Froschrotze statt Apfelwein | BISS

Kategorie | 2014, Aktuelles, Juli 2014, News

Froschrotze statt Apfelwein

Frankfurt Alt-Sachsenhausen

Ist Deutschlands schönste

Altstadt noch zu retten?

 

 

Die Drinks heißen Froschrotze. Vor allem am Wochenende ballern sich die Männer um den Verstand. Alt-Sachsenhausen wird totgesoffen. Schreiendes Elend. Das Kopfsteinpflaster ist mit zerbrochenem Glas übersät. Ein Frankfurter Stadtteil geht zu Bruch.

Gleich drei Shisha-Bars nebeneinander benebeln mit süßlichem Kopfschmerzqualm. Dumpfe Dönerbuden, grölende Sportsbars, dröhnende Musikvideos aus offenen Fenstern. Tropical-Bars gaukeln Latinostimmung vor und zeigen doch nur grobe Einsamkeit in der Menge. Frau Rauscher am legendären Brunnen in der Klappergasse müsste Blut statt Wasser spucken. Unheil wabert aus den Gassen, man fühlt sich im Dotter des Leviathans.

Schöppchen gibt’s schon lange nicht mehr, es muss gleich 1 Meter Bier oder 1 Meter Vodka her. Überall schlagen Alk-Shots ein und hinterlassen Löcher im Kopf. Junggesellenabschiede, marodierende Fußballfans. Gruppenzwang. Dung für Neonazis. Wann kommen die pro-russischen Separatisten?

Plasterstein Apfel

Apfelwein-Denkmal darf mit Füßen getreten werden

Die Kleine Rittergasse nennt man in Alt-Sachsenhausen mitleidig Mallorca-Meile. Die Apfelweinkneipen, die einst Alt-Sachsenhausen bestimmten, sind eine aussterbende Spezies. Die Frankfurter selbst meiden das Viertel und überlassen es vor allem am Wochenende weitgehend dem Pöbel. Tagsüber ist das Amüsier-Revier nahezu menschenleer, nur einige Wirte sind damit beschäftigt die Schäden der vorangegangenen Nacht zu beseitigen. Drohende Verslumung. Aus leerstehenden Häusern glotz gähnende Langeweile, tonnenweise Müll in schmuddeligen Hinterhöfen, Schnapsleichen. Der Gruselkater schleicht umher. Einige der jahrhundertalten Häuschen in Alt-Sachsenhausen sind wohl nicht mehr zu retten. „Meist belehrt erst der Verlust über den Wert der Dinge“, meinte der Wahlfrankfurter Arthur Schopenhauer. 40 denkmalgeschützte Häuser gibt es noch. Alt-Sachsenhausen ist der tobende Kern von Sachsenhausen und besteht im Wesentlichen aus der Kleinen und Großen Rittergasse, Klappergasse und Paradiesgasse.

Alt-Sachsenhausen war einst das berühmteste historische Amüsierviertel Deutschlands, inzwischen ist es nur noch berüchtigt. Das soll anders werden. Da die Stadt Frankfurt nicht genügend zur Verbesserung beiträgt und auch keinen Plan zur Rettung dieses im Grunde einzigartigen Quartiers hat, ergreifen immer mehr mutige private Unternehmer die Initiative. Ideen-Investor, Unternehmer und Kunstförderer Steen Rothenberger ist einer von ihnen. In seinem großen Kopf haben viele große Ideen Platz. Mit seinem kunstsinnigen Hotel Lindenberg und dem optisch und kulinarisch kreativen Restaurant Seven Swans konnte er das bereits beweisen. Jetzt hat er ein multifunktionales Haus in der Kleinen Rittergasse eröffnet –  Der Kleine Ritter also known as Der kleine Mann mit dem Blitz. Atelier für Fotografie und Kunst. Galerie, Bar, Apfelweinwerkstatt, Pop-up-Lokal, On- and Off-Location für Veranstaltungen aller Art.

Bembel-Kunst im Kleinen Ritter

Bembel-Kunst im Kleinen Ritter

Früher stand dort das Irish Pub der Mac Gowans, ein großartiges lebendiges Musiklokal. Das alte Fachwerkhaus brannte ab, stand über zehn Jahre leer. Der Bau war nicht mehr zu retten und musste abgerissen werden. Steen Rothenberger erkannte die noch immer zu bemerkende Schönheit und Würde Alt-Sachsenhausens und auch das Potential. „Ich bin ja noch jung, in zehn Jahren sieht hier alles anders aus.“  Bei der Eröffnung seines neuen Atelier-Hauses zeigte er, wo es langgehen könnte. Die modern verpackten Apfelweine tragen das Etikett „Kleiner Mann mit Schwips“ und schmecken erfrischend gut. Sie stammen von der Kelterei mit dem kessen Namen Feinripp aus Lich-Eberstadt in der Wetterau. Auch der Cocktail namens Apfelblitz aus Cremant, Tee, Kardamom, Pfeffer ist famos. Leider mixt Diana Haider aus dem Parlour nur zu bestimmten Anlässen in der kleinen Kellerbar. Wäre schön, wenn außerdem Küchenchef Jan Hoffmann vom Seven Swans öfter zu erleben wäre. Bei der Eröffnungsfeier gab es Delikatessen wie die tolle Linsensuppe mit Blutwurstgeröstel und Pflaume, gebeizten Lachs mit Rettich und Salat-Sugo sowie Kartoffelsalat mit Espuma von Frankfurter Grüner Soße und Senfkaramell.

Neues Atelier-Haus Kleiner Ritter

Neues Atelier-Haus Kleiner Ritter

Wo sich einst im Irish Pub die Fachwerkbalken langzogen, wurden jetzt als Memento mori Ornamente eingefräst. Die Romantik ist verblichen. Architekten lieben in Beton gegossenes Ego, aber dieser Bau wirkt intelligent und strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Und doch erscheint er im architektonischen Kontext wie ein Wesen aus einer fremden Welt. Das klar strukturierte Innenleben hat coolen Charme und bietet Platz für Gedankenräume. Alt-Sachsenhausen modern. Mit dem musealen Umfeld und seiner Zerbrechlichkeit aber spannungsreich. Die seinerzeit dazugehörige Irish Lounge nebenan wurde nicht integriert und modert weiter vor sich hin. Der Kleine Ritter ist aber leider kein öffentlicher Raum, der täglich für alle zugänglich ist. Wie soll er dann das Viertel positiv beeinflussen? Hauptmieter ist der Fotograf Oliver Tamagnini, der etwa Guerillakochen oder Musikveranstaltungen als Rekonvaleszenz sieht. Ob das genügt? Mit dem Projekt werden sich die Ideen gewiss weiter entwickeln.

Ein Zeichen dürfte auch das von Steen Rothenberger geplante Hotel in der Großen Rittergase 88 Ecke Frankensteiner Straße in Alt-Sachsenhausen setzen. Am alten Klinkerbau wird noch gearbeitet, ein kleiner Neubau kommt nebenan dazu. Im April 2015 soll alles fertig sein, mit 30 Zimmern, Bar, Agentur, Shop und Salons. Ähnlich wie das Lindenberg, eine Mischung aus Hotel und Wohngemeinschaft. Wenn jetzt noch das eine oder andere gute Restaurant sowie Cafés, Bäcker und anderes mehr hinzukommen könnte, würde das die Nachteule Alt-Sachsenhausen auch am Tage beleben und kultivieren. So wäre das Quartier vielleicht noch wiederzubeleben und zu retten. Es könnte der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein.

Ludwig Fienhold

 

 

Photocredit: Barbara Fienhold

 

Wie man verwahrloste Quartiere vor dem Zerfall rettet, zeigt als Paradebeispiel das Künstler- und Kneipenviertel San Telmo in Buenos Aires. Ähnlich wie Alt-Sachsenhausen drohte dieser Stadtteil vollkommen zu verfallen. Die bunten Altbauten aus dem 19. Jahrhundert strahlen inzwischen eine Vitalität und Lebensfreude aus, wie sie jedes Herz hüpfen lassen. Längst gehen dort Einheimische und Touristen Hand in Hand durch ein lebendiges und fantasievoll inszeniertes Viertel. Straßenkünstler und Antiquitätenhändler finden Platz zwischen witzigen und aberwitzigen Cafés, Wein-Bars und Restaurants. Tangotänzer verbiegen sich selbstverliebt auf den Straßen vor begeisterungsfähigem Publikum.

Photocredit Ludwig Fienhold

 


 

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