Restaurantkritik: The Dune im neuen Hotel The Florentin

Endlich hat Frankfurt ein weiteres Spitzenrestaurant

Von Ludwig Fienhold

Trotz einiger herausragender Einzelleistungen kocht die Frankfurter Gastronomie derzeit auf Sparflamme. Um so mehr freut es, dass es mit dem Restaurant The Dune einen Neuzugang gibt, der ganz weit oben mitspielen kann, nicht nur in der Stadt, sondern in ganz Deutschland.

An diesem Restaurant führt kein Weg vorbei. Bildlich gesprochen. Man muss es aber erst einmal finden. Es hält sich geradezu versteckt, als wolle es ein Geheimnis bleiben. Gleich neben der Rezeption befindet sich ein schmaler Eingang, als Pforte zu einem abgedunkelten Raum, in dem galaktische Sterne funkeln, die vielleicht ein anderes Universum öffnen möchten. Die Lichtdramaturgie erzeugt Spannung, Tisch und Teller werden gezielt durch Spots sichtbar gemacht.

Kaisergranat/Mandel/ Yuzu Kosho

Auch bei der Küche von Niclas Nussbaumer ist man schnell im Bilde, sie arbeitet selbst auf den vier Zentimetern ihrer Miniatur-Delikatessen mit Präzision und Ausdruckskraft: Wagyu-Tatar und Nori-Alge, Ziegenkäse & Gurke, Kaisergranat und Kamille. Die famose Kaisergranatessenz mit Kaffirlimette, die aus der Teekanne ausgeschenkt wird, würde man sich am liebsten in Flaschen abfüllen lassen. Ein im Porzellan-Ei gefülltes Potpourri, im Wesentlichen Dorade und Iberico-Schinken, ist ein bestens austariertes Überraschungsei. Wie alles in diesem Restaurant gut abgeschmeckt. Dem hausgebackenem Sauerteigbrot und der exzellenten Butter widmen wir eine eigene Geschichte, weil auch solche Leistungen herausgestellt gehören (siehe „Warum Brot ein eigenes Gericht sein kann“).

Restaurantleiterin Lea Rupp, Küchenchef Niclas Nussbaumer

Groß in Form gerät die Küche mit einem anderen kleinen Format von geschmacklicher Tiefenschärfe. Beim Kalbstatar mit geröstetem Lauch setzt ein cremiges Uni-Eis (Seeigel) die Pointe. Leicht salzig, nussig und in diesem Fall nicht fischig. Bei vielen Gerichten im Menü blitzt Japanisches auf, aber immer feinfühlig eingesetzt. Ein geschmackliches und auch optisches Highlight bildet der auf Holzkohle gegrillte Kaisergranat, zart und mit leichtem Biss, der mit weißer Mandelcreme, Mandeln, Yuzu Kosho-Gewürz und Grapefruit belebt wird. Das Limousin Lamm mit geschmortem Lammbauch in einer leichten Auberginenhülle wird von einer wunderbar intensiven Jus eskortiert, bei der das Brot zum Tunken animiert – es liegt auch ein Löffel bereit, aber tunken bringt einfach mehr Leben in den Mund. In der Menüfolge das konventionellste Gericht, was angesichts der sonstigen kreativen Kapriolen aber einen geschmacklichen Ruhepunkt einbringt.

Caviar Dessert

Eine Überraschung verbirgt sich hinter dem kurz C&C auf der Speisekarte genannten letzten Gang, der auch attraktiv inszeniert wird: Cornflakes-Eis-Creme mit Algen-Crunch und Vanille-Essig sowie Caviar on top. Das schmeckt so einfach, wie genial, dass man nur allein deshalb ins Restaurant The Dune gehen möchte.

Die Küche würzt beherzt, Vitalität und Finesse finden spielend und ausgewogen zusammen. Am Ende eines künstlerisch ästhetischen und sensorisch ideenreichen Menüs lehnt man sich äußerst zufrieden zurück und freut sich auf den nächsten Besuch, zumal in diesem Restaurant noch mehr Potential steckt. Das Menü mit 7 Gängen kostet 249 €, wobei man das Brot als  eigener Gang sehen könnte und es zudem noch einige Starter vorneweg gibt. Es existiert ein kleiner Bereich à la carte, der sich hier „Fine Bites & Wine“ nennt, preislich aber so ausfällt, dass man eher zum Menü greifen wird (18 – 99 €).  

Tatar vom Kalb, gerösteter Lauch und Seeigel (Uni)-Eis

Niclas Nussbaumer hat in unterschiedlichen Topküchen gearbeitet,  im zeitlosen Klassiker Erbprinz in Ettlingen, dem Spitzenrestaurant Seehotel Überfahrt am Tegernsee und dem Schlosshotel Friedrichsruhe als Chef Patissier. In der Schwarzwälder Mühle am Schluchsee wurde seine Küche dann mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnet.

Sommelier Erik Veelmann

Die Restaurantleitung im Restaurant Dune liegt in den Händen von Lea Rupp, der Lebensgefährtin von Niclas Nussbaumer. Neu im Team ist Erik Veelmann als Sommelier, der zuvor fünf Jahre in Ernos Bistro in Frankfurt arbeitete, das für seine erstklassige Küche und eine herausragende französische Weinkarte bekannt ist. Im Dune favorisiert Veelmann Frankreich und Deutschland, wobei Bordeaux und Burgund besonders gut besetzt sind. Der großartige weiße Burgunder Santenay Les Hâtes, Jahrgang 2023, von René Lequin-Colin ist eine selten zu findende flüssige Delikatesse, in der man ertrinken möchte. Die ebenfalls nicht oft zu bekommenden Weine der Domaine Tempier aus dem südfranzösischen Bandol sind von markanter Würze und tiefgründiger Erdigkeit. Der Bandol Rouge, Jahrgang 2016, ist jetzt perfekt. Wie bei allen Weinen, ist es nicht immer einfach den richtigen Zeitpunkt der bestmöglichen Trinkfähigkeit zu finden. In der Gastronomie werden oft Jahrgänge aufgetischt, die noch nicht ihr bestmögliches Alter erreichen konnten, oder solche, die ihren Zenit längst überschritten haben. Gerade deshalb sind Sommeliers so wichtig, gute Sommeliers, wie Erik Veelmann. Die Wines by the Glass im Restaurant Dune bieten sehr gute Qualitäten, sind aber derzeit nicht schlüssig und gastfreundlich kalkuliert, was nachgebessert werden soll.

Das Restaurant The Dune hat mit Tempo und Talent einen enormen Start gezeigt. Der Marathon aber hat erst begonnen.

The Dune im Hotel Florentin, Frankfurt, Grandhotel der stark kulinarisch ausgeprägten Althoff-Gruppe.

Frankfurt, Paul-Ehrlich-Str. 9, T: 069 60 51 350.

Di – Sa ab 18.30 Uhr geöffnet,

www.theflorentin.com

Photocredit: BISS Magazin Frankfurt

The Dune Restaurant

Hoteldirektor Boris Meßmer

Küchenchef Niclas Nussbaumer




Geht Essen und schneidet den Fahrradkurieren den Weg ab

Lieferdienst – ausgeliefert

Bissiges von Ludwig Fienhold

 

Gehen Sie wieder mehr Essen, allein schon deshalb um den Lieferdiensten, deren Fahrer lästig wie Moskitos durch die Stadt schwirren, den Lebensraum zu entziehen.

Lokalbesuche jeglicher Art ärgern derzeit zwar, weil sich die Preise täglich zu erhöhen scheinen und das bei meist sinkenden Leistungen. Doch dürfen wir deshalb nicht zu Hause auf dem Sofa im Pizzasumpf versacken. Fast Food macht einsam. Allein daheim, ohne soziale Kontakte, die das muntere Leben in einem Lokal bietet, kann nicht daseinsfördernd sein. Wer glaubt, der Home Imbiss wäre eine sparsame Idee, wird feststellen, dass vor allem an der Qualität des Essens gespart wird. Das Essen erscheint billig, ist aber trotzdem selten den Preis wert. Auf der Strecke bleiben vor allem der gute Geschmack und viele Fußgänger, die rasende Lieferradler auf dem Weg zu Ihnen überrollt haben.

Trotz der Lieferdienstraketen kommt das Essen nicht immer pünktlich an die Haustür. Vor allem, wenn man in Straßen wohnt, die nicht einmal Einheimische kennen. Dann sitzen Willi und sein Dackel so lange vor dem Fernseher, bis die letzte Werbung für Tiefkühlpizza vorbeigeflimmert ist. Und am Ende haben Willi und sein Dackel zur Sättigung so viele Biere getrunken, dass ihnen nur noch der Ruf nach einem Sanitäter bleibt – der aber auf dem Weg mit just dem Fahrradkurier zusammenstößt, der die Pizza liefern sollte.

Während sich Lieferdienstfahrer bewegen, sitzen die Belieferten regungslos zu Hause und warten. Sie lassen sich sehr viel Essen bringen, ohne selbst einen Schritt zu tun, und merken nicht wie sie erstarren. Mastiges Essen bei gleichzeitiger Bewegungslosigkeit bahnt schnell den Weg in die Klinik oder auf den Friedhof. Auf jeden Fall aber macht dieser einseitige und ungesunde Verzehr-Transfer dick und krank. Er füttert und entzieht gleichzeitig dem Gehirn Nahrung. Die bessere Alternative wäre natürlich zu Hause selbst zu kochen. Doch Menschen, die Lieferdienste nutzen, können nicht kochen. Sie können nur die Tür öffnen, die Pakete in Empfang nehmen und sich damit aufs Sofa plumpsen lassen.

Man darf sich den Lieferdiensten nicht ausliefern. Je weniger Menschen diese Form der schnellen Sättigung wählen, desto weniger Lieferdienste sind im Einsatz. Wenn das Essen im Restaurant zu teuer ist, sollte man sein ausgewähltes Lokal zu Fuß aufsuchen, je weiter, desto besser. Das gesparte Geld für den Hin- und Rückweg (ob beim Benzin oder dem Taxi) kommt in etwa einem Hauptgericht gleich, bei einem teuren Restaurant würde immerhin die Vorspeise kompensiert. Mit dieser Einstellung würden sich die Menschen jedenfalls wieder mehr bewegen und wären gesünder, vor allem aber wären die Straßen von einer Plage befreit. Vielleicht erinnert sich noch jemand: Vor zehn Jahren gab es noch keine Lieferdienste, die Menschen gingen in Restaurants und die Straßen waren ein gutes Stück sicherer. Der Begriff „Essen gehen“ würde so seiner wahren Bedeutung gerecht werden.

Photocredit: BISS Magazin

 




Mario Adorf, der stille Genießer

Ein Essen mit dem

großen Schauspieler

in der Krone Assmanshausen

vor 22 Jahren

 

Von Ludwig Fienhold

 

Mario Adorf ist ein stiller Genießer. Bei den Jakobsmuscheln auf Orangensauce flüstert er ein andächtiges „köstlich“. Und er lässt sich auch nicht aus der Ruhe bringen, wenn ihm zwischen den Gängen immer wieder „Der römische Schneeball“ zum Signieren neben den Teller geschoben wird.

Für meine Freundin, die im Krankenhaus liegt, bittet eine Dame. Für meine Tochter, die auch schon mit ihnen gedreht hat, betont ein Herr. Nur wenige von den hundert Gästen, die in die „Krone“ nach Assmannshausen gekommen sind, gehen an diesem Abend ohne das neue Buch des schreibenden Schauspielers nach Hause, seinen vierten Prosaband. In den realen und fabulierten „Gedanken eines Römers“ offenbart sich heiter Erscheinendes und doch Bedenkliches, stets aber persönlich Erlebtes und Empfundenes. Weißhaarig und stattlich gerundet, könnte auch Adorf ein römischer Schneeball genannt werden. Nur, dass er weniger eisig wirkt. Seinen Verehrern begegnet er mit freundlicher Distanz. Beim Tischgespräch zeigt er sich nachdenklich und spricht mit wohldosierten Pausen. In dem 156 Jahre alten Hotel „Krone“ und seiner knarzigen Holzdielenatmosphäre fühlt sich Mario Adorf wohl, zumal ihm sein Zimmer einen romantischen Rheinblick und ein Bad beschert, in dem man Schiffe versenken könnte.

Doch nicht Wasser, sondern Wein ist das Element Adorfs. Hausherr Hans-Burkhard Ullrich weiß um die Vorliebe des Schauspielers für große Bordeaux und lässt Château Latour, L´Evangile und Léoville- Las-Cases dekantieren, die den Rehrücken mit Wacholdersauce und Schupfnudeln ebenso gut begleiten wie den scharf angebratenen Seewolf mit roten Zwiebelravioli. In Italien und Frankreich, wo der weltläufige Adorf wohnt, hat man sich noch nie davor gescheut, auch Fisch in Rotwein schwimmen zu lassen, wenn es Zubereitungsart und Sauce erlauben.

Mario Adorf wurde 1930 in der Schweiz geboren, wuchs aber in Mayen bei Koblenz auf, also gar nicht so weit von der Assmannshäuser „Krone“ entfernt. Bevor er in München auf der Bühne stand, studierte er in Mainz Philologie und Theaterwissenschaften. Adorfs großer Charakterkopf ist mit Wissen ausgefüllt, vor allem aber spürt man bei ihm, was es heißt, dass Reisen bildet. Mehr als in seinen eigenen Domizilen, ist er in Hotels zuhause, wo er sich ebenso „geborgen“ fühlt. Natürlich in den guten, wie der „Krone“ oder dem Four Seasons in Berlin, wo er die Lesereise fortsetzt. Wie so oft, trägt sich Adorf auch ins Goldene Buch der „Krone“ ein. Vor Jahren unterschrieb er unter Robert Mitchum, jetzt hat er eine weiße Seite für sich allein.

Mario Adorf ist auch optisch eine farbige Persönlichkeit: Die Côte d´ Azur-Bräune setzt sich sogar gegen den kobaltblauen Anzug und die blitzend gelbe Krawatte durch. Die kleinen Elefanten auf seiner Krawatte stehen durchaus symbolisch für das dicke Fell, dass sich der nicht immer geliebte und schon gar nicht in seiner Leistung richtig erkannte und eingesetzte Schauspieler gerade und trotz seiner Sensibilität zulegen musste. In seinem Äußeren vermag man ebenso grobe wie feine Züge erkennen, Widersprüche zwischen seiner mächtigen Stirn mit den verwegenen Augenbrauen und den zarten, perfekt manikürten Händen. Und einen Blick, der ebenso fest und geradlinig wie melancholisch umschleiert ist.

Die schneeweißen und eine gewisse Gütigkeit verheißenden Haare trägt er wie zum Trotz gegen sein ewiges Öffentlichkeitsbild vom windigen und draufgängerischen Südländer. Robuste Zerbrechlichkeit. Hinter der nahezu statischen Ruhe des Mario Adorf liegt Unruhe, aus dem Gesicht lugt ein Lauern hervor. Auch auf Ansprache und Anerkennung, wie sie selbst jene noch immer brauchen, von denen man annimmt, ihr Ruhm hätte ihnen Sicherheit gebracht. Drehbuch und Regisseur legen auch einem festgesattelten Schauspieler jedes Wort in den Mund. Von dieser Gängelung versucht sich Adorf als Autor zu befreien. Schreiben, sagt er im persönlichen Gespräch, werde für ihn immer wichtiger. Auch dabei scheint jedes Wort überlegt und bedächtig abgewogen.

Filmexperte Thomas Hocke stellte den Schauspieler als „Weltstar“ vor, einen der wenigen, die Deutschland in Cinemascope zu bieten hat. Den größten Erfolg hier zu Lande haben ihm allerdings die TV-Serien „Kir Royal“ (1988, von Helmut Dietl) und „Der große Bellheim“ (1992, von Dieter Wedel) beschert. Mit dem Regisseur Dieter Wedel hat er zwischenzeitlich auch TV-Werbespots für eine Versicherung gefilmt, „weil sie gut gemacht sind und auch nicht ganz schlecht bezahlt werden.“ Jetzt dreht er mit ihm wieder einen Sechsteiler fürs Fernsehen. Es geht um Hausbau, Spekulation, Politik und Bestechlichkeit, wobei Adorf einen „Wehnertypen“ spielt – „nicht unbedingt sympathisch, aber interessant.“ Zu den negativen Figuren tendiert er ohnedies: „Bösewichter sind Glanzrollen, weil sie mehr Charakter haben. Das Gute darzustellen, beinhaltet auch das Risiko des Langweiligen.“ Eine ähnliche Serie lief bereits vor zwanzig Jahren, nun soll es ein Wiedersehen mit genau denselben, älter gewordenen Schauspielern aus diesen Tagen kommen.

Frankfurt wird Mario Adorf erneut Ende des Jahres in der „Alten Oper“ mit seiner musikalischen One-Man-Show „Al dente“ erleben können. Er ist gefragter und erfolgreicher denn je. Der Mann, der in Winnetou I  Nscho-Tschi erschoss und dafür von halb Deutschland gehasst wurde, ist nicht mehr der Schurke der Nation. Dabei hatte er schon damals einen treuen Teddybärblick – doch den wollte niemand sehen.

Dieser Artikel erschien im Jahr 2004 in einer Frankfurter Zeitung

 

 




Wenn Essengehen politisch wird, kann das auf den Magen schlagen

Sind das Köche oder

nur Öko-Heuchler?

 

Kulinarisch Totalitäres

am Beispiel von

René Redzepi

und Rasmus Munk

 

Kommentar von Jörg Zipprick

 

Der Ablasshandel der Satten: Wenn Ideologie den Geschmack ersetzt.

Die kulinarische Berichterstattung hat ihre Urteilskraft gegen ein moralisches Korsett eingetauscht. Wenn die französische Tageszeitung Libération ein traditionelles Bistro in die rechtsextreme Ecke rückt, weil dort die Sauce schwerer wiegt als jedes ökologische Manifest, ist das kulinarischer Totalitarismus. Wir befinden uns in einer Ära, in der die Gabel zur politischen Waffe umgeschmiedet wurde und der Teller zum Exerzierfeld für Gesinnungsprüfungen verkommt.

Tarnkappe aus Moos und Leinen

René Redzepi ist der Großmeister dieser Camouflage. Er wird als „progressiv“ gefeiert, weil er die visuelle Grammatik der Verzichtsethik beherrscht: Ungebleichtes Leinen, fermentiertes Unterholz und eine fast sakrale Anbetung des nordischen Waldbodens. Es ist eine Hochglanz-Inszenierung von Sanftheit und Demut; ein Weichzeichner für das schlechte Gewissen der globalen Vielflieger-Elite.

Die Logik dahinter ist von bestechender Primitivität:

  • Gemüse, Insekten und Fermentation: Links, gut, zukunftsgewandt.
  • Fleisch und Jus: Rechts, böse, ressourcenfressend.

Nicht der kulinarische Gehalt entscheidet, sondern die ideologische Bildsprache. Wer Ameisen auf Moos serviert, dem wird die moralische Absolution erteilt, egal wie hohl das Konzept dahinter ist. Dass Redzepi als moralische Lichtgestalt firmiert, ist ein Triumph des Marketings über die Realität. Sein System atmet den Geist des Feudalismus: knallharte Hierarchien und ein Heer von unbezahlten Praktikanten als Kanonenfutter der Kreativität. Redzepi nutzt exakt jene Mechanismen der Gewinnmaximierung, die seine Bewunderer bei jedem anderen Konzern verfluchen würden. Doch unter der ökologischen Tarnkappe darf man sich wie ein Despot gerieren. Seine grüne Fassade immunisiert gegen jede Kritik.

Der Alchemist: Rebellion aus dem Safe einer Investmentbank

In Kopenhagen hat Rasmus Munk das Spiel zur Perfektion getrieben. Im Alchemist wird nicht mehr Nahrung serviert, sondern Bedeutung. Wenn Munk ein „Käfig-Huhn“ in einem echten Metallkäfig servieren lässt, um gegen industrielle Tierhaltung zu protestieren, erreicht der moralische Narzissmus seinen Zenit.

Es ist die Subtilität eines Vorschlaghammers, verpackt in dänisches Design. Eine Karikatur einer intellektuellen Leistung: Man serviert ein Tier, das einzig für diesen flachen Wortwitz sterben musste, in einem Käfig, um die Käfighaltung zu kritisieren. Ironisch findet das hier niemand. Das ist kein kritischer Diskurs, das ist kulinarisches Kabarett für Millionäre, die das Leid der Welt als Pointen-Lieferant für ihr 500-Euro-Menü missbrauchen.

Die Wahrheit dieser Inszenierung offenbart sich jedoch nicht auf dem Teller, sondern in der Bilanz. Der moralische Erlebnispark Alchemist wurde mit rund 15 bis 16 Millionen Euro aus dem Boden gestampft; finanziert von Lars Seier Christensen, dem Mitbegründer der Saxo Bank.

Hier erreicht die „Virtue Cuisine“ ihre zynischste Form: Der lautstarke Protest gegen „das System“ wird direkt aus der Herzkammer des Finanzkapitalismus gesponsert. Weder Koch noch Gast scheinen sich an diesem Widerspruch zu stören. Die finanzielle Absicherung durch eine Investmentbank macht die Provokation erst möglich: Eine Rebellion mit Vollkaskoversicherung. Der Gast kauft sich das wohlige Gefühl des Widerstands, ohne jemals die Komfortzone seiner absoluten Privilegierung verlassen zu müssen. Er ist ein Aktivist auf Zeit, der nach dem letzten Gang zurück in seine Welt der Renditen fährt.

Der Luxus der Selbstanklage

Der ultimative Luxus des Jahres 2026 besteht darin, sich für ein Vermögen bestätigen zu lassen, dass man ein Ungeheuer ist. Früher bedeutete Luxus die Flucht vor den Problemen der Welt; heute besteht er darin, sie serviert zu bekommen – ästhetisiert, portioniert und begleitet von der beruhigenden Gewissheit, auf der „richtigen Seite“ zu stehen. Diese Moral ist kein Risiko, sondern ein Schutzschild. Wer seine Küche als gesellschaftlichen Kommentar inszeniert, entzieht sie der handwerklichen Kritik. Eine misslungene Sauce ist dann kein Fehler mehr, sondern ein Statement gegen den Überfluss. Ein zähes Stück Fleisch kein Mangel, sondern eine Reflexion über die Härte der Existenz. Die gastronomische Presse spielt dieses Spiel bereitwillig mit, aus Angst, als „reaktionär“ gebrandmarkt zu werden, wenn sie schlicht nach dem Geschmack fragt.

Die folgenlose Moral

Am Ende bleibt ein System des hohlen Symbolismus. Der Gast kauft sich für einige Stunden ein reines Gewissen, der Koch verkauft es ihm. mal abgesichert durch Bankkapital, mal legitimiert durch eine Ästhetik der Demut. Zurück bleibt keine Erkenntnis, sondern ein Bild für Instagram. Ein Käfig. Ein Teller. Ein Post. Und der schale Nachgeschmack einer Moral, die zwar ein Vermögen kostet, aber für die Welt absolut folgenlos bleibt.

 

René Redzepi

 




Warum ein Brot ein eigenes Gericht sein kann

Manchmal braucht man nur Brot mit Butter,

aber bitte so herausragend wie im Restaurant The Dune

 

Inzwischen gibt es sehr viele Lokale, die Brot und Butter in guter Qualität anbieten und sich dies auch bezahlen lassen. Das ist richtig so, denn schwaches Weißbrot mit harter Butter erleben wir schon viel zu oft beim Italiener und freuen uns darüber auch dann nicht, nur weil es kostenlos ist.

Im neuen Restaurant The Dune im Hotel The Florentin in Frankfurt (ehemals Villa Kennedy) wird ein so exzellentes hausgemachtes Sauerteigbrot mit der wunderbaren bretonischen Butter von Yves Bordier serviert, dass man vor Begeisterung Purzelbäume schlagen möchte. Küchenchef Niclas Nussbaumer, der selbst auf einen Familienbaumstamm von Konditoren und Bäckern wurzeln kann, backt es nach guter Väter Sitte selbst. Die Butter von Yves Bordier, der eigentlich Käse-Affineur ist, erscheint ihm als „die beste Butter der Welt“.

Diese ungewöhnlich gute Butter & Brot Paarung gibt es im The Dune leider nur innerhalb des Menüs. Wir meinen, dass es unbedingt auch bei à la carte angeboten werden sollte.

Beim Menü erlebt man es derzeit in einer liebenswerten Form: Das Brot kommt in einem versiegelten Briefchen an den Tisch, in dem schön formuliert steht, welches Handwerk in dieser Krume und der Butter steckt.

Ludwig Fienhold

 

Photocredit: BISS Magazin, Claudia Simchen




Sanfte Riesen aus Australien, faunische Weine aus dem Piemont

Über 60 Weingüter

luden zur Probe

nach Düsseldorf und München

 

Was geschieht, wenn man einem Meer von Wein gegenübersteht? Man kann darin fröhlich ertrinken oder man kann stark selektiv vorgehen und sich Schlückchenweise dem Thema annehmen. Über 60 Winzer und Weingüter sowie einige Hundert Weine erwarteten in Düsseldorf und München die Gäste. Wein Wolf, einer der großen Weinhändler in Deutschland, lud ein und feierte gleichzeitig sein 45-jähriges Bestehen.

Die meisten der rund 500 Gäste steuerten zielgerade an die Stände mit den hochpreisigen Weinen und Champagner – Brunello di Montalcino „Suolo“, Paul Jaboulet mit seinem Hermitage La Chapelle oder Castillo Ygay und die Gran Reserva Especial, wo die Flaschen zwischen 200 und 250 Euro gehandelt werden. Bei den alkoholfreien Angeboten war sehr viel Platz. Wir begannen mit dem preiswertesten Weingut, Dr. Koehler aus Rheinhessen, der von Christian Dreißigacker betrieben wird. Dort ging es auch angenehm ruhig zu, konnte man mit dem Aussteller gut ins Gespräch kommen. Dr. Koehler steht für klare frische (Weiß)Weine mit Bodenhaftung, die zum Frühling und Sommer besonders gut passen und als anspruchsvolle Terrassenweine besonders saisontauglich sind.

In einer ganz anderen Liga spielt das zur Antinori-Familie gehörende Weingut Prunotto in Alba. Gleich acht Qualitäten gab es zu probieren, in einem Preisgefüge zwischen 19 und 80 Euro. Alle Weine konnten glänzen und zeigten sich in ihrer jeweils eigenen charaktervollen Art als Individualisten. Der Gaumenschmeichler Costamiole ebenso wie der Charmeur Bansella. Das Highlight des Weinguts im Piemont aber ist der Barolo aus der einzigartigen Amphitheater-Lage Bussia. Gerade beim großartigen Jahrgang 2021wird dies deutlich. Dieser Wein explodiert nicht, weil er das auch nicht will, er schleicht auf Samtpfoten ein und begeistert mit Kräuterwürze, feinster Beerenfrucht, saftiger Kirsche und der Erdigkeit feuchten Waldbodens. Ein faunischer Wein, der gerade durch seine diskrete Noblesse große Lust erzeugt. Prunotto war für uns mit seinem Sortiment jedenfalls eines der beste Weingüter dieser Verkostung.

Henschke ist in Australien ein großer Name. Die Weine sind von opulenter Statur, werden aber mit den Jahren immer eleganter. Johann Henschke, der in Adelaide und Geisenheim studierte, schenkte die Weine des 1868 in Barossas Eden Valley gegründeten Weinguts persönlich aus. Mit einer Freude und Professionalität, wie man dies bei Verkostungen nicht oft erlebt. Es lohnt sich, diese Rotweine etwas genauer zu betrachten, wobei sie in Deutschland nicht oft anzutreffen sind. Vor allem der hochpreisige Shiraz Mount Edelstone ist ein sympathischer sanfter Riese mit wunderbaren Aromen von Wildkräutern, Eukalyptus, Rosmarin, Thymian, Blaubeeren und Liebstöckel. In den kleinen Verkostungsgläsern werden gerade solche satten Weine eingesperrt, man muss sie sich in großen Gläsern vorstellen und nachprobieren, in denen sie sich richtig entfalten können.

Ludwig Fienhold




Schamanen-Weinprobe mit Alexander Danner

Die etwas andere Art

der Verkostung

Der Winzer löst seinen Weinkeller auf

und verkauft die letzten Flaschen & Raritäten

 

Alexander Danner war schon immer ein Winzer der anderen Art. Er setzte auf Naturweine, als diese noch kein Trend waren, erzeugte obendrein einen herausragenden Sekt und inszeniert jetzt Schamanen-Weinproben, die Spiritualität mit Fachwissen verbinden. Es wird allerhöchste Zeit ihn zu entdecken, denn jetzt werden seine letzten Flaschen verkauft.

Neben seiner Arbeit als Winzer beschäftigt sich Alexander Danner intensiv mit Natur, Alchemie und schamanischer Praxis. Über viele Jahre verbrachte er längere Zeiträume im Amazonasgebiet bei indigenen Völkern, um seine Verbindung zur Natur und zur Erde zu vertiefen. Diese Erfahrung prägte auch seine Weine. Für Alexander Danner sind seine Erzeugnisse nicht nur handwerklich hergestellte Naturweine, sondern sehr eigenständige Gewächse mit starkem Charakter und Energie. „Radikal naturbelassen“, nennt der Winzer seine Weine. Weder im Weinberg noch im Keller werden chemische Mittel oder Zusatzstoffe verwendet. Die Weine entstehen ausschließlich aus Trauben, Zeit, Geduld und natürlicher Entwicklung.

Einige Danner-Weine öffnen sich erst nach Stunden, dafür kann man sie auch sehr lange offen stehen lassen, ohne Qualitäts- und Aromenverlust. Mitunter bis zu einer Woche. Neben dem Sekt, von dem es nur noch ganz wenige Flaschen gibt, gefällt uns besonders der Rosé Amphoria 2018, mit zwei Jahren Reife im Eichenfass und nur 1,5 Gramm Restzucker. Fleisch, saftig, rund, ein Rosé für Rotweintrinker. Er rollt mit einer Lawine an Aromen über die Zunge, Erdbeere, Hagebutte, Salbei. Ein samtiges sattes Mundgefühl. Kein Rosé für die Poolkante, ein Wein für Erwachsene.

Alexander Danner

Der Sekt von Danner hat etwas Sphärisches, als ob man Spiritualität schmecken könnte. Eine solche Elastizität, Finesse und Sinnlichkeit erlebt man nicht oft bei einem deutschen Sekt. Die Entstehung dieser Perle ist auch ungewöhnlich: Die Assemblage aus fünf verschiedenen Rebsorten durchlebte zehn Jahre auf der Hefe in der Flasche (die Mindestreife für einen Champagner beträgt drei Jahre). Das Ergebnis im Glas: Feinste Perlage mit langanhaltender Persistenz, seidig geschmeidige Textur, extraktreich und doch von schwungvoller Leichtigkeit, Duft von reifem Obst und Kräuternoten.

Alexander Danner veranstaltet „Schamanische Weinproben“, bei denen die Weine als spirituelle Begleiter erlebbar werden sollen. Sie sollen seinen Worten nach auf Körper, Geist und Seele wirken. „Jeder Wein trägt eine Botschaft: Klarheit, Herzöffnung, Erdung, Bewusstsein.“ Man soll die Weine nicht nur trinken, sondern auch fühlen. Wer den Winzer kennt, weiß, dass hier kein Hokuspokus inszeniert wird, sondern sich Quantenphysik, Spiritualität, Weinkunde und Genuss verbinden. Dabei öffnen sich nicht nur die Weine, sondern auch die Menschen.

Man muss nicht alle Weine von Danner verstehen oder mögen, sie fallen unterschiedlich, doch nie belanglos aus. Aber man sollte erkennen, dass Alexander Danner zu den außergewöhnlichsten Winzern Deutschlands gehört.

Ein Leben bis zum letzten Tropfen. Alexander Danner hat viel verloren, aber nie seinen Mut und seine Lebensfreude. Er bewirtschaftete in Durbach ein bemerkenswertes Weingut, das seine Eltern verkauften und ihn damit um seine Existenz brachten. Sein Weinlager wird gerade aufgelöst, die Preise wurden drastisch gesenkt. Jetzt werden die letzten Flaschen verkauft. Diese Weine wird es nie wieder geben.

Ludwig Fienhold  

Mit einem Klick zum Danner-Weingut 

Fotos: Wolf Peter Steinheißer