Die kulinarische Botschaft aus Berlin: Das Speiselokal Nobelhart & Schmutzig

Heimat, Humor und

Kürbisse in Damenslips

Das Berliner Lokal mit dem auffälligen Namen Nobelhardt & Schmutzig ist das wahrscheinlich beste Lokal, in dem wir noch nie waren. Es gibt jedenfalls keine Adresse in Deutschland, die durch ihre Postillen genannten Newsletter mit so viel Humor, guter Laune und kenntnisreichen Infos Lust zu machen versteht. Während viele PR-Agenturen mit den immergleichen Phrasen über Hotels und Restaurants zu informieren versuchen, schaffen es Nobelhart & Schmutzig mit interessanten kulinarischen News und griffigen Themen große Aufmerksamkeit zu erzeugen. Und das stets unterhaltsam, individuell und bissfest. So gesehen sind wir Brüder im BISS-Geiste, auch dann, wenn wir manches etwas anders sehen.

Dieser Tage animiert „No-Schmu“ mit einer thailändischen Köchin, die trotz aller Tradition über den Tellerrand hinauszuschauen will. Duangporn „Bo“ Songvisava gastiert mit ihrem Team am 10. und 11. April in Berlin, um die Gerichte ihres Restaurants Bo.Lan aus Bangkok zu präsentieren. Mit ihren eigenen Pasten, Zutaten und Gewürzen, gemeinsam mit den besten Lebensmitteln aus Berlin Brandenburg, wie es stets mit positiven Vibes aus Berlin heißt: Info Thailand in Berlin

Das Berliner Lokal Nobelhart & Schmutzig macht im Grunde all das, was andere nicht machen. Weil diese es nicht können oder weil ihnen einfach die Ideen fehlen. Bei „No-Schmu“ gibt es ungewöhnliche armenische Weine, Kürbisse in Damenslips oder fulminanten Eierlikör. Unter dem Signet „Heimat“ werden in lockerer Folge deutsche Evergreens wie Kohlroulade vom Kalb oder Hühnerfrikassee aufgetischt. Grundsätzlich basiert die Karte auf kreativen Gerichten und solchen mit rustikaler Bodenhaftung. Berliner Garstigkeiten werden nett verpackt, die Weinkarte ist unverschämt gut. Man findet im Newsletter lesenswerte und vielschichtige Beiträge, wie den über Alkohol und Drogen in der Gastronomie. Die Mannschaft von Nobelhart & Schmutzig erinnert auf Bildern an die Raufbolde, die der großartige Anthony Bourdin um sich versammelte. Nobelhart & Schmutzig nennt sich Speiselokal und hat einen Stern im Michelin, was uns weniger animiert als der ironische Begriff „Speiselokal“.

Berlin ist schwierig, wäre ohne schwierig zu sein aber auch nicht Berlin.

Ludwig Fienhold

 

Klick Webseite: Nobelhart & Schmutzig

 




Wein-Mythos Beaucastel: Sanfte Riesen mit großen Aromen

Schlossherr Matthieu Perrin präsentierte seine Raritäten

 

Matthieu Perrin kam eigens aus New York angereist, um persönlich seine Weine für einen langen Abend in Frankfurt zu präsentieren. Die Weine von Beaucastel hüllten das Restaurant Medici in sinnliche Duftwolken. Die Perrins gehören zu den bedeutendsten Persönlichkeiten in der Weinwelt, die Geschichte des traditionsreichen Châteaus de Beaucastel reicht bis ins 16. Jahrhundert zurück. Tradition allein ist noch kein Verdienst, eine Wein-Legende wird nur zur Legende, wenn man die Größe auch im Glas schmecken kann.

Stamatios + Christos Simiakos, in der Mitte Matthieu Perrin von Beaucastel

Die Weinraritäten wurden von einem mehrgängigen Menü begleitet, dessen Stärke insbesondere in den Saucen lag, die mit den Weinen zu einer Einheit wurden. Bereits der erste dichte und satte Weißwein von der Lage Coudoulet zeigte erstaunliche Qualität, die dem großen Bruder, dem weißen Châteauneuf-du-Pape fast ebenbürtig ist. Mit diesem Coudoulet Blanc aus dem Jahr 2024 hätte man sich bereits einen vergnüglichen Abend machen können, doch viele Gäste fieberten dem eigentlichen Rhône-Mythos Châteauneuf-du-Pape entgegen. Diesen brachte der flotte Service in gleich drei Jahrgängen, 2007, 2017 und 2004. Allesamt außergewöhnlich gute Jahrgänge, jede Bouteille ein Ereignis. Voller Spannung, elastischer Kraft und Geschmackstiefe. Aromen von schwarzem Trüffel, orientalischem Mokka und Liebstöckel. Unter diesen sanften Riesen waren die Jahrgänge von 2007 und 2004 nicht weniger als sensationell zu nennen.

Ein Universum für sich sind weiße Châteauneuf-du-Pape, der cremige und auffrischend meersalzige Beaucastel Roussanne Vielles Vigne  2022 ist durch seine poetische Kraft und all seinen aufregend flirrenden Aromen ein Weltereignis. So eine Flasche kostet rund 250 €, was nicht wenig erscheint, angesichts dieser Rarität aber angemessen ist. Die Terrine von französischem Ziegenkäse mit violettem Senfeis an Trauben-Pinienkernsalat und Rosa Pfeffer nahm den Wein harmonisch in den Arm, wobei sich die Küche sehr viele gute Gedanken zum idealen Pairing machte.

Ziegenkäse-Terrine mit Senfeis

Der locker parlierende Schlossherr Matthieu Perrin, der seit drei Jahren mit seiner Familie in New York lebt, und seine Vertriebsleiterin Éléa Kern, die in Wiesbaden zu Hause ist, referierten kurzweilig vor ausverkauften Plätzen. Es ist wichtig, dass solche Wein-Dinner nicht zu schulmeisterlich abgehalten werden, was die Freude am Essen und Trinken nur bremsen würde. Das Restaurant Medici hat sich längst einen Namen für hochrangige Wein-Events gemacht und plant noch einiges in diesem Jahr.

Text: Ludwig Fienhold

Fotos: Barbara Fienhold

 

Siehe auch BISS-Story „Exklusives Raritäten-Dinner“

 

Die Brüder Simiakos

Highlight mit Gänseleber




Lohninger: Alpiner Geschmacks-Gipfel der Extraklasse

Der Österreicher

bringt seit 22 Jahren

Frankfurt zum Kochen

 

Von Ludwig Fienhold

 

Mario Lohninger ist ein Phänomen. Er beherrscht von kraftvoll-bodenständig bis lustvoll-kreativ die ganze Klaviatur des guten Geschmacks. Sein famoses Ochsenbackerlgulasch rockt, der fabelhafte gegrillte Black Cod à la japonaise in geräucherter Consommé tönt zart wie Glockenspiel. Eines der allerschönsten Lohninger-Gerichte steht aktuell auf der Karte, ist aber nur noch bis zum 28. März zu haben: Saftig zartes Bio-Schweinsbrat´l vom Schwäbisch-Hällischen Schwein mit krachiger Kruste, famosem Krautsalat, Serviettenknödel und feinem Majoransaft. Keine Angst, das Gericht ist überhaupt nicht füllig, außerdem wirkt allein der Majoran wie ein natürlicher Digestif.

Mario LohningerOb Lohninger Asiatisches oder Italienisches einfließen lässt, alles erscheint mit einer Selbstverständlichkeit, als hätte es das Gericht schon immer so gegeben. Das kulinarische Terroir von Mario Lohninger aber ist seine Heimat Österreich. Alpine Gerichte wie die Hochgebirgs-Käse-Ravioli „Kärntner Schlutzkrapfen“ mit Haselnuss und Salbei-Butter zeigen dies in klassischer Form, beim prallen bretonischen Seeteufel mit Eierschwammerl-Gulasch in Schalotten-Thymian-Jus werden sie moderner interpretiert. Nicht jeder Österreicher versteht sich auf Wiener Schnitzel, doch im Restaurant Lohninger wird es so genial wie selten zu erleben zubereitet, aus dem Kalbsrücken, saftig und zart, dünn geklopft und mit luftig soufflierter Panade. Auf der Karte von Lohninger stehen im Grunde seine ganzen Evergreens, die kein Gast missen möchte. Die Hausklassiker werden aber immer wieder mit frischen Ideen ergänzt, derzeit mit der großartiger Amela-Tomate, etwas Burrata, Olivenöl-Eis und hocharomatischer California-Salsa, die der Star auf diesem Teller ist. Neu ist auch das feine Fingerfood Crispy Sesam Taco mit Spicy Thunfisch-Tatar. Die Charakteristik dieser Küche: lustvoll, sinnlich, anregend. Jeder Bissen ein Stück Lebensfreude. Eine Besonderheit, dass Lohninger die entsprechenden Teller glutenfrei auf den Tisch bringt, aber so, dass der Geschmack nicht darunter leidet. Er hat jahrelang daran getüftelt, um dies zu perfektionieren, wie gerade Pasta und Kaiserschmarrn zeigen. Wir kennen keinen Koch, der glutenfrei so gut beherrscht.

Das legendäre Wiener

Knusprig-saftiges Schweinsbraterl

Klein & fein mit aromatischer Salsa

Bei Mario Lohninger finden hochsolides Handwerk und großes Geschmackstalent zusammen. Lehrmeister war Vater Paul im heimischen Betrieb im Salzburger Land, doch weltweite Stationen bei großen Köchen brachten den Feinschliff – Obauers in Werfen, Hans Haas im Tantris in München, Wolfgang Puck im Spago in Los Angeles, Guy Savoy in Paris und David Bouley in New York, dessen Restaurant Danube Lohninger als Küchenchef führte. In Deutschland machte Mario Lohninger mit seinem spacigen Lounge-Restaurant Silk in Frankfurt Furore, wo er fantasievolle Haute Cuisine en miniature präsentierte. Dort startete er 2004 im Cocoon Club, wo er neben dem Silk noch das ebenfalls hervorragende Micro führte. Seit 16 Jahren ist er nun auf der Schweizer Straße zu Hause. Alles in diesem Restaurant bewegt sich auf Sterne-Niveau, was allseits bekannt ist, nur nicht beim Michelin, der auf einem anderen Stern zu wohnen scheint, der irgendwo hinter dem Mond liegt.

Das beste Pastrami Sandwich außerhalb New Yorks

Das Restaurant Lohninger hat einen ganz eigenen Schick und ist fast so etwas wie eine Edel-Beisl. Der saloppe Service ist engagiert und verbreitet gute Stimmung. Vater Paul Lohninger, der Mentor und Meister der klassischen Küche Österreichs, und die beherzte Erika Lohninger, die früher den Service führte, haben sich aus dem operativen Restaurantgeschäft zurückgezogen, sind aber regelmäßig in Frankfurt zu Besuch.

Bei der Weinkarte stößt man auf viele handverlesene Champagner und Spitzenweine aus Europa, doch sollte man bei Lohninger unbedingt die Weine Österreichs entdecken, Pichler, Knoll oder Ott sind immer die richtige Wahl.

Unglaublich gut: Imperial Kaviar, hauchdünne knusprige Pinzgauer Erdäpfel Bladln und Vodka-Crème-fraîche.

Lohninger, Frankfurt, Schweizer Str. 1, 069 24 75 57 860. Mi-Sa, 12-14 Uhr + 18 -22 Uhr, So + Mo geschlossen.

www.lohninger.de

Vorbildlich: Man kann à la carte bestellen, außerdem werden zwei Menüs angeboten, deren Gänge man aber auch einzeln wählen kann.

Fotos: Barbara Fienhold

 

 




Frankfurt: Zu wahr, um schön zu sein?

Es gibt im Bahnhofsviertel noch Lokale, die dem

Wahnsinn trotzen

Von Ludwig Fienhold

Wer in Frankfurt am Hauptbahnhof ankommt, stößt das Tor zu Hölle auf. Beim Eintritt in die Kaiserstraße wabert man im Dotter des Leviatans. Einarmige Banditen und saufende Strizzis säumen den einstigen Prachtboulevard. Deutlicher kann die Geschichte ihre Fratze nicht zeigen, von der mondänen Kaiserstraße bis zum Elend von heute war es rein geschichtlich ein kurzer Weg. Dem Passanten muss jeder Schritt wie eine Ewigkeit vorkommen, bei diesem Spießrutenlauf aus Bedrohlichkeit und Beklemmung.

Egal, aus welchen Ländern die sinistren Gestalten stammen, viele erscheinen kampfbereit. Es herrscht eine explosive Mischung. Wer zögert, sich unsicher umschaut, hat schon verloren und wird als Opfer taxiert. Selbst Menschen, die sich sonst nicht wegducken und tolerant sein wollen, geraten hier schnell an ihre Grenzen.

Lokal Yaldy

Woher all diese Existenzen auch immer kommen, sie werden nie ankommen – und sie werden auch hier allein gelassen werden. Ob Bettler, Drogensüchtige oder Kriminelle, sie haben am Frankfurter Hauptbahnhof nur scheinbar so etwas wie eine Zufluchtsstätte gefunden, die in Wahrheit das Wartezimmer zum Hades ist.

Beim Anblick des verkommensten Ortes von Frankfurt, wo man über Müll und menschliches Elend stolpert, stellen sich viele die Frage, warum dieser Zustand seit unglaublich vielen Jahren hingenommen wird. Eine Antwort: Die Stadtpolitiker, die über solche Zustände entscheiden, haben sich hier noch nie anpissen lassen müssen. Sie sitzen in ihren Amtsstuben und kommen höchstens unter massivem Polizeischutz in diese No-Go-Area.

Lokale, die sich in diesem teilweise grauenhaften Viertel abmühen, müssten von der Stadt subventioniert werden. Denn vor allem sie tragen zum sozialen Frieden bei und halten zumindest in ihrem Bereich die allgemeine Verwahrlosung fern. Das Lokal Yaldy in der Moselstraße. ist seit vielen Jahren ein Leuchtturm des Widerstands gegen die miserablen Zustände im Bahnhofsgebiet und gehört unter Artenschutz gestellt. Ebenso das Eis-Café Fontanella, das zu den letzten guten Adressen im Viertel gehört. Anwohner, Gastronomen, Händler und alle anderen, die hier mit diesem völlig unzumutbarem und auch unnötigen Erscheinungsbild zu tun haben, werden in eine Zwangshaft genommen, weil die Frankfurter Stadtpolitik auf erschreckende Weise versagt. Das frühere Hotel Ameron von Althoff und jetzige von Marriott betriebene Lume in den schönen historischen Neckar-Villen ist ein Trauerspiel und muss sein eigentlich bildhübsches Dasein in einer unwürdigen Umgebung fristen – direkt am armseligen Jürgen von Ponto Platz, der ständig mit Müll und abgebrochen Flaschen übersät ist. Kein Leben, nur trockene Trunkenheit.

Überall graue Gestalten. Man fragt sich, ist das die Verlängerung des Elends oder kleiden sich die Leute absichtlich so schlecht, damit sie nicht Opfer eines Überfalls werden. In Frankfurt ziehen sich viele Menschen so schlecht an, um nicht als reich angesehen zu werden.

Dabei gibt es Augenblicke von wehmütiger Schönheit. Das über 100 Jahre alte Moseleck, eine wunderliche Kiez-Kneipe, wie sie interessanter nicht auf St. Pauli stehen könnte, begrüßt ihre ersten Gäste um 6 Uhr zu schottischem Whisky und Frankfurter Apfelwein. Der Tag kommt und geht, Johnny Walker bleibt. Gleich nebenan schickt die Fleischerei Göbel Bratenbrötchen, Kartoffelsuppe mit Wurst und Kammbraten über die Theke. Wo gibt es noch ein Frikadellenbrötchen für 3,30 €? Zwei Meter weiter, schauen wir lieber in die Miele Wash World, den wunderbaren Waschsalon, als in jeden Fernseher. Der Nachbar Yaldy bleibt die beste Adresse im Frankfurter Bahnhofsviertel, nirgendwo sonst hier kann man besser essen, solche ausgesuchten Weine und bestens gemachten Drinks und Cocktails genießen.

Der Hauptbahnhof ist nur ein Vergrößerungsspiegel. Die Stadt sieht an zu vielen Ecken erbarmungswürdig hässlich und vermüllt aus, vor allem aber fehlt es an Gestaltungswillen und mehr noch an Gestaltungsfantasie. Man kann sich vorstellen, dass der Bahnhof und sein Milieu nur die Vorstufe sind, bald könnte es überall so aussehen. Die Stadt, der Müll und der Tod hieß ein Stück von Rainer Werner Fassbinder – noch immer ein treffender Titel für Frankfurt.

Frankfurt Moselstraße

Man wird frühestens an der Gallusanlage von dem biblischen Armageddon im Bahnhofsviertel erlöst. Dort, in der Nähe der Bankentürme, sind wieder die zu sehen, denen das Handy am Ohr klebt oder die es so vor Augen halten, dass sie sonst nichts wahrnehmen. Man muss also weiter um sein Dasein als Fußgänger kämpfen. Denn die Handy-Zombies kennen nur einen Weg – und der führt durch alles hindurch, was nicht rechtzeitig wegspringt. Wenn man dann in das einläuft, was sich Innenstadt nennt, und Rennstrecke der Radfahrer und E-Roller heißen müsste, rast ein maroder Haufen an Elektrorollern auf einen zu, wird man messerscharf rasiert von Lieferdienst-Fahrradkurieren, die nur ein Schicksal verdient hätten: Sofort aus dem Verkehr gezogen zu werden.

Wird Frankfurt zur Stadt, vor der uns niemand mehr warnen kann, weil nur noch die bleiben, die sich in diesem Elend wohl fühlen?

Fotos: BISS Magazin




Der Scheinheilige mit der Grillgabel: Ein Nachruf auf das System Redzepi

Das Restaurant Noma von René Redzepi

lässt in gastronomische Abgründe blicken

 

Erschreckendes Versagen von Köchen und Journalisten

 

Von Jörg Zipprick

Es ist vollbracht. Im März 2026 ist René Redzepi zurückgetreten. Die Gourmetpresse, die ihn jahrzehntelang wie eine Mischung aus kulinarischem Erlöser und Ameisen-Messias im Leinenkittel verehrte, muss nun ihre Lobeshymnen auf Pause stellen – oft erkennbar widerwillig, so als müsste man dem eigenen Idol die Heiligenschein-Politur eigenhändig mit dem Schaber abkratzen. Dank der Initiative #NomaAbuse wissen wir nun: Die Karriere Redzepis war kein alleiniger Sieg des Handwerks, sondern der Triumph des Storytellings über die Realität. Das Noma war kein Restaurant, sondern die Kulisse für eine perfekt vermarktete Fiktion.

Der Chronist des Abgrunds

Jason Ignacio White saß als Leiter des Fermentationslabors an einer der wichtigsten Schaltstellen der Noma-Ideologie. Mit dem Hashtag #NomaAbuse sammelte er die Zeugnisse einer vergifteten Arbeitskultur, die den Preis für das Storytelling bezahlte. Um die 40 Berichte ehemaliger Mitarbeiter entlarven das System als einen Ort, an dem „kreative Exzellenz“ durch systematische Unterdrückung erkauft wurde. White kündigt bereits an, dass die finanziellen Kapitel dieser Geschichte – das undurchsichtige Gebaren des Noma-Imperiums – als Nächstes folgen werden.

Die von White gesammelten Aussagen führen uns in die dunkelsten Ecken moralischer Taubheit:

  • „Die eine Bemerkung, die sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat, stammt vom Senior Sous Chef gegenüber einer jungen Frau: ‚Wenn du nicht schneller arbeitest, packe ich dich an deiner P***y und bringe dich dazu, schneller zu arbeiten.‘“
  • „K. war mein Manager… Während er eine Linie Koks auf dem Toilettensitz zerkleinerte, fragte er mich, ob ich Lust auf einen Dreier mit ihm und seiner Frau hätte… Nachdem ich abgelehnt hatte, fing er an, mich schlecht zu behandeln.“
  • „Ich habe es der Personalabteilung gemeldet. Nichts wurde unternommen. Nichts. Wenn man ein Problem verursacht, stellen sie sicher, dass dein Name auf einer schwarzen Liste landet und dich niemand mehr einstellt.“

Die Konstruktion des René R.

Doch beginnen wir mit dem Anfang: Jede gute Geschichte braucht einen Helden, und im Falle Noma wurde dieser von Beginn an am Reißbrett entworfen. Tatsächlich war das Noma ein strategisches Projekt des Unternehmers Claus Meyer, der Redzepi als Gesicht für ein nationales Standortmarketing platzierte. Er spielte auch eine Rolle in der Finanzierung: Im Rahmen des Programms „Ny Nordisk Mad“ (kurz: Noma) wurde die nordische Gastronomie zunächst mit fünf Millionen Euro an öffentlichen Mitteln gefördert. Ein Teil davon ging an Universitäten, die sich mit der Zubereitung von Algen oder Insekten befassen. Und irgendwie standen Noma und Redzepi oft im Mittelpunkt dieser steuerlich geförderten Programme.

Die Presse als Resonanzraum des Mythos

Dass diese Erzählung über Jahrzehnte unantastbar blieb, liegt an einer strukturellen Besonderheit des gastronomischen Journalismus: Er zeigt sich prinzipiell näher an der Begeisterung als an der Skepsis. Restaurantkritiker agieren selten als Enthüllungsjournalisten; sie verstehen sich als Vermittler von guten Adressen. Als das Noma auftauchte, entstand ein gewaltiger Verstärkungseffekt. Reisejournalisten und Food-Blogger lieferten Bilder von Moosen und Steinen – Stillleben, die mit jeder Wiederholung die Ikone festigten. Journalisten wie Lisa Abend und Matt Goulding vom Time Magazine gehörten zu jenen, die diesen Status eines unfehlbaren Kurators der Natur so bereitwillig wie kritiklos zuschrieben. Wenn Zeitungen Redzepi heute kritisieren, wirkt das wie der Versuch, die eigene Komplizenschaft im Nachhinein als Beobachtung zu tarnen.

Ein Beispiel für die enge Verflechtung zwischen Kritik, Rankings und kulinarischem Netzwerk liefert auch der italienische Restaurantkritiker Andrea Petrini. Beim 50. Geburtstag Petrinis versammelte sich eine bemerkenswerte Runde von Spitzenköchen aus ganz Europa; Fotos zeigen ihn lachend zwischen René Redzepi, Fulvio Pierangelini und anderen prominenten Vertretern der Szene. Geschenke wurden überreicht, es wurde gefeiert – ein vertrautes Bild aus einer Branche, die sich gern als unabhängige Bewertungskultur präsentiert. Petrini ist jedoch nicht nur Gastgeber solcher Zusammenkünfte. Er leitete damals auch die französische Jury für die Liste der „World’s 50 Best Restaurants“, vermarktet unter dem Label San Pellegrino. Gleichzeitig gehörte er zu den Organisatoren des Kochfestivals Cook It Raw, dessen Stargast in den Jahren 2009 und 2010 natürlich René Redzepi war. Ermöglicht wurde diese Veranstaltung unter anderem durch Unterstützung des dänischen Wirtschaftsministeriums.

Die „Ultrafoodie-Szene“ ist ein enges Netzwerk aus Köchen, Kritikern und Sponsoren – ein Resonanzraum, in dem sich die gleichen Namen immer wieder gegenseitig bestätigen

Psychoterror als „Spannungsfeld“

Wenn etwa der Berliner Sternekoch Max Strohe im „Spiegel“ versucht, das Grauen in wohlgefällige Worte zu kleiden, offenbart dies die Befangenheit der Zunft. Strohe schreibt:

„Doch die Skandale um unseren Primus, Gründer und Koch des Kopenhagener Spitzenrestaurants Noma, richten das Spotlight auf ein Spannungsfeld, das weit über eine Person hinausreicht: Es geht um das Verhältnis von kreativer Exzellenz, persönlicher Biografie und mörderischem öffentlichem Druck in jungen Jahren – aber es geht auch um die bekannten strukturellen Probleme der Spitzengastronomie. Der Ton in den Sterneküchen gilt als harsch, die Arbeitsbedingungen sind oft nicht regelkonform.“

„Nicht regelkonform“ klingt nach falsch ausgefüllten Stundenzetteln, doch die Realität war systematische körperliche und psychische Gewalt.

„Ich wurde dort während des Service ins Gesicht geschlagen“, erinnert sich ein Mitarbeiter. Ein anderer ergänzt: „Ich bekam Schläge in die Rippen, weil ich nicht wusste, wie man eine Artischocke kocht.“ Mitarbeiter berichten zudem, dass Redzepi sie unter dem Tisch mit einer Grillgabel gestochen haben soll.

Lebendige Ameisen und tote Seelen

Sinnbildlich für diesen Kult steht Redzepis Umgang mit dem Leben an sich. Er ließ seine Jünger lebende Ameisen servieren, die – halb betäubt durch Kälte – auf dem Teller der Gäste langsam wieder zu sich kamen und verzweifelt umherkrabbelten, bevor sie zerbissen wurden. Ein Spektakel, das die Presse als „ultimative Nähe zur Natur“ feierte. Es war eine Vorstufe zur Empathielosigkeit: Wer lernt, das Zappeln auf dem Teller als ästhetischen Kick zu verkaufen, dem fallen vielleicht auch die Schläge in die Rippen der Angestellten leichter.

Die „neue Natürlichkeit“ aus der Chemiefabrik

Parallel zum moralischen Verfall lief die technologische Täuschung. Während die Gäste die lebenden Ameisen als Beweis für Redzepis Naturverbundenheit schluckten, kam der Rest des Menüs oft direkt aus dem Labor für Lebensmitteltechnologie. Wer Redzepis Buch „Time and Space in Nordic Cuisine“ aufschlägt, verliert schnell den Glauben an das Märchen der Ursprünglichkeit. Für Gerichte wie „Gurke und Eisenkraut“ oder den „Schneemann“ benötigt man keine Waldfee, sondern massive Mengen an Maltodextrin, E415 und E953 (Isomalt).

Die vermeintlich raren Gotland-Trüffeln wurden im Rezept „Kartoffeln mit Speck“ mit nicht weniger als 24 Gramm Bis(methylthio)methan – schnödem industriellem Trüffelöl – aromatisiert. Besonders bezeichnend ist Redzepis Vorliebe für IFT (Instant Food Thickener). Dieser Verdicker wird normalerweise in Krankenhäusern für Patienten mit Dysphagie eingesetzt. Redzepi „veredelte“ damit Rindertartar, Hummersalat mit Blattsalat und Rosen, Lammbrust mit Senföl und sogar ein „Glas mit Radieschen“. Der Erfolg des Noma erzählt deshalb auch eine Geschichte über den gastronomischen Journalismus selbst. Nach Jahrzehnten französischer Dominanz und der spanischen Laborküche suchte die Branche dringend nach einer neuen Erzählung. Die nordische Küche bot genau das: eine Revolution ohne politische Risiken. Natur statt Technik, Wald statt Labor – zumindest in der Sprache der Artikel. Dass im Hintergrund alltägliche Lebensmittelchemie arbeitete, störte diese Erzählung nicht. Im Gegenteil: Sie machte sie erst möglich.

Das Märchen der Unwirtschaftlichkeit

Unvergessen bleibt Redzepis Abschieds-Show von 2023, als er das Fine-Dining-Businessmodell für überholt erklärte. Er tönte in der New York Times, das Modell sei schlichtweg „unpraktikabel“ geworden, da man fast 100 Mitarbeiter nicht wettbewerbsfähig bezahlen könne. Ein Hohn, wenn man bedenkt, dass Heerscharen von Stagiaires (Praktikanten) jahrelang überhaupt kein Gehalt erhielten. In Dänemark kann man die finanziellen Statements der Unternehmen leicht abrufen – sie zeigen ein Bild, das Redzepis Klagelied Lügen straft. Die „Unwirtschaftlichkeit“ war kein finanzielles Schicksal, sondern ein strategisches Narrativ, das auftauchte, als sich die Presse für das Schicksal der Stagiaires interessierte.

Hygiene-Versagen und Mafia-Benehmen

Im Februar 2013 erkrankten 63 Gäste an Noroviren. Während Redzepi als „weltbester Koch“ gefeiert wurde, herrschten Zustände wie in einer billigen Kantine: kranke Mitarbeiter, kein heißes Wasser, ignorierte Hygiene-Vorschriften, ignorierte Warn-Mails von kranken Gästen. Die Rechtfertigung, man habe in Kopenhagen niemanden gefunden, der dänische Mails lesen konnte, ist eine Beleidigung für jeden Intellekt.

Intern herrschte Mafia-Stimmung: „Jedes Mal, wenn René die Küche betrat, schrie jemand ‚CHEF’S COMING‘. Dann verkündete seine rechte Hand: ‚Hat jemand eine Zigarette für Mr. Redzepi?‘ Wie irgendein Mafia-Boss.“ Wer sich beschweren wollte, landete bei der „Praktikanten-Therapeutin“ – Redzepis Schwiegermutter.

Der unantastbare Heilige

René Redzepi hat über Jahrzehnte bewiesen, dass man in der modernen Welt alles tun darf, solange man die bessere Geschichte erzählt. Es ist die Kapitulation der Moral vor dem Marketing. Die Gastronomie scheint die letzte Branche zu sein, in der das „Werk“ die Misshandlung der Menschen dahinter vollständig unsichtbar machen darf. Ein Koch darf über Finanzen schwindeln, Gäste durch Hygienemängel gefährden, Rezepte mit Industrie-Substanzen „veredeln“ und Mitarbeiter schlagen – solange er die Welt glauben lässt, er tue es für eine höhere ästhetische Idee.

Natürlich wird es keine Strafanzeigen geben. Ein Mann wie Redzepi bewirtet keine Feinschmecker, sondern eine Gemeinde, die bereitwillig beide Augen fest zudrückt – vorzugsweise das, das gerade einen Faustschlag abbekommen hat. Wer die Opfer sucht, findet sie auf noma-abuse.com. Wer eine Bestätigung seines Status braucht, wartet auf das nächste Wunder vom Scheinheiligen mit der Grillgabel.

 

Anm. der Red.

René Redzepi hat sich als Inhaber und Küchenchef aus dem Noma verabschiedet. In einer Ansprache an seine Mitarbeiter, die entlarvend ist. Er stellt sich als Märtyrer da, gesteht seine Taten und meint durch diese „Ehrlichkeit“ sanktionsfrei zu sein. Nach dem Motto: Ich gestehe ein Charakterschwein zu sein und kann deshalb keines sein.

Die New York Times hat über den Skandal-Koch und seinen Mitarbeiter-Mißbrauch berichtet, der Link dazu geht nur über Anmeldung, aber die Schlagzeilen und Stichworte genügen, um den Appetit zu verderben.

New York Times zu René Redzepi, ein Klick

 




Guy Bonnefoit: Abschied von einem der größten Wein-Experten

Ein letztes Glas auf

einen Virtuosen

des guten Geschmacks

 

Von Ludwig Fienhold

 

Guy Bonnefoit, einer der größten Weinexperten dieser Welt, ist im Alter von 87 Jahren verstorben. Er war Buchautor, Gastronomieberater, Sommelier, Wirtschaftsdirektor im Frankfurter Hof und ein virtuoser Aromen-Experte. Bonnefoit wurde in Paris geboren und lebte in Alzenau in der Nähe von Frankfurt.

Guy Bonnefoit schrieb die Manuskripte für seine Bücher auf Deutsch. Von 1961 bis 1988 arbeitete er für Steigenberger, unter anderem als Direktor im Europäischen Hof in Baden-Baden. Zwölf Jahre war er danach als kulinarischer Kopf für die Gastronomie aller 30 Hotels der Gruppe verantwortlich, was sich auch deutlich in den Bewertungen bei den Restaurantführern manifestierte. Nie zuvor und vor allem nie mehr danach hat Steigenberger gastronomisch eine solche Qualitätsoffensive erfahren, weil eine derart kompetente und auch strenge Hand stets fehlte. Viele hielten ihn trotz seiner virtuosen Zungenakrobatik für übergenau und trocken. Dabei war Bonnefoit, der deutsche Franzose, von geradezu britischem Humor, wobei er auch dort in der Hotellerie tätig war. Die Melange aus deutscher Gründlichkeit, französischem Weinenthusiasmus und britischer Gelassenheit war jedenfalls in der Weinwelt einmalig, weshalb genau diese Cuvée auch zur besonderen Reife des Weinkenners Bonnefoit beigetragen hatte.

Dass Weine nach Tabak, Tinte oder Teer schmecken können, vermögen vielleicht viele noch nachvollziehen können. Doch weit problematischer wird es, wenn so wunderliche Gerüche wie Blutwurst, Hühnerstall und Popcorn wahrzunehmen sind. Guy Bonnefoit, der seine Nase weit gründlicher als die meisten in der Materie versenkte, gab sich nie mit flüchtigen Eindrücken zufrieden. Nach Jahrzehnten intensiver Praxis hatte er ein monumentales Buch geschrieben, dass neben anderen beim Verlag Gebrüder Kornmayer (Dreieich) erschien und einen der renommiertesten Buchpreise gewinnen konnte – den „Gourmand World Cookbock Award“. So ausführlich, präzise, kenntnisreich und obsessiv wie sein Frankreich-Lexikon gibt es kein zweites Buch auf dieser Welt (außer dem von ihm über Deutschland). Über 10.000 verkostete Weine sind darin enthalten und mehr als 8.000 Empfehlungen von Speisen zum Wein. Guy Bonnefoit lebte mit seiner Frau Luzia in einem beschaulichen Häuschen mit Garten in Alzenau. Der Garten hatte es beiden angetan, weil sie hier Düfte wahrnehmen konnten, die anderswo längst verflogen waren. „Frauen sind viel näher an der Natur“, sagte er nicht nur einmal und meinte damit insbesondere seine Luzia, die ihn bei seinen Wein-Notizen unterstützte.

Um auf dem Boden des Glases die Geschmackswahrheit zu finden, musste Bonnefoit viele Bouteillen entkorken, im Schnitt kam eine Flasche pro Tag zusammen. Doch gerade Fachtrinker wie er sind sehr diszipliniert und neigen nicht zu Übertreibungen. Er hatte sichtlich Spaß an seiner Arbeit und konnte sich schelmisch freuen, wenn er bei seinen Wein-Menüs gerade zu einem schwierigen Gericht den passenden Wein servierte, der alle überraschte.

Ich habe nie jemanden erlebt, der so punktgenau Weine zum Essen aussuchen konnte wie er, wobei Bonnefoit der Ansicht war, dass sich das Essen dem Wein anzupassen habe. Für ihn war der perfekte Zeitpunkt, einen Wein zu verkosten um elf Uhr morgens. Bonnefoit hat im Laufe seines Lebens weit über 40.000 Weine analysiert.

Guy Bonnefoit, der auch Autor des BISS-Magazins war, verstarb am 9. März, seine Frau Luzia bereits am 2. Februar 2026. Dies teilte jetzt der Sohn Christian dem Collegium Vini mit, bei dem Bonnefoit mehr als 45 Jahre Mitglied war.

Wir haben einen sehr guten Freund verloren, die Welt einen ihrer größten Wein-Experten.