Frankfurt: Zu wahr, um schön zu sein?
Es gibt im Bahnhofsviertel noch Lokale, die dem
Wahnsinn trotzen
Von Ludwig Fienhold
Wer in Frankfurt am Hauptbahnhof ankommt, stößt das Tor zu Hölle auf. Beim Eintritt in die Kaiserstraße wabert man im Dotter des Leviatans. Einarmige Banditen und saufende Strizzis säumen den einstigen Prachtboulevard. Deutlicher kann die Geschichte ihre Fratze nicht zeigen, von der mondänen Kaiserstraße bis zum Elend von heute war es rein geschichtlich ein kurzer Weg. Dem Passanten muss jeder Schritt wie eine Ewigkeit vorkommen, bei diesem Spießrutenlauf aus Bedrohlichkeit und Beklemmung.
Egal, aus welchen Ländern die sinistren Gestalten stammen, viele erscheinen kampfbereit. Es herrscht eine explosive Mischung. Wer zögert, sich unsicher umschaut, hat schon verloren und wird als Opfer taxiert. Selbst Menschen, die sich sonst nicht wegducken und tolerant sein wollen, geraten hier schnell an ihre Grenzen.
Woher all diese Existenzen auch immer kommen, sie werden nie ankommen – und sie werden auch hier allein gelassen werden. Ob Bettler, Drogensüchtige oder Kriminelle, sie haben am Frankfurter Hauptbahnhof nur scheinbar so etwas wie eine Zufluchtsstätte gefunden, die in Wahrheit das Wartezimmer zum Hades ist.
Beim Anblick des verkommensten Ortes von Frankfurt, wo man über Müll und menschliches Elend stolpert, stellen sich viele die Frage, warum dieser Zustand seit unglaublich vielen Jahren hingenommen wird. Eine Antwort: Die Stadtpolitiker, die über solche Zustände entscheiden, haben sich hier noch nie anpissen lassen müssen. Sie sitzen in ihren Amtsstuben und kommen höchstens unter massivem Polizeischutz in diese No-Go-Area.
Lokale, die sich in diesem teilweise grauenhaften Viertel abmühen, müssten von der Stadt subventioniert werden. Denn vor allem sie tragen zum sozialen Frieden bei und halten zumindest in ihrem Bereich die allgemeine Verwahrlosung fern. Das Lokal Yaldy in der Moselstraße. ist seit vielen Jahren ein Leuchtturm des Widerstands gegen die miserablen Zustände im Bahnhofsgebiet und gehört unter Artenschutz gestellt. Ebenso das Eis-Café Fontanella, das zu den letzten guten Adressen im Viertel gehört. Anwohner, Gastronomen, Händler und alle anderen, die hier mit diesem völlig unzumutbarem und auch unnötigen Erscheinungsbild zu tun haben, werden in eine Zwangshaft genommen, weil die Frankfurter Stadtpolitik auf erschreckende Weise versagt. Das frühere Hotel Ameron von Althoff und jetzige von Marriott betriebene Lume in den schönen historischen Neckar-Villen ist ein Trauerspiel und muss sein eigentlich bildhübsches Dasein in einer unwürdigen Umgebung fristen – direkt am armseligen Jürgen von Ponto Platz, der ständig mit Müll und abgebrochen Flaschen übersät ist. Kein Leben, nur trockene Trunkenheit.
Überall graue Gestalten. Man fragt sich, ist das die Verlängerung des Elends oder kleiden sich die Leute absichtlich so schlecht, damit sie nicht Opfer eines Überfalls werden. In Frankfurt ziehen sich viele Menschen so schlecht an, um nicht als reich angesehen zu werden.
Dabei gibt es Augenblicke von wehmütiger Schönheit. Das über 100 Jahre alte Moseleck, eine wunderliche Kiez-Kneipe, wie sie interessanter nicht auf St. Pauli stehen könnte, begrüßt ihre ersten Gäste um 6 Uhr zu schottischem Whisky und Frankfurter Apfelwein. Der Tag kommt und geht, Johnny Walker bleibt. Gleich nebenan schickt die Fleischerei Göbel Bratenbrötchen, Kartoffelsuppe mit Wurst und Kammbraten über die Theke. Wo gibt es noch ein Frikadellenbrötchen für 3,30 €? Zwei Meter weiter, schauen wir lieber in die Miele Wash World, den wunderbaren Waschsalon, als in jeden Fernseher. Der Nachbar Yaldy bleibt die beste Adresse im Frankfurter Bahnhofsviertel, nirgendwo sonst hier kann man besser essen, solche ausgesuchten Weine und bestens gemachten Drinks und Cocktails genießen.
Der Hauptbahnhof ist nur ein Vergrößerungsspiegel. Die Stadt sieht an zu vielen Ecken erbarmungswürdig hässlich und vermüllt aus, vor allem aber fehlt es an Gestaltungswillen und mehr noch an Gestaltungsfantasie. Man kann sich vorstellen, dass der Bahnhof und sein Milieu nur die Vorstufe sind, bald könnte es überall so aussehen. Die Stadt, der Müll und der Tod hieß ein Stück von Rainer Werner Fassbinder – noch immer ein treffender Titel für Frankfurt.
Man wird frühestens an der Gallusanlage von dem biblischen Armageddon im Bahnhofsviertel erlöst. Dort, in der Nähe der Bankentürme, sind wieder die zu sehen, denen das Handy am Ohr klebt oder die es so vor Augen halten, dass sie sonst nichts wahrnehmen. Man muss also weiter um sein Dasein als Fußgänger kämpfen. Denn die Handy-Zombies kennen nur einen Weg – und der führt durch alles hindurch, was nicht rechtzeitig wegspringt. Wenn man dann in das einläuft, was sich Innenstadt nennt, und Rennstrecke der Radfahrer und E-Roller heißen müsste, rast ein maroder Haufen an Elektrorollern auf einen zu, wird man messerscharf rasiert von Lieferdienst-Fahrradkurieren, die nur ein Schicksal verdient hätten: Sofort aus dem Verkehr gezogen zu werden.
Wird Frankfurt zur Stadt, vor der uns niemand mehr warnen wird, weil nur noch die bleiben, die sich in diesem Elend wohl fühlen?



