Sanfte Riesen aus Australien, faunische Weine aus dem Piemont
Über 60 Weingüter
luden zur Probe
nach Düsseldorf und München
Was geschieht, wenn man einem Meer von Wein gegenübersteht? Man kann darin fröhlich ertrinken oder man kann stark selektiv vorgehen und sich Schlückchenweise dem Thema annehmen. Über 60 Winzer und Weingüter sowie einige Hundert Weine erwarteten in Düsseldorf und München die Gäste. Wein Wolf, einer der großen Weinhändler in Deutschland, lud ein und feierte gleichzeitig sein 45-jähriges Bestehen.
Die meisten der rund 500 Gäste steuerten zielgerade an die Stände mit den hochpreisigen Weinen und Champagner – Brunello di Montalcino „Suolo“, Paul Jaboulet mit seinem Hermitage La Chapelle oder Castillo Ygay und die Gran Reserva Especial, wo die Flaschen zwischen 200 und 250 Euro gehandelt werden. Bei den alkoholfreien Angeboten war sehr viel Platz. Wir begannen mit dem preiswertesten Weingut, Dr. Koehler aus Rheinhessen, der von Christian Dreißigacker betrieben wird. Dort ging es auch angenehm ruhig zu, konnte man mit dem Aussteller gut ins Gespräch kommen. Dr. Koehler steht für klare frische (Weiß)Weine mit Bodenhaftung, die zum Frühling und Sommer besonders gut passen und als anspruchsvolle Terrassenweine besonders saisontauglich sind.
In einer ganz anderen Liga spielt das zur Antinori-Familie gehörende Weingut Prunotto in Alba. Gleich acht Qualitäten gab es zu probieren, in einem Preisgefüge zwischen 19 und 80 Euro. Alle Weine konnten glänzen und zeigten sich in ihrer jeweils eigenen charaktervollen Art als Individualisten. Der Gaumenschmeichler Costamiole ebenso wie der Charmeur Bansella. Das Highlight des Weinguts im Piemont aber ist der Barolo aus der einzigartigen Amphitheater-Lage Bussia. Gerade beim großartigen Jahrgang 2021wird dies deutlich. Dieser Wein explodiert nicht, weil er das auch nicht will, er schleicht auf Samtpfoten ein und begeistert mit Kräuterwürze, feinster Beerenfrucht, saftiger Kirsche und der Erdigkeit feuchten Waldbodens. Ein faunischer Wein, der gerade durch seine diskrete Noblesse große Lust erzeugt. Prunotto war für uns mit seinem Sortiment jedenfalls eines der beste Weingüter dieser Verkostung.
Henschke ist in Australien ein großer Name. Die Weine sind von opulenter Statur, werden aber mit den Jahren immer eleganter. Johann Henschke, der in Adelaide und Geisenheim studierte, schenkte die Weine des 1868 in Barossas Eden Valley gegründeten Weinguts persönlich aus. Mit einer Freude und Professionalität, wie man dies bei Verkostungen nicht oft erlebt. Es lohnt sich, diese Rotweine etwas genauer zu betrachten, wobei sie in Deutschland nicht oft anzutreffen sind. Vor allem der hohpreisige Shiraz Mount Edelstone ist ein sympathischer sanfter Riese mit wunderbaren Aromen von Wildkräutern, Eukaylptus, Rosmarin, Thymian, Blaubeeren und Liebstöckel. In den kleinen Verkostungsgläsern werden gerade solche satten Weine eingesperrt, man muss sie sich in großen Gläsern vorstellen und nachprobieren, in denen sie sich richtig entfalten können.
Ludwig Fienhold
