The Graevenitz: Lässig Sparkling Wine von King Charles in den Hochhausschluchten Frankfurts sippen

Im Zentrum der Stadt

hat diese Tagesbar

noch gefehlt

Das neue wuchtige und die Frankfurter Innenstadt dominierende Hochhausquartett Four macht sich nicht nur durch seine Höhe wichtig, gerade weiter unten am Boden bewegt sich einiges. Am 29. September soll das Lokal The Graevenitz eröffnen, eine weinaffine Tagesbar mit durchgäng arbeitender Küche. Wir konnten bereits Einblick nehmen, einige Teller probieren und mit den Betreibern sprechen.

Endlich erkennt jemand, dass Frankfurt Single Town ist und bietet Einzelplätze an der Theke vor der offenen Küche als Genuss-Kino. Fast die Hälfte der Wohnungen oder Haushalte in Frankfurt sind Single-Haushalte. Allen Gästen wird es gefallen, dass die Küche durchgängig arbeitet, womit man viel spontaner sein kann als bei einem Lokal mit festen Öffnungszeiten. Schon ab 11 Uhr werden warme Speisen serviert. Man kann auch nur auf einen Cocktail oder ein Glas Wein vorbeischauen.

Graf von Saurma, Küchenchef Heitor, Sarah Korb

Küche und Service kommen aus der ganzen Welt, Küchenchef Heitor Abiatá Pinheiro de Araújo ist Brasilianer. Zuvor arbeitete er im Ojo de Agua in Frankfurt in gleicher Position. Die Speisekarte ist kompakt, man will frisch à la minute kochen. Menüs gib es keine, die Tellergerichte sind angenehm portioniert. Vor allem wird das angeboten, worauf man fast immer Lust hat, nur eben moderner, leichter, feiner. Es gibt manches, was einem Trend gehorcht, bei den meisten jüngeren Köchen gibt es gerösteten Blumenkohl in irgendeiner Form, im The Graevenitz mit Tahini, Granatapfel und Korianderöl. Interessanter erscheinen Evergreens, die bei vielen, vor allem jungen Köchen, aus dem Kochfeld verschwunden sind: Elsässischer Baeckeoffe, Schmortopf vom Lamm. Bei unserer Kostprobe gefiel uns Forelle in einem Sud aus Buttermilch, Grünem Apfel, Gurke, Meerrettich sowie Masago-Fischrogen.

Auf der Weinkarte stehen 50 Positionen, 19 davon im offenen Ausschank, zudem werden 15 Schaumweine by the glass angeboten. Darunter ein Sparkling Wine vom Windsor Great Park Vineyard, die unter der Leitung von King Charles steht. Diese Rarität aus den klassischen Champagnerrebsorten Chardonnay, Pinot Noir und Meunier stammt aus dem drei Hektar kleinen königlichen Schlossgarten vor den Toren Londons und ist sonst kaum zu bekommen. Solch royales Vergnügen schätzt Graf Maximilian von Saurma, der seit 13 Jahren das Ojo de Agua betreibt und dessen kosmopolitische Ururgroßmutter Marie von Graevenitz Vorlage für den Restaurantnamen bot.

Servicemitarbeiter Can

Für das Lokal The Graevenitz hat sich Graf Saurma als Geschäftspartnerin Sarah Korb ins Boot geholt, die sechs Jahre lang das Ojo de Agua als Restaurantleiterin führte und zuletzt auf einem Kreuzfahrtschiff arbeitete. Sie hat für das gemeinsame Lokal ein gutes und sympathisches Team zusammengestellt, das zum lässigen urbanen Schick des Interieurs passt. Auf den 178 Quadratmetern finden 60 Gäste Platz, die Terrasse bietet 30 Plätze. The Graevenitz hat durch seinen positiven Auftritt und das stimmige Konzept gute Chancen ein Frankfurter Liebling zu werden.

Ludwig Fienhold

The Graevenitz Tagesbar, Four Frankfurt, Junghofstraße 9.

Mo. – Sa 9 – 22 Uhr durchgehend, Küche 11 -21 Uhr.

www.thegraevenitz.de

Fotos: The Graevenitz (1), Barbara Fienhold (11)

 

Can und Sarah Korb

Tatjana von Saurma, Fabrizio Testa vom Service

Küchencrew: Heitor, Dagur, Niclas (l.n.r.)

 

 

 




Gastronomie fatal: Höhere Preise, schlechteres Essen

Wenn die Mikrowelle

zweimal klingelt

 

Reinfall im Andalucia

in Frankfurt

 

Wir besuchen mehrmals in der Woche die unterschiedlichsten Lokale, von rustikal bis fein. Noch nie hat die Gastronomie dabei einen so schlechten Eindruck hinterlassen wie heute. Ergebnis: Höhere Preise, bei gleichzeitig schlechteren Leistungen. Der Zeitpunkt dieser rasanten Talfahrt lässt sich sehr genau festlegen: Seit 2020, als die Corona-Krise begann, Restaurants und Hotels schließen mussten und Menschen in ihrer Freiheit unverhältnismäßig stark eingeschränkt wurden.

Noch vor zehn Jahren durften wir erfreut feststellen, dass man noch nie so gut in Deutschland essen gehen konnte. Der Rückblick und der Blick auf die jetzige Wirklichkeit sind erschreckend. 20 % unserer Restaurantbesuche fallen miserabel aus, 60 % sind von belangloser Mittelmäßigkeit und 20 % geraten ausgezeichnet. Teuer sind sie alle, vor allem die, bei denen Leistung und Qualität fehlen.

Der Besuch im Andalucia in Frankfurt Bockenheim war ein Tiefpunkt, ein Reigen an unglaublichen Geschmacksverirrungen. Schweinefilet in andalusischer Sherry-Sauce (9,50 €). Das Fleisch ist sehr zäh und trocken. Es schwimmt in einem Tümpel, der aus angebranntem alten Öl und süßem Sherry besteht. Ungenießbar. Das Schweinefilet war offenbar tiefgefroren und wurde kurz in der Mikrowelle aufgewärmt.

Gambas al Ajillo (10,90 €): Fünf abgezählte Gambas in ältlichem Öl mit dicker Brandkruste an der Tonschale. Überall in Spanien, und auch in Deutschland, werden diese sizzling und brandheiß serviert. Im Andalucia sind sie lauwarm und wurden offensichtlich lediglich in der Mikrowelle aufgewärmt.

Croquetas Jamon Iberico (7,50 €: Die Kroketten sollten laut Speisekarte auch mit Iberico-Schinken gefüllt sein, bestehen aber lediglich aus fader Kartoffelmasse. So schlecht haben wir dieses Tapa-Gericht noch nie erlebt.

Chipirones a la plancha (8,90 €). Eine kleine Portion mit vier abgezählten Babytintenfischen und Avocadoklecksen sowie einem Stück Zitrone. Aufgewärmt, man hört die Mikrowelle förmlich klingeln.

Albondigas in Tomatensauce (7,90 €). Geschmacksarme und sehr weiche Fleischbällchen in müder Fertigtomatensauce.

Während des Essens fragen wir uns, was der Koch wohl von Beruf sein mag. Hier kann weder ein Koch noch ein Spanier am Werk gewesen sein, statt Pfannen wurde vor allem die Mikrowelle eingesetzt.

Angesichts der mangelhaften Produktqualität und dem dilettantischen Umgang mit Essen erscheinen die Preise wie ein Raub.

Dass man drei Gäste an einem winzigen Tisch platziert, der die vielen Tapas und die Getränke kaum fassen kann, obwohl an diesem Abend viele Plätze und größere Tische frei bleiben, ist ebenfalls kaum zu fassen.

Ludwig Fienhold

 




Auf ein Glas bei den Mosbachs

Die Brüder aus dem Elsass

haben gastronomische

Geschichte geschrieben

und feierten mit

Bocuse in Frankfurt

 

 

Bei einem Glas Wein werden Erinnerungen wach. Bei dem Elsässer Fest auf dem Frankfurter Paulsplatz ist die Gastronomen & Winzer-Familie Mosbach seit 34 Jahren vertreten. Dominique und Guy Mosbach betrieben einst das fabelhafte Bistrot 77 in Frankfurt Sachsenhausen, das auch durch sein modernes Badezimmerkacheldesign auffiel – und die Schreibweise von Bistrot mit „t“.

Wann war Paul Bocuse jemals in Frankfurt? Wahrscheinlich nur einmal im Januar 2001. Seine französischen Freunde Dominique und Guy Mosbach hatten anlässlich seines Geburtstages für ihn und 40 Gäste ein schönes Menü vorbereitet: Getrüffelten Spargel, Zander auf Linsen, warme Apfeltarte. Auch dazu gab es den Rosé Vorlauf vom Mosbach-Weingut in Marlenheim, keinen außergewöhnlichen Wein, aber einen, der einfach auch noch nach dem dritten Glas schmeckt.

Dominique und Guy (l. und r. oben) betrieben mit dem Bistrot 77 am Ziegelhüttenplatz in Sachsenhausen eines der ersten Gourmet-Restaurants in Frankfurt. 1980 gab es daneben nur noch Erno´s Bistro in der Liebigstraße im Westend, das sich zur Spitze zählen durfte. Die beiden elsässisch geprägten Lokale waren in freundschaftlicher Konkurrenz miteinander verbunden und tauschten nicht selten Köche untereinander aus. Es war die Zeit, als halb Frankfurt noch weitgehend dem Rippchen mit Kraut verfallen war und Zander auf Linsen beinahe etwas Exotisches zu sein schien. Ganz schwer klar kamen konservative Gäste mit dem Ambiente im Bistrot 77, denn das Restaurant war teilweise wie ein schickes Bad gekachelt (heute ist dort der Spitzenitaliener Carmelo Greco in einem ganz anderen Ambiente zu Hause). Dass eine derart amüsante und im Grunde sehr wohnliche Einrichtung einmal als avantgardistisch und umstritten galt, ist heute noch schwerer als damals zu verstehen.

Nach 23 Jahren war die Küche im Bistrot 77 immer noch gut, aber sehr viele andere hatten längst angezogen und waren zuweilen noch besser. Gewisse Ermüdungserscheinungen in Küche und Service sowie die Lage im sterilen Hochhausmilieu erschwerten das Entree. Es war jedenfalls Zeit für einen entscheidenden Wechsel. Einschneidender hätte dieser dann nicht erfolgen können: Der einstige Sterne-Koch Dominique Mosbach zog mit seinem Bruder Guy in das Wirtshaus „Zum Grünen Baum“ nach Neu-Isenburg. Dort gab es ungewöhnliche Angebote aus dem Keller, Mouton Rothschild und Apfelwein in verträglicher Einheit. Gerichte wie Entrecôte mit täglich frisch gemachten Pommes Frites oder selbstgemachte Lammbratwürste waren die Renner. Das riesige Lokal hatte allerdings zu viele Plätze, um eine gute und zuverlässige Qualität bieten zu können. Der nächste Umzug brachte die Mosbach-Brüder ins ehemalige Restaurant von Juan Amador nach Langen, wobei dieses trotz guter Küche ohne Fortune blieb.

Dominque Mosbach verstarb 2024 im Alter von 71 Jahren und wurde in seiner Heimatstadt Marlenheim beerdigt, wo sein Bruder Guy weiterhin lebt.

LF

 

Remember

Here’s to the ones that we got
Cheers to the wish you were here, but you’re not
‚Cause the drinks bring back all the memories
Of everything we’ve been through
Toast to the ones here today
Toast to the ones that we lost on the way
‚Cause the drinks bring back all the memories
And the memories bring back, memories bring back you

(Maroon Five)