zu individuell auftreten kann. Das Lokal verfügt mitsamt Terrasse über mehr als 200 Sitzplätze. Es gibt hervorragende Köche, die aber nur mit bis zu 40 Plätzen Qualität liefern können. Auch das ist Hürde und Bürde.

Jetzt soll Simon Kieslich die Gastronomie voranbringen und dabei „seine Handschrift frei entfalten“, wie es offiziell heißt. Von einem sehr gut gemachten Kalbsschnitzel bis hin zu einem am Tisch filetierten Steinbutt oder einer klassischen Seezunge will die Küche „modern interpretierte Vielfalt“ zeigen.

Zuvor hatten sich schon einige gute und renommierte Köche der Schlossschänke angenommen und sich daran die Zähne ausgebissen. Zuletzt stand Bruno Sojer dort am Herd, der unter anderem beim großen Heinz Winkler tätig war und mit dem italienischen Spitzenkoch Paradi Mimmo Nicoli sowie dem legendären Alfred Friedrich zusammenarbeiten konnte. Bruno Sojer hielt es nur kurz im Rheingau. Der hoch talentierte Sternekoch Dirk Schröer führte 2017 die Schlossschänke und stieg schon ein Jahr später wieder aus, um die Weinschänke Groenesteyn in Kiedrich zu übernehmen – neuerdings betreibt er das Restaurant Baiken in Eltville. Die Schlossschänke Johannisberg hat manchen hervorragenden Koch kommen und gehen sehen. Es ist ein schöner, aber kein einfacher Ort.

Ludwig Fienhold

 

Fotos: Laura Schnier, Schloss Johannisberg




Wein-Beben im Rheingau: Florian Richter verlässt das Kronenschlösschen und geht zur Sektkellerei Schloss Vaux

Ein Sommelier auf Abwegen: Herber Verlust für das Wein-Hotel in Hattenheim

 

Florian Richter ist einer der besten und bekanntesten Sommeliers in Deutschland und ein Aushängeschild für den Rheingau. Deshalb ist es auch keine läppische Personalie, dass er das Hotel Kronenschlösschen (Bild oben) im Rheingau verlässt und ab Juni in Diensten der Setkellerei Schloss Vaux in Eltville steht. Der Wechsel wirft Fragen auf. Dass Richter nach 12 Jahren dem Kronenschlösschen den Rücken kehrt mag man vielleicht noch nachvollziehen können, doch hätte man dann einen Neuanfang in einem renommierten Hotel oder Restaurant erwartet und nicht ausgerechnet in der Sektkellerei Schloss Vaux.

Sommelier Florian Richter

Dass wir die Erzeugnisse von Schloss Vaux nicht schätzen ist kein Geheminis, doch waren wir sicher, dass sie auch nicht ins anspruchsvolle Geschmacksbild von Florian Richter passen, der sonst für ganz andere Weingüter von Format steht.  Welche Rolle genau Florian Richter bei Schloss Vaux spielen wird, muss sich noch erweisen. Er selbst spricht von neuen Projekten, die der Genusssteigerung dienen sollen. Schloss Vaux ist eine Aktiengesellschaft, an der 62 Aktionäre beteiligt sind. Für das Kronenschlösschen in Hattenheim, das auch für das legendäre Rheingau Gourmet & Wein Festival verantwortlich zeichnet, ist der Abgang von Florian Richter ein herber Verlust. Das Restaurant hatte bereits seinen Michelin-Stern verloren, was zu verschmerzen ist, der Verlust von Florian Richter wiegt weit schwerer.

Ludwig Fienhold

Fotos: Barbara Fienhold




Freigut wird zum Pizza-Boot

Offenbach will Frankfurt erobern

 

Die beliebte Pizzeria Rimini geht in die Offensive

 

Das Freigut, das in Frankfurt an der Südseite vom Eisernen Steg vor Anker liegt, ist jetzt ein Pizza-Boot geworden. „Rimini“ steht am Bug, denn die Piraten von der gleichnamigen Pizzeria in Offenbach entern an bestimmten Tagen die Eventlocation und servieren ihre allseits bekannte Pizza. Es gibt verschiedene Varianten, einige funky, andere klassisch (9 – 17 €). Die „Salami Napoli“ mit Tomaten aus San Marzano, Basilikum, Parmesan, Olivenöl, Mozzarella Fior di Latte und Salame Napoli ist ein typischer Vertreter. Die Pizza ist würzig gut, der Käse geschmeidig und nicht pampig, der Boden eher fluffy, nur die Ränder sind knusprig. Die Ränder sind absichtlich leicht angekohlt, um ein schönes Röstaroma zu bekommen. Die Pizza ist nicht fettig, was ebenso zur besseren Verträglichkeit beiträgt. Es gibt also viele Pluspunkte, die erklärt, warum Rimini so beliebt ist. Das mag nicht die beste Pizza der Stadt sein, hat aber was und schmeckt so ganz anders. Vor allem liegt sie nicht schwer im Magen, insbesondere dann, wenn man sich eine Pizza teilt, was bei der Größe leicht möglich ist.

Das Freigut ist eine Eventlocation, feiert an vielen Tagen oder wird oft für private Feste gemietet. Zum Pizza-Boot wird es an den Tagen, wo keine geschlossenen Veranstaltungen auf dem Programm stehen. Man muss sich also immer die Webseite ansehen oder Social Media im Auge behalten, um die Tage herauszufischen. Im Prinzip soll es von Mittwoch bis Sonntag Pizza geben,  was aber durch die Events nicht als gesichert gilt. Das Freigut hat zwar sein Konzept geändert, auf der Weinkarte stehen aber immer noch gute alte Bekannte. Der Weißburgunder von Wittmann aus Rheinhessen sowie die Weine von  Becker und Bauer aus der Pfalz sind seetüchtig und bieten ein passables Vergnügen.

Der Eroberungszug der Offenbacher Pizza-Piraten geht aber noch weiter. Schon bald soll im Sommer, wahrscheinlich Juli, direkt am Frankfurter Dom ein Lokal eröffnet werden, in diesem Rimini in der Domstraße wird es aus  Gründen des Brandschutzes aber keine Pizza, sondern vor allem Pasta geben. Nur frisch gemachte Pasta, darunter auch eine authentische Carbonara, wie sie selten in der Stadt zu finden ist. Wahrscheinlich wird das Pasta-Lokal täglich von 12 bis 22 Uhr geöffnet sein, was auch davon abhängt, ob man genug Mitarbeiter findet. Mit dem Freigut haben die Offenbacher aber einen guten Fang gemacht, um ihre Pizza in Frankfurt zu präsentieren.

Text + Fotos: Barbara Fienhold

 




Gerbermühle: Großes Gastro-Freiluftkino

Frankfurts schönstes Ausflugsziel

hat einen neuen Küchenchef

 

Christoph Kern aus Salzburg setzt auf herzhafte Klassik

 

In Frankfurts schönstem Gartenlokal blüht das Leben. Wo sonst kann man so stimmungsvoll unter schattigen Bäumen direkt am Flussufer sitzen? Das Traditionslokal hat mit Christoph Kern einen neuen Küchenchef, der aus Salzburg stammt.

Burrata/Tomaten | Basilikum / Gegenbauer Tomatenessig | Tomatenstaub

Die bewährte herzhafte Küche bleibt und versucht sich zu verbessern, die Weinkarte legt auch immer noch zu. Jedenfalls ist überall der Wille zur Verbessrung zu spüren. Chili Grillhändel und Wiener Schnitzel gehören zu den Highlights. Die ewig gleiche und langweilende Burrata kommt in der Gerbermühle etwas anders auf den Tisch, fällt nicht so cremig und fester aus. In Begleitung von besten Oberräder Tomaten und Tomaten-Essig von Erwin Gegenbauer aus Wien wird sie zu einem schönen aromatisches Gartengericht. Die Gerbermühle ist kein Sterne-Restaurant, aber ein ambitioniertes Ausflugslokal mit außergewöhnlicher Atmosphäre.

Weinberater Denis Mihaljevic

Die Weinkarte ist für ein Gartenlokal ambitioniert, aber die Gerbermühle war ja noch nie ein normales Ausflugsziel. Man findet eine Offensive an Rosé-Weinen, wie sie gut zur Gerbermühle und der Terrasse passen. Mallorca, Südfrankreich, Deutschland, es gibt unterschiedliche Provenienzen und Stile zu entdecken. Frankreich mag für viele die erste Wahl sein, der saftige, süffige und seidige Hampton Water von Gérard Bertrand kommt aus Südfrankreich, obwohl die Musik-Star-Family Bonjovi dahinter steht. Der neue Bubbly, von Hampton Water, ein Schäumer mit Trinkfreude auf gutem Niveau, wurde gerade auf die Karte gesetzt. Denis Mihaljevic kümmert sich engagiert um die Weine und sorgt mit Restaurantleiter Thomas Subtil und dem Team für einen gastfreundlichen Service.

Restaurant und Biergarten sind getrennt und bieten unterschiedliche Gerichte. Im Biergarten gibt es kleine und größere Deftigkeiten wie Wurstsalat, Handkäs mit Musik und Frankfurter Würstchen, aber auch den tollen Hausschoppen der Apfelwein-Kelterei Stier. Im Biergarten kann man nicht reservieren und findet eigentlich immer einen Platz, während im Restaurant eine Reservierung notwendig ist. Beide teilen sich aber diese ganz besondere Atmosphäre am Mainufer, dieses wunderbare große gastronomische Freiluftkino.

Ludwig Fienhold

 

Gerbermühle, Frankfurt, Gerbermühlstr. 105, Tel. 069/689 777 90.

Restaurant Mo – Fr 11.30-14 Uhr, 17.30 – 22.30 Uhr, Sa + So 11.30 – 22 Uhr. Das Designhotel bietet 19 Zimmer und Suiten, unter denen die Johann Wolfgang von Goethe Balcony Suite besonders attraktiv ist. Die Bar mit Natursteinwänden und Ledersesseln ist ebenfalls sehenswert.  

www.gerbermuehle.de

 

Fotos: Barbara Fienhold

 

 

Restaurantleiter Thomas Subtil

Küchenchef Christoph Kern




Abschied vom Promi-Gastronomen Salvatore Rimonti

Frankfurt trauert

um einen bunten Hund

der keine schwarzen Trauergäste möchte

Beerdigung jetzt am Dienstag

 

 

Salvatore mochte es gerne schnell, beim Rudern, Skifahren und Surfen. Und beim Reden, wenn er mit flinker Zunge aus seinem Leben erzählte. Auch jetzt ging alles ganz schnell, sein Herz hörte einfach auf zu schlagen. Am 16. Juli. Die Beerdigung wird jetzt Dienstag, 29. Juli, um 9.45 Uhr auf dem Frankfurter Südfriedhof stattfinden. Die Familie lässt wissen, dass es im Sinne von Salva wäre, wenn die Trauergäste nicht in Schwarz erscheinen. Das Bistro Salvatore an der Schönen Aussicht soll am 15. August wieder eröffnet werden.

Pizzabäcker haben meist Kugelbäuche. Salvatore Rimonti konnte sich enge T-Shirts leisten, denn sein Surfbrettbauch schlug keine Wellen. Wenn bei ihm „Wegen Wind geschlossen“ an der Tür stand, so wusste man, dass er wieder auf den Weltmeeren unterwegs war, denn das Longboat-Surfen war Jahrzehnte seine Leidenschaft, mit der er sich sogar schon für die Weltmeisterschaft qualifizierte.

1968 war „Salvatore“ noch eine Trinkhallen-Pizzeria an der „Schönen Aussicht“ gleich neben dem Schopenhauer-Haus, danach wurde daraus eine möblierte Pizzeria, die sich wegen des größeren Angebots später Bistro nannte. Aus 20 wurden über 80 Quadratmeter.

Salvatore eröffnete etwa gleichzeitig mit dem damals gleich um die Ecke liegenden kultigen Kellerlokal „Sinkkasten“ und bekam von dort auch einen guten Teil seiner Kundschaft. Zuvor hatte er als Barkeeper im Londoner Hilton und als Kellner im Schlosshotel Kronberg und dem Intercontinental Frankfurt gearbeitet. Viele der alten „Sinkkasten“-Gäste kamen auch später wieder – damals Studenten, später Professoren, Ärzte, Anwälte.

Es fand sich immer mehr junges Klientel ein, viele Schicke und Schöne, zumal sein Lokal auf der Strecke zum Ausgehpflaster Hanauer Landstraße beziehungsweise dem Rückweg lag. Das Publikum war sehr bunt, von fast normal bis ganz schräg. Viele tranken lieber Champagner als Prosecco.

Salvatore Rimonti, der am 5.12. 1949 in Neapel geboren wurde, verbrachte den größten Teil seines Lebens am Main, wo er mit Blick auf den Fluss arbeitete und wohnte. Frankfurt wird ihn im Herzen behalten.

Ludwig Fienhold
Blumen, Kerzen und eine Mini-Pizza zum Abschied von Freunden

Blumen, Kerzen und eine Mini-Pizza von Freunden zum Abschied

 

 




Frankfurt: Das neue Kimpton Hotel will kulinarischer Hotspot werden  

Und setzt dabei auf bekannte Köche aus der lokalen Szene

 

Das neue Kimpton in der Innenstadt will ein Hotspot werden und setzt bei seinem gastronomischen Konzept auf bekannte und erfahrene Mitarbeiter. Das kürzlich eröffnete Hotel ist Teil des wuchtigen Gebäude-Ensembles Four in der Junghofstraße 7.

Die Konzeptionierung der beiden Restaurants und Bars lag bei der englischen „Gorgeous Group“. Man will eine moderne internationale Küche mit lokalem Touch bieten. David Bullett übernimmt als Head of Food & Beverage die gastronomische Leitung. An seiner Seite stehen Andrijana Golubovic als Restaurantmanagerin und Dominik M. Falger, der sich mit seinem Team um die Bar-Outlets kümmert. Komplettiert wird das Führungsteam durch Jörg Ludwig, der als Executive Küchendirektor die Gastronomie auf Erfolgskurs bringen soll.

Der Kanadier David Bullett ist bisher bei verschiedenen Lokalen in Frankfurt positiv als Gastgeber in Erscheinung getreten, im Biancalani, dem Goldman von Thomas Haus und dem VaiVai sowie der Gerbermühle. An Davids Seite wird Andrijana Golubovic die Restaurants führen. Andrijana arbeitete in den vergangenen zehn Jahren in Dubai, Bahrain und Montenegro und schärfte ihre Kenntnisse in Tophotels wie Four Seasons, Ritz Carlton und Shangri-La. Die Bars des kürzlich eröffneten Kimpton Hotels stehen unter der Leitung von Dominik M. Falger. Er war Gründer der (inzwischen geschlossenen) Embury Bar in Frankfurt und arbeitete in internationalen Häusern wie dem Burj Al Arab in Dubai und der Widder Bar in Zürich.

Jörg Ludwig

Als Küchendirektor konnte Kimpton Jörg Ludwig gewinnen, der seit über 35 Jahren am Herd steht und viele Jahre als Küchenchef für gute Leistungen in der Gerbermühle sorgte. Unter seiner Leitung komplettieren Lars Burtscheidt als Head Chef, Ignatius Gorby als Executive Sous Chef und Jakob Borowski als Sous Chef das Team. Alle drei sammelten bereits Erfahrungen bei guten Adressen in der Gastronomie und Hotellerie. Lars Burtscheidt arbeitete unter anderem im Frankfurter Hilton als Küchenchef. Ignatius Gorby wechselt nach sechsjähriger Tätigkeit im Frankfurter Sternerestaurant Bidlabu ins Kimpton. Zuvor war Ignatius im mittlerweile geschlossenen Weinsinn engagiert, das zu seiner Zeit ebenfalls mit einem Michelin-Stern ausgezeichnet wurde. Sous Chef Jakob Borowski kochte zuletzt in der Gerbermühle, davor führte ihn sein Weg ins bekannte Landhaus Stricker auf Sylt. Am 23. April eröffnete mit dem Lazuli eine Rooftop-Location im fünften Stock, wo alle vier Türme des Four Frankfurt zusammenlaufen.

 

David Bullett

Jörg Ludwig & das Küchenteam

Barchef Dominik M. Falger

Jakob Borowski

Lars Burscheidt

Andrijana Golubovic

Photocredit: Kimpton




Winzer Fabian Schmidt aus dem Rheingau wird neuer Pächter des Weinguts der Stadt Frankfurt

Der Winzer will auf Bio umstellen und soll die Weine populärer machen

 

Das Weingut der Stadt Frankfurt ist eine Besonderheit, die aber mehr Beachtung verdient hätte. Viele haben davon gehört, aber dennoch nie einen dieser Weine getrunken, unter denen der Lohrberger Hang als einzigartige Lage hervorsticht. Der Vertrag der Pächerfamilie Rupp, die das städtische Weingut seit 1994 führt, endet dieses Jahr. Von Fabian Schmidt, der sein eigenes Weingut „Im Weinegg“ in Hochheim im Rheingau führt, erhofft sich die Stadt Frankfurt ab 2026 eine Umstellung auf biologischen Anbau sowie eine bessere Vermarktung. Eine Umstellung auf biologischen Weinbau geht allerdings nicht von heute auf morgen und wird drei Jahre dauern, bis ein entsprechendes Zertifikat ausgestellt werden kann. Da dies mit einem höheren Aufwand verbunden ist, dürfte sich das auch auf die Preise auswirken.

Winzer Fabian Schmidt

Wir kennen das Weingut Im Weinegg von Fabian Schmidt seit zehn Jahren. Der 42 Jahre alte Winzer konnte einige beachtenswerte Weine vorlegen und hat über die Jahre an Qualität zugelegt, was auch entsprechende Bewertungen in einschlägigen Fachmagazinen bestätigen. Schmidt ist vielseitig engagiert, man darf ihm einiges zutrauen. Seit 2023 ist sein 12 Hektar großes Weingut in Hochheim ein biodynamisch zertifizierter Demeter-Betrieb.

Armin Rupp, der das Weingut der Stadt Frankfurt maßgeblich aufgebaut hat und mit den Jahren ebenfalls eine Steigerung des Niveaus fertigbrachte, hat aus Sicht der Stadt zu wenig für die Vermarktung getan. Sohn Jürgen Rupp hatte sich ebenfalls als Pächter beworben, konnte aber ein nicht näher bekanntes und nur allgemein als Jury genanntes Gremium der Stadt nicht so sehr überzeugen wie Fabian Schmidt.

Neben den den Weinbergen im Rheingau gehört zum Weingut der Stadt Frankfurt auch der Lohrberger Hang, der dem Frankfurts Ortsteil Seckbach zugeordnet wird und damit ein echter lokaler Wein ist. Der trockene Riesling Lohrberger Hang, von dem jährlich rund 10.000 Flaschen erzeugt werden, ist der interessanteste Wein im Sortiment. Der Weinberg mit Südhanglage gehört der Stadt seit 1803 und wurde davor vom Frankfurter Karmeliterkloster betrieben. Den Riesling ziert ein historisches Etikett, das im Gegensatz zu den anderen Flaschenetiketten Gestaltungswillen zeigt. Er schmeckt frisch, reintönig und saftig und fällt weit weniger säureknackig wie beispielsweise ein Rheingauer Riesling aus. Er eignet sich wegen seiner geografischen Einzigartigkeit und seiner nicht wahrnehmbaren Säure besonders gut für Hiesige und Auswärtige, die Angst vor der Rieslingsäure haben. Es ist ein seriöser Spaßwein, den man gerne verschenkt, aber auch selbst im Hause hat, um Gäste zu überraschen.

Die Stadt Frankfurt hätte es gerne, dass der neue Pächter des städtischen Weinguts auch die Weinstube im Römer betreiben würde. Ein Winzer als Gastronom? Bislang war dies aus guten Gründen nicht so, wurden Weingut und Gastronomie in zwei verschiedene Hände gegeben. Auch Fabian Schmidt bestätigte auf unsere Nachfrage, dass er erst einmal mit dem Weingut alle Hände voll zu tun habe und nicht an eine Pacht für die Weinstube im Rathaus Römer denke.

Frankfurter Römerberg

Dennoch muss sich etwas ändern. Bislang wird die an Frankfurts prominentesten Platz liegende Weinstube im Römer chaotisch geführt, gleich drei Köche in Folge und ein Restaurantleiter haben seit der erst wenige Monate zurückliegenden Eröffnung das Handtuch geworfen. Das Lokal sollte aus Sicht der Stadt als Interimslösung betrieben werden, ob bis 2026 oder sogar 2027 blieb offen. Dabei zählt jeder Tag, die Stadt muss sich für das Lokal schnellstens etwas anderes überlegen und blamiert sich mit dieser Gastronomie gehörig.

Zumindest die Neuverpachtung der städtischen Weinguts scheint nun sicher zu sein. Man sollte sich jetzt vielleicht noch einige Flaschen vom aktuellen Jahrgang zulegen, weil es diese so nie wieder geben wird. Und weil man dann später vergleichen kann, welche Unterschiede es im Geschmack und bei der Qualität zwischen den alten und den neuen Weinen gibt.

Ludwig Fienhold

Fotos: Fienhold, Schmidt




Althoff Collection: Das neue Hotel The Florentin eröffnet im November in Frankfurt

Zimmer von 421 bis 13.175 Euro die Nacht

 

Wie die die einstige Villa Kennedy will auch

The Florentin mit der Innenhof-Terrasse glänzen

Aber das ist nichts Neues

 

Noch lässt sich nicht erkennen, wie das Hotel The Florentin, das zuvor als Villa Kennedy von Rocco Forte als Pächter geführt wurde, Gäste gewinnen will. Vor allem wird nicht deutlich, wie man die Fehler des Vorgängers vermeiden will und mit welchem kulinarischen Konzept man antreten möchte. Ab 1. November wird General Manager Boris Messmer die ersten Gäste begrüßen, die aber schon jetzt buchen können. Die Preise: Deluxe Zimmer (32-36 qm) ab 421 €, Junior Suite ab 757 €, Florentin Terrace Suite ab 1.275 €. Suite in der historischen Villa Speyer 1.998 – 4.845€. Royal Suite (322 qm) 13.175 €. Frühstück 45 €.

Boris Messmer, GM The Florentin

Nach den Worten von General Manager Boris Messmer versteht sich das Hotel als „Urban Retreat“ der Luxusklasse, als ein Rückzugsort mitten in der pulsierenden Mainmetropole. Der Name Florentin steht für die große Innenhof-Terrasse, das blühende Herzstück des architektonisch attraktiven Ensembles. Sieht man vom Frankfurter Hof ab, gibt es keine so großzügige und inspirierende Terrasse in einem Hotel Frankfurts. Diese Großstadt-Oase lässt den Blick flanieren und bietet ausreichend Atmosphäre, um sich als Treffpunkt etablieren zu können. Leider liegt sie im Gegensatz zum Frankfurter Hof nicht im Zentrum Frankfurts, sondern abseits städtischen Lebens. Hier läuft man nicht so einfach vorbei, nicht einmal der Bahnhof ist zu Fuß zu erreichen. Das Florentin, und damit muss es leben und dadurch muss es noch mehr Ideen als der Vorgänger entwickeln, befindet sich auf der Schnellstraße, die zum Flughafen von Frankfurt herausführt.

Was früher in der Villa Kennedy das italienisch geprägte Restaurant Gusto war, nennt sich nun The Garden. Es ist ganztägig geöffnet und bedient die Gäste vom Frühstück bis zum Dinner. Nach offiziellem Wortlaut wird „Destination Dining“ geboten. Das hört sich schwer nach internationaler Küche an, was kein Grund wäre, hierher zu kommen. Schon das Gusto konnte das Frankfurter Publikum nicht für sich gewinnen.

The Florentin Frankfurt

Man muss schon etwas mehr bieten als „Destination Dining“, was auch für irgendeine Airline stehen könnte. Was genau will die Küche mit welchem Konzept bieten, wie will man die große Innenhof-Terrasse bespielen, wer wird Küchenchef? Viele Fragen, aber keine Antworten auf unsere Nachfragen. Nur dies: Man will erst in einigen Wochen informieren.

Als Villa Speyer wurde das herrschaftliche Wohnhaus 1901 für die Bankiersfamilie von Speyer erbaut. In der Villa Speyer befinden sich die besonders reizvollen Suiten des Hotels. Mit seinen 147 Zimmern (98 Deluxe Zimmer und 49 Suiten) richtet sich The Florentin nach offiziellem Statement an anspruchsvolle Business- und Leisure-Reisende.

Die Villa Kennedy wurde 2006 als ein Rocco Forte Hotel eröffnet und war zumindest ein optischer Leckerbissen. Im März 2022 war Schluss. So schön das Hotel sein mag, die Lage ist keineswegs optimal. Man befindet sich viel zu weit ab von der Innenstadt. Außerdem gibt es keine Geschäfte ringsherum oder gar Flaniermeilen, das Museumsufer muss man sich stramm erlaufen. Auf dieses Manko muss Althoff eine Antwort finden.

Bei allen offenen Fragen und Bedenken: Frankfurt darf sich auf ein neues Luxushotel freuen, das auch die schläfrig gewordene Spitzenhotellerie aufwecken könnte.

Ludwig Fienhold  

 

Photocredit: Althoff




Frankfurt kommt unter die Räder: Brandbrief der Gastronomen

Wie eine fahrlässige Verkehrspolitik

der Stadt Schaden zufügt

 

Frankfurt kommt unter die Räder. Die Stadt wird ohne Sinn und Verstand völlig willkürlich mit Radwegen überzogen. Offenbar will man Paris in seiner drastischen Autofeindlichkeit noch überholen. Ganze Stadtteile werden durch rot markierte breite Fahrradwege irrwitzig umgestaltet, im Nordend und in Bockheim werden Autofahrer und Fußgänger immer mehr zu Randexistenzen. Der Oeder Weg wurde hässlicher und unsicherer, Radfahrer fahren noch rigoroser und schneller als je zuvor. Die Gutmenschen strampeln als Weltretter in einen moralischen Eskapismus.

Die Berliner Sraße ist ein Paradebeispiel der Abwegigkeit. Dort lässt man zugunsten der Radfahrer den Autofahrern mit nur noch einer Spur weit weniger Platz, was vor allem samstags zum Zusammenbruch des innerstädtischen Verkehrs führt. Dort und in den angrenzenden Straßen stecken die Autos ewig fest und werden zu einem übermäßigen CO2-Ausstoß genötigt. Vielleicht benutzen die Radfahrer ja deshalb auch lieber die Fußgängerwege statt sich in ihren neu markierten Freiflächen breit zu machen.

Größtmögliche Sinnlosigkeit zeigen die Pläne der Stadt für die Bockenheimer Landstraße, wo man trotz bereits bestehender Fahrradwege diese weiter verbreitern will bei gleichzeitiger Beschneidung der Fahrspuren für die Autos.

Frankfurt ist immer weniger zu erkennen und verliert sein Gesicht. Die Straßen, die durch Geschäfte, Restaurants, Cafés und andere gesellschaftliche Treffpunkte überhaupt erst zum Leben erweckt werden, haben an Qualität verloren und müssen sich mitsamt den Geschäften und Lokalen ihrer Existenz beraubt sehen. Die verantwortlichen Politiker agieren in maßloser Selbstrgerechtigkeit. In der Verkehrspolitik ist man geistig und politisch festgfahren. Ausgerechnet der Grünen-Politiker Wolfgang Siefert nennt sich wahrhaftig Mobilitätsdezernent, obwohl er für das Gegenteil sorgt. Er verfällt in ideoligische Starrheit und erweist sich als mental unbweglich. Durch seine Sessilität büßt Frankfurt seine Attraktivität ein und verliert an Glaubwürdigkeit.

Die Stadt Frankfurt muss sich wieder auf das besinnen, was wirklich wichtig ist und die Steuergelder nicht der Ideologie opfern, sondern gezielt zum Nutzen der Bewohner einsetzen. Das einst stolze Bahnhofsviertel ist zum Elendsquatier geworden. Der Drogensumpf breitet sich immer mehr aus, und mit ihm gewaltbereite aggressive Kriminielle. Sie haben auch längst zwischen Hauptwache und Konstablerwache von der Zeil Besitz ergriffen und nisten sich in öffentlichen Parkhäusern ein. Zur sozialen Verwahrlosung kommt eine brachiale Vermüllung der Stadt, die den erbärmlichen Zustand Frankfurts weiter verstärkt. Es herrscht allerorten Notstand, da bedarf es vieler Maßnahmen, aber ganz gewiss keiner sinnlosen Radwege.

Kommentar: Ludwig Fienhold

 

In einem Brandbrief, der sich unter anderem an Oberbürgermeister Mike Josef von der SPD und den Grünen-Politiker und Mobilitätsdezernenten Wolfgang Siefert wendet, beziehen Gastronomen Stellung und weisen schlüssig auf die weitreichenden Schäden hin, die durch eine geplante Verbreiterung der Radwege auf der Bockenheimer Landstraße entstehen. Hier das Schreiben im Wortlaut:   

Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister Josef,
sehr geehrte Damen und Herren des Verkehrsdezernats, des Mobilitätsdezernats, der Stadtverordnetenversammlung, der IHK Frankfurt und des DEHOGA Hessen,

die unterzeichnenden Gastronomen der Bockenheimer Landstraße wenden sich mit großer Sorge an Sie. Wie wir aus der Presse erfahren mussten, plant die Stadt Frankfurt, den bereits bestehenden Fahrradweg entlang der Bockenheimer Landstraße so zu verbreitern, dass die Straße durchgängig nur noch einspurig befahrbar wäre. Diese Maßnahme wurde ohne jede Rücksprache mit den betroffenen Anliegern beschlossen und hätte gravierende Konsequenzen für den Verkehrsfluss, die Erreichbarkeit unserer Betriebe und die Attraktivität des Standorts.

Dabei ist dieser Umbau vollkommen überflüssig. Schon heute existieren auf beiden Seiten der Bockenheimer Landstraße eigene Fahrradwege. Zusätzlich wurde der parallel verlaufende Kettenhofweg erst kürzlich zur Fahrradstraße umgebaut. Die Radinfrastruktur in diesem Bereich ist also bereits umfassend ausgebaut – eine weitere Verbreiterung auf Kosten des Autoverkehrs entbehrt deshalb jeder Notwendigkeit.

Die Bockenheimer Landstraße ist keine klassische Einkaufsstraße, sondern eine lebendige Gastronomie- und Ausgehmeile. Restaurants, Cafés und Bistros prägen das Straßenbild und ziehen Kunden aus der ganzen Region an. Eine künstliche Verengung der Straße führt unweigerlich zu endlosen Staus, erschwert den Lieferverkehr und macht es unseren Gästen schwer, uns mit dem Auto zu erreichen. Zudem wird die Aufenthaltsqualität massiv beeinträchtigt – insbesondere für diejenigen, die auf unseren Terrassen speisen wollen und künftig auf eine endlose, CO2-emittierende Blechlawine blicken müssen.

Besonders empörend ist, dass die betroffenen Gastronomiebetriebe im Vorfeld nicht nach ihrer Meinung gefragt wurden. Jetzt zeigt sich deutlich, dass die überwältigende Mehrheit der betroffenen Gastronomen klar gegen diesen teuren und kontraproduktiven Umbau ist. Es kann nicht sein, dass über die Zukunft eines der wichtigsten Gastronomiestandorte Frankfurts entschieden wird, ohne die Menschen einzubeziehen, die hier täglich arbeiten und investieren.

Doch dieser überflüssige Umbau geht nicht nur zulasten des Autoverkehrs und der Gastronomie – er wird auch mit Steuergeldern finanziert. In Zeiten knapper öffentlicher Mittel ist es unverantwortlich, Millionenbeträge in ein Projekt zu stecken, das keinerlei erkennbaren Nutzen bringt, aber nachweislich massive Nachteile für Anwohner, Gewerbetreibende, Behinderte und Besucher verursacht. Statt Steuergelder für eine fragwürdige Fahrbahnverengung zu verschwenden, sollten diese Mittel sinnvoller eingesetzt werden – beispielsweise für die Sanierung bestehender Straßen, mehr Sauberkeit, einen besseren öffentlichen Nahverkehr oder die Schaffung dringend benötigter Parkmöglichkeiten.

Unsere Gäste, Lieferanten und Mitarbeiter sind auf eine funktionierende Infrastruktur angewiesen. Die willkürliche Reduzierung der Fahrspuren und der Wegfall dringend benötigter Parkmöglichkeiten gefährden nicht nur die Erreichbarkeit unserer Betriebe, sondern stellen auch einen direkten Angriff auf die Gastronomie, die Wirtschaftskraft und die Lebensqualität in diesem Viertel dar. Unsere Restaurants und Cafés sind ein zentraler Bestandteil des Frankfurter Stadtlebens und ein bedeutender Wirtschaftsfaktor. Wir beschäftigen zahlreiche Mitarbeiter, zahlen erhebliche Gewerbesteuern und tragen maßgeblich zur Attraktivität der Stadt bei. Eine Einschränkung unserer Geschäftstätigkeit hätte daher nicht nur gravierende Folgen für unsere Unternehmen, den Arbeitsmarkt und die städtischen Finanzen, sondern würde auch das kulturelle Leben Frankfurts spürbar beeinträchtigen. Unsere Betriebe sind nicht nur Orte des Genusses, sondern auch soziale Treffpunkte, die das gesellschaftliche Miteinander und die kulturelle Vielfalt der Stadt prägen. Ihre Existenz zu gefährden, bedeutet, ein Stück urbaner Lebensqualität aufs Spiel zu setzen.

Die Stadt Frankfurt darf die Bedürfnisse der Anwohner, Geschäftsleute und Besucher nicht ignorieren. Statt den Verkehr durch eine durchgängige Fahrbahnverengung zum Erliegen zu bringen, braucht es Lösungen, die die Erreichbarkeit erhalten, den Verkehrsfluss gewährleisten und den Charakter der Bockenheimer Landstraße als gastronomischen Hotspot nicht gefährden.

Wir fordern die Stadt Frankfurt daher auf, von den geplanten Maßnahmen Abstand zu nehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Gregor Bernd (Gregor’s – Boutique Vinothek)

Karsten Boy (Block House)

Igor Cakalic (The Black Bulls)

Myers del Alamo (Sunny Side Up)

Sedat Durmaz (Oceans)

Dimitrios Kalyvas (Café Laumer)

Anik Katyal (Palmenhof)

Gregor Meyer (Meyer Deli Coffee Kitchen)

Christian Mook (Mon Amie Maxi)

Luel Mulugeta (Elaine’s World)

Mickey Rosen & Alex Urseanu (Moriki)

Dennis Rimonti (Via Monte Napoleone)

Philip Ricken (Le Bistro 66)

Karlheinz Schneider (Schneider´s Café Snackbar)

Giuseppe Talarico (Brixia)

Caroline & Dirk Vater (Chinaski)




Casa Pintor: Tapas & Vino gefühlsecht

Ein seltenes Stück

Spanien in Frankfurt

 

Tapas e Vino, wo gibts das schon in Frankfurt? Wo findet man, was man so gerne als gute Erinnerung aus dem Spanien-Urlaub mit nach Hause nimmt und dort weiter erleben möchte? Die Casa Pintor liegt nicht am Meer, sondern recht bescheiden im Frankfurter Bornwiesenweg, unweit des Oeder Wegs. Aber es ist seit 28 Jahren ein kleines Stück Heimat für jene, die Spanien pur erleben möchten. Schlicht, aber keineswegs anspruchslos.

Das Lokal ist so schräg und gleichzeitig geradlinig geblieben, wie es immer war. Kein schicker Pudel, sondern ein unfrisierter Straßenköter. Aber einer mit Charakter. Nicht nur Singles, auch Pärchen nehmen gerne auf den Hockern am Tresen Platz. Der winzige Logenplatz neben dem Eingang, ein Stehtisch mit zwei Hockern, ist eng, und doch zwängen sich manche gerade hier hinein, weil man von dort das ganze Lokal im Blick hat. Die Tische mit den Bänken und ihren hohen Rückenlehnen werden von Vierergruppen bevorzugt. Diese Plätze gab es früher so nicht und sind der Corona-Politik nach Distanz geschuldet. Man hört das Gerede nebenan nicht mehr, aber man kann auch nicht mehr so einfach Tische übergreifend mit Sitznachbarn ins Gespräch kommen. Die Gäste gleichen den Kacheln an der Theke, einige sind gut in Schuss, bei anderen blättert der Lack, manche haben einen Sprung. Die Mischung ist erstaunlich, man hat es mit einem bunten Haufen an Individualisten zu tun. Rüstige und redselige Ältere und junge Pärchen, Singles mit einem letzten Glas zum Müde- oder Wachwerden, je nach Laune und Uhrzeit. So ist das bei einem Stadtteil-Treffpunkt, der Kneipe an der Ecke.

Jose Manuel Perez Fincias

Auf solche Tapas wie hier hat man immer Lust. Sie werden nicht schick inszeniert, aber ansprechend angerichtet und vor allem herzhaft gewürzt. Klassiker wie Gambas al Ajillo, Chorizo frito oder Albóndigas con Tomate sind jene Happen Heiterkeit mit denen man gerne seinem Wein zu einer netten Begleitung verhilft. Gut sind auch die Miesmuscheln in Weißweinsauce (oder picante) und die kalten Gambas mit Zwiebeln und Paprika. Den Tagesempfehlungen auf einer Schiefertafel kann man ebenso vertrauen, wie den Tapas in der Vitrine. Das schöne hausgebackene Sauerteigbrot eignet sich hervorragend zum Saucentunken. Die meisten Tapas sind noch bis Mitternacht zu haben.

Küche und Service kommen aus allen möglichen Ländern, vor allem Südamerika, Köchin Liliana ist schon ewig dabei. Patrón José, der aus Zamora in der Region Castilla y León stammt, hat in seinem Lokal als Koch, Kellner und Weinberater gearbeitet und ist so oder so der gute Geist des Hauses. Inzwischen auch der Weingeist.

Bei unseren ersten Besuchen war die Weinkarte von allen guten Geistern verlassen, das hat sich längst geändert. Es gibt 40 Flaschen, vier im offenen Ausschank, alle stehen sie unter dem Diktum „ordentlich und bezahlbar“. Ein einfaches Beispiel dafür ist der Verdejo aus der Region Rueda, so etwas wie der Hauswein (5,90 € das Glas, 0,2l). Wer einen richtig guten und doch preiswerten Wein trinken will, greift zum Acustic Blanc von der Bodega Acustic aus Katalonien. Ein zitrusfrischer, saftiger, cremiger und harmonischer Wein aus verschiedenen interessanten Rebsorten (Flasche 31 €). José will alsbald auch wieder sein erstklassiges eigenes Olivenöl anbieten. Es sind solche persönlichen und selten gewordenen Adressen, die Frankfurt liebenswert machen. Sie sollten unter Artenschutz stehen.

Ludwig Fienhold

Fotos: Barbara Fienhold

 

Casa Pintor, Frankfurt, Bornwiesenweg 75, Tel. 069 597 37 23. Geöffnet 18 – 1 Uhr, Sonntag + Montag zu.

www.casapintor.de