Ein historisches Bergdorf wird zum Hotel

Ungewöhnliche Neueröffnung in der Schweiz:

Authentischer alpiner Lebensstil

im Le Rucher d’Evolène

 

Im Walliser Bergdorf Evolène entsteht mit „Le Rucher“ ein einzigartiges Hotelprojekt mit faszinierendem alpinen Charakter. Das Ensemble ist nicht an einem einzelnen Gebäude verankert, sondern liegt über das gesamte Dorf verteilt. Historische Raccards (Holzspeicher) und Dorfhäuser werden sorgsam restauriert und Stück für Stück in das Projekt integriert. Ergänzt wird Le Rucher durch ein Boutiquehotel im Dorfzentrum, das jetzt am 21. August eröffnet. In den kommenden Jahren werden weitere Häuser transformiert, es entstehen eine Brasserie sowie ein Berghotel mit 25 Zimmern.

Le Rucher, Chalet

Viele der Gebäude sind mehrere Jahrhunderte alt, dazu gehören unter anderem Le For de Blatt (1443), Chez Catherine & Joseph (1595), Chez Madeleine (1634) und Chez Berthe (1757). Diese wurden mit viel Fingerspitzengefühl und Respekt vor ihrer Vergangenheit restauriert und weiterentwickelt und verbinden heute historischen Bestand mit zeitgenössischem, zurückhaltendem Luxus. Sichtbare Holzbalken, Steinstrukturen, alte Türen, Inschriften und Alltagsobjekte bleiben erhalten und machen die Geschichte des Ortes weiterhin lesbar. Dabei kommen regionale Materialien wie Lärchenholz, Naturstein und Schiefer zum Einsatz, verarbeitet in enger Zusammenarbeit mit Handwerkern aus dem Val d’Hérens.

Die Eingriffe bleiben bewusst dezent. Zeitgemäßer Komfort – darunter Fußbodenheizung, hochwertige Betten und Wellnessangebote – fügt sich in die historische Bausubstanz ein, ohne deren Charakter zu überlagern. Das Interior folgt demselben Ansatz: Historisches Holz, bemalte Schränke, Truhen und handwerkliche Objekte bleiben erhalten und werden durch Objekte mit Bezügen zur alpinen Landschaft und zum regionalen Handwerk ergänzt.

Frühstück

Für die Restaurierung und Weiterentwicklung wurde unter der Leitung von CEO Steven Jacob ein Team aus internationalen und regionalen Experten zusammengestellt. Die Architekturbüros Tamaris sowie Alp’Architecture zeichnen für das Design verantwortlich. Das Studio Géraldine Dohogne, das bereits das Interieur und den Stil der Zannier-Hotels prägte, entwirft die Brasserie La Pension, während Studio C&C die integrierten Kunstwerke beisteuert.

Das gemeinsame Ziel: historische Gebäude zu erhalten und die alpine Lebensart des Dorfes sowie seine lokale Sprache, sein Handwerk und sein kulturelles Wissen zu bewahren. Le Rucher d‘Evolène versteht sich als Alternative zum Massentourismus und setzt auf eine Form der Gastfreundschaft, die sich in die bestehenden Dorfstrukturen einfügt und diese langfristig stärkt.

Im Zentrum des Dorfes entsteht mit Le Central ein edles Boutiquehotel mit sieben Zimmern, das am 21. August eröffnet. Ergänzt wird es durch einen Garten, eine Honesty Bar, einen Skiraum und das Olèïnna Spa. In den kommenden Jahren soll das Projekt schrittweise weiterwachsen: mit zusätzlichen Häusern im Dorf, der öffentlich zugänglichen Brasserie La Pension, dem Kultur- und Begegnungsraum Le For de Blatt im historischen Gebäude von 1443 sowie La Maison Jaune, ein kleiner Sportshop mit zwei Gästezimmern. Diese Orte sind bewusst nicht nur für Gäste gedacht, sondern als Teil des Dorflebens konzipiert. Für 2028 ist zudem die Eröffnung des Berghotels L’Hermitage mit 25 Zimmern vorgesehen.

Das Olèïnna Spa wird von der glazialen Quelle in Evolène sowie von der historischen Nutzung der dortigen Thermalgewässer inspiriert. Als alpine Grotte gestaltet, verbindet das Spa rohen Stein, gedämpftes Licht und Wasser als zentrales Gestaltungselement. Licht und Klang sind bewusst reduziert und begleiten den Aufenthalt in zurückhaltender Form. Das Spa umfasst einen Jacuzzi, eine Sauna, einen Zen-Raum sowie einen separaten Behandlungsraum. Angeboten werden Massagen und Körperbehandlungen, die auf Entspannung und Regeneration nach einem Aufenthalt in den Bergen ausgerichtet sind.

Le Rucher d’Evolène liegt auf 1.370 Metern, umgeben von einer hochalpinen Landschaft aus Wäldern, Gletschern, traditionellen Wegen. Die Umgebung ist nicht inszeniert, sondern ein gewachsener Lebensraum. Einen Aufenthalt sollte man mit Besuchen bei lokalen Produzenten nutzen, die Einblicke in traditionelle Handwerksstrukturen vermitteln. Evolène ist kein Kulissenort, sondern ein gewachsenes Bergdorf mit eigener Sprache, Geschichte und Alltagskultur und Le Rucher d’Evolène ist Teil dieses bestehenden Lebensraums. Wege, Plätze und Gebäude bleiben offen zugänglich und Teil des täglichen Dorflebens.

Rauchen ist im Hotel nicht erlaubt, die Zimmerpreise bewegen sich zwischen 357 und 643 €. Im Preis inbegriffen sind Frühstück, Chauffeurservice und Minibar. Reservieren kann man ab drei Nächten. Die Chalets sind noch nicht buchbar, sie versprechen aber eine gute Ausstattung mit Balkon, Küche, Specksteinofen, Fußbodenheizung und finnischer Holzbadewanne.

www.rucher.com/hotel

Le Rucher, Hotel Le Central




Wien: Palais Coburg hat mit neuem Konzept eröffnet

2-Sterne-Koch Silvio Nickol

bietet einen Kochkurs

mit ihm am Herd

 

Das historische Schmuckstück thront auf den Stadtmauern Wiens und steht nach zwei Jahren des Umbaus seit 3. August auch als Hotelresidenz mit neuen Suiten den Gästen wieder offen. Ein Spa nebst Pool und Sonnenterrasse liegt über den Dächern Wiens, 60.000 Flaschen Wein führen ganz nach unten in die uralten Gewölbekeller. Der 2-Sterne-Koch Silvio Nickol hat sein gastronomisches Konzept erweitert und bietet obendrein den Gästen als „Chef Of The Day“ die Möglichkeit mit ihm am Herd gemeinsam ein Menü zu kochen.

Silvio Nickol und sein Co Florian Daube

Seite an Seite mit Silvio Nickol dürfen Gäste seine Haute Cuisine hautnah erleben. Man soll die Philosophie dieser Sterneküche erfahren, raffinierte Techniken kennenlernen und gemeinsam mit dem Meister ein Menü zubereiten. Es beginnt mit den Dienstantritt in Kochjacke. Danach folgen Tagesplanung, Passzuteilung, Warenannahme und Mise en Place. Sieden, dämpfen, garen, braten, backen, rühren, vakuumieren und anderes mehr. Höhepunkt ist das gemeinsame Abendessen. Unter der „Nachbesprechung“ versteht sich ein Feierabendbier

Palais Coburg, Wien

Wien vor der Tür. Ruhe im Haus. Das Palais Coburg will kein klassisches Stadthotel sein, sondern ein privates Zuhause auf Zeit. Hinter den Mauern öffnen sich ein privater Garten und großzügige Räume. „Das Palais Coburg lebt von seiner Geschichte, ohne in ihr stehen zu bleiben“, sagt Jochen Manninger, General Manager des Palais Coburg. „Wir haben bewahrt, was diesen Ort prägt, und ihn zugleich zeitgemäß weitergedacht. Unsere Gäste sollen hier nicht nur übernachten, sondern in ihrem eigenen Rhythmus wohnen. Persönlich begleitet, mit viel Raum und der Diskretion eines privaten Zuhauses.“

Entenleberwald, Palais Coburg

Die hochpreisigen 36 Suiten sind jeweils anders gestaltet. Separate Wohn- und Schlafbereiche bieten Platz zum Arbeiten, Zusammensein und Zurückziehen. Das kulinarische Angebot begleitet den Tag vom Frühstück über Brunch und Afternoon Tea bis zum Dinner. In den obersten Etagen liegt das Spa über den Dächern Wiens. Pool und Sonnenterrasse bieten einen weiten Blick über die Stadt. Das Gym hat direkten Zugang zum Garten.

Silvio Nickols Gourmet Restaurant bleibt eine eigenständige Adresse im Palais. Das mit zwei Michelin-Sternen ausgezeichnete Restaurant steht für präzises Handwerk, kulinarische Tiefe und eine klare Handschrift.

In sechs historischen Kellergewölben, den historischen Kasematten unterhalb der ehemaligen Wiener Stadtmauer, lagern mehr als 60.000 Flaschen: Große Jahrgänge, Raritäten und andere Weine von Rang.

 

Preise & Informationen unter: www.palais-coburg.com

Fotos: Palais Coburg




2-Sterne-Koch Luis Hendricks geht ins ehemalige Aqua nach Wolfsburg

Mit 27 Jahren der Jüngste

unter den Topköchen Deutschlands

 

Das Restaurant Aqua im Hotel Ritz-Carlton Wolfsburg will es doch noch einmal wissen: Nach dem Abgang von 3-Sterne-Koch Sven Elverfeld im März, übernimmt ab August Luis Hendricks als Küchenchef die kulinarische Leitung des neuen Restaurants, das sich derzeit in der Planungs- und Entwicklungsphase befindet und noch keinen Namen hat. Ein Eröffnungstermin steht noch nicht fest.

Der 1999 in Burgwedel in Niedersachsen geborene Hendricks ist der jüngste Zwei-Sterne-Koch Deutschlands, er wurde 2025 im Restaurant Pietsch in Wernigrode vom Michelin ausgezeichnet, wo er gemeinsam mit Inhaber Robin Pietsch am Herd stand.

Luis Hendricks, Ritz-Carlton

Die Küche des 27 Jahre alten Kochs steht in der Selbstdarstellung für handwerkliche Präzision, Kreativität und eine geschmackliche Identität, die sich über viele Jahre und zahlreiche Reisen durch Asien entwickelt hat. Wichtig dabei sind ihm intensive Aromen, Tiefe, Balance, Säure und Umami – kombiniert mit einer modernen europäischen Basis und den Einflüssen unterschiedlichster asiatischer Esskulturen.„Die Nähe zu meiner Heimat und zu den Menschen der Region ist für mich ein wichtiger Antrieb. Gleichzeitig freue ich mich darauf, meine persönliche kulinarische Handschrift weiterzuentwickeln. Gemeinsam mit dem Team des The Ritz-Carlton möchte er einen Ort schaffen, der für Gastfreundschaft, Qualität und eine unverwechselbare Kulinarik steht.

Das Ritz-Carlton mit 170 Zimmern und Suiten liegt inmitten der Autostadt in Wolfsburg. Der freischwimmende und 40 Meter lange ganzjährig beheizte Infinity-Pool im Hafenbecken ist vor dem denkmalgeschützten Volkswagen-Kraftwerk mit seinen vier hohen Schornsteinen ein Eyecatcher. Ein ebenso spektakulärer Blick bietet sich den Gästen aus dem Fitness-Bereich des Ritz-Carlton Spa & Kraftwerk. Über 600 Kunstwerke mit dem Schwerpunkt der Fotografie prägen das Ambiente des Hauses, ebenso wie die Ausstattung von Elliott Barnes.

 

Foto: Matthias Leitzke




Mit oder ohne Stern: Carmelo Greco hat sein Talent nicht verloren

Kreative Menüs, feine Pasta und unwiderstehliche Weine

 

Von Ludwig Fienhold

 

Auf solch einen Teller Pasta muss man lange beim Italiener warten, vielleicht ewig. Auch bei Carmelo Greco gibt es ihn nicht jeden Tag, hoffentlich jetzt aber mehr als zuvor. Die seidig-zarten kleinen Ravioli mit cremig-flüssiger Carbonara-Butter-Parmigiano-Füllung in samtigen Butter-Parmesan-Sud verschmelzen mit dem Gelb vom Wachtelei in einer glücklich machenden Harmonie. Der für eine Carbonara typische Guanciale-Speck setzt eine schöne haptische und geschmackliche Pointe. Es gibt nicht allzu viele Gerichte, die von einem satten Geschmack sind, ohne eine Übertreibung der Zutaten, und ebenso wenige, die ein derartig angenehmes Mundgefühl hervorrufen.

RAVIOLI CARBONARA

In seinem Frankfurter Restaurant hat Carmelo Greco die letzten Jahre sehr auf Luxusprodukte gesetzt und dabei etwas die Kernkompetenz der Italiener vernachlässigt: Pasta. Er dachte vielleicht genau damit einem Gourmet Guide und einer zahlungskräftigen Klientel zu entsprechen. Nun zeigt er jedoch verstärkt, dass man auch eine Pasta auf hohem Niveau – und wenn man es unbedingt sagen mag, auf Sterne-Level – zubereiten kann.

BRETONISCHE HUMMER
ÄPFEL GRANNY SMITH-SELLERIE / BEURRE BLANC-MINZE

Carmelo Greco hat gerade seinen Michelin-Stern verloren, nicht aber sein Talent. Nach 30 Jahren mit dieser Auszeichnung kann man daran zu schlucken haben, wobei es keinen Grund gibt, zu verzweifeln und schon gar nicht an sich selbst zu zweifeln.

Sicher, es gab Turbulenzen in der Küche, Grecos Küchenchef hatte andere Vorstellungen als er, man lebte sich auseinander. Das kommt eben auch bei Küchen-Paarungen vor, wobei eine Doppelspitze noch nie funktioniert hat, weder in der Politik noch in der Gastronomie. Das ist Geschichte, Carmelo Greco steht inzwischen wieder selbst jede Minute am Herd und kann sich auf ein kleines und gutes Team in der Küche und beim Service stützen.

APRIKOSE / WEIßE SCHOKOLADE / BASILIKUMSCHAUM

Diese Harmonie findet man auch auf dem Teller wieder. Der feine bretonische Hummer mit Granny Smith und Sellerie in Beurre Blanc mit Minze ist von melodiösem Klang und akkurater Handwerklichkeit. Ein famoses Dessert von stiller Sinnlichkeit, wie die Basilikum-Zabaglione, mit Aprikosen-Cremosa und weißem Schokoladen-Eis, wird auch Gäste begeistern, die vielleicht sonst nicht zu Süßem neigen, weil es überhaupt nicht kitschig ist. Beim durchweg schönen Dulce-Reigen erinnert vor allem der saftige Mandelkuchen en miniature an die Anfangsjahre von Carmelo Greco in der Osteria Enoteca. Einfach wunderbar.

AUFTAKT: TOMATEN-GRANITÉ

Der Gast findet zwei Menüs (125 – 175 €, Degustation und vegetarisch) doch jeder Gang ist auch einzeln zu bekommen und preislich gekennzeichnet. Es ist kein Problem, auf zwei Teller und ein gutes Glas vorbeizukommen. Im Restaurant Carmelo Greco wartet eine erstklassige Weinauswahl, die nicht auf Etiketten setzt, sondern viele individuelle Offerten bereithält – wo sonst bekommt man einen herausragenden Wein der autochthonen Rebsorte Timorasso von Massa aus dem Piemont? Man könnte sich auch tagelang mit den Weinen von Elisabetta Foradori aus Südtirol vergnügen, eine der größten und sympathischsten Weinpersönlichkeiten der Weinwelt. Ihr Fontanasanta 2025 der Rebsorte Manzoni Bianco 2025 aus der Region Trentino ist von vielschichtiger Finesse. Man wird in eine Stimmung versetzt, die einen glauben lässt, Marille und Pfirsich seien die tollsten Gewächse der Welt, weil sie hier nicht quietschig und nur ganz filigran zu spüren sind. Kühle Eleganz, animierende Zitruslebhaftigkeit, salzig-mineralische Frische und ätherische alpine Kräuterwürze sorgen für einen glasklaren Trinkfluss. Jeder Schluck steckt voller Energie und schmeckt fast schon irritierend rund und gesund. Dieser geniale Wein macht nicht satt und ist von unwiderstehlicher Kraft.

Carmelo Greco, Frankfurt, Ziegelhüttenweg 1-3, Tel. 069 60 60 89 67.

Neue Öffnungszeiten: Mo – Sa 18.30 – 22 Uhr (Küche), Freitag mittags und abends geöffnet, Sonntag geschlossen.

www.carmelo-greco.de

FOTOS: BARBARA FIENHOLD

DULCE

WASSER-GLAS-KULTUR

WEIN-KULTUR

PRE-DESSERT: MARINIERTE ANNAS UND KOKOS-EIS




Spanien ist Weltmeister: Das spanische Lokal La Trinca hat auch einen Pokal verdient

Modern inszenierte Evergreens

und erstklassige Weine

 

Von Ludwig Fienhold

 

Wenn man sich und andere fragt, welche Art Lokal in Frankfurt fehlt, so kommt schnell die Antwort: ein guter Spanier. Das Restaurant La Trinca by Cedric hat sich in den letzten Monaten rasant entwickelt und überrascht mit einer kreativen Speisekarte und erstklassigen handverlesenen spanischen Weinen. Jetzt endlich hat Frankfurt einen sehr guten Spanier.

Sandy & Cedric

Bei Cedric gibt es klassische Gerichte, die man so vielleicht noch nicht kennt, weil sie modern und pointiert zugespitzt werden, wobei man eine Produktqualität erlebt, wie sie auch in Spanien nicht oft anzutreffen ist. Der Jamón Cebo Campo aus der Extremadura stammt von freilaufenden Schweinen und reift 36 Monate traditionell im Steinhaus. In Frankfurt wird der Schinken vom Hinterbein mit der Hand frisch geschnitten, aber so perfekt, dass er sein Aroma entfalten kann und für ein schönes saftig-zartes Mundgefühl sorgt. Der spanische Evergreen Gambas al Ajillo wird meist mit kleinen billigen Garnelen und viel Öl, Knoblauch und Chili gebrutzelt, oft geraten sie zäh, trocken oder matschig. Wenn man hochwertige und große Black Tiger Garnelen wie im La Trinca verwendet und mit schönen Kräutern, pfiffigen Gewürzen und frischem Öl zubereitet, kommt es zu einem anderen Ergebnis, haben die Garnelen Geschmack und leichten Biss.

Avocado-Tatar

Chipirones zählen ebenfalls zu den Klassikern, die aber die Galle herausfordern können, weil die kleinen Calamares in Spanien gerne sehr fettig aufgetischt und mit einem dicken Panierteppich frittiert werden. Im La Trinca werden sie nur hauchdünn paniert und bleiben so schlank und juicy, dass man sie als hervorragendes Gericht erkennen kann. Fabelhaft sind zudem die gut gewürzten Baby-Calamares in Pastis-Orangensud.

Mais müssen wir eigentlich nicht unbedingt haben, aber man kann daraus auch etwas machen, das zu begeistern vermag: Gegrillten Mais mit delikaten Maispüree und Sonnenblumenkernen. Die vegetarischen Gerichte zeigen Klasse und werden wie alles andere auch durch gute Produkte und ausgewogene Aromen veredelt. Bei dem Tomaten-Carpaccio sind es die gelben süßen und aromatischen Ananastomaten, die Liebe zum Detail verraten. Blumenkohl ist bei jungen Köchen derzeit beliebt, man sollte nur ein Gespür für Originalität haben. Der flambierte Blumenkohl mit Blumenkohlpüree sowie Estragon-Tabioka-Chips und Pistazie macht uns nun in diesem Lokal schon zum dritten Mal an einem Abend zu gut gelaunten Vegetariern.

Iberico Bäckchen

Gambas al ajillo

Ein absolutes Highlight aber sind die butterzarten Iberico-Bäckchen in einer schlotzigen und umwerfend guten Sauce, die man bis zum Schluss löffeln wird. Die Küche zeichnet sich durch Raffinesse mit Herz aus und zeigt ein gutes Würzgefühl. Küchenchef Cedric Kouyoumdjian und seine Frau Sandy Pavon Regalado, die spanische Wurzeln hat, betreiben das Restaurant. Anfangs gemeinsam mit dem Vater als einfaches Tapas-Lokal, die letzten beiden Jahre dann in Eigenregie als Restaurant.. Doch jetzt starten sie im Grunde erst durch – mit großem Engagement, frischen Ideen und neuer Weinkarte.

Ulrich Klein

Die Weinkarte entstand in Zusammenarbeit mit dem Frankfurter Weinhändler Ulrich Klein, der mit Fingerspitzengefühl eine hervorragende Kollektion zusammengestellt hat. Mit dem wunderbar trockenen Sparkling Wine von Terras de Asorei , einem Albariño Brut Nature aus dem Gebiet Rías Baixas, findet man einen Allrounder, der zu fast jedem Gericht passt – und zum Sommerwetter. Der Albariño „Sobre Lias“ von der gleichen Bodega bringt Freude pur ins Glas. Er ist duftig, dicht, cremig, saftig und zitrusfrisch, mediterrane Kräuter und atlantische Salzigkeit machen ihn unwiderstehlich. Ein großartiger Wein zum sympathischen Preis. Aus der autochthonen Rebsorte Godello entstehen einige der besten Weine Spaniens. Von Rafael Palacios kommt ein Godello der Extraklasse, doch im La Trinca achtet man auch auf ein besonders ausgewogenes Preis/Geschmacksverhältnis und bietet einen sehr guten, frischen und an knackige Äpfel und Birnen erinnernden Godello der Bodegas Estefania aus Bierzo an, der bezahlbar bleibt. Ähnliches gilt für den seltenen Tempranillo Blanco Ad Libitum von Juan Carlos Sancha, einem Bio-Winzer und Professor der Weinuniversität Rioja. Dieser sehr trockene, leicht salzige, geschmeidige und diskret cremige Stoff ist ein Must-have und bietet in seiner Preisklasse viel Wein fürs Geld.

Jamón Cebo Campo 50% Ibérico

Tomaten-Carpaccio
Vitello Ximenez

Eladio Piñeiro, ein im besten Sinne eigensinniger biodynamischer Winzer, fällt bereits durch ungewöhnliche Flaschen und künstlerische Etiketten positiv auf, vor allem aber begeistert er mit charaktervollen, individuellen und limitierten Weinen von herausragender Qualität. Sein Albariño Envidia Cochina (Tête de Cuvée) 2024 aus der Region Rias Baixas ist derart subtil, tiefgründig und feinaromatisch, dass man so lange in schierer Lust nachschmecken muss, bis die Flasche leer ist. Solche Weine findet man in Deutschland nicht, schon gar nicht in der Gastronomie, aber auch höchst selten in Spanien selbst. Gerade diese Entdeckungen zeichnen das La Trinca by Cedric aus, weil das Restaurant die Gäste auf unbekanntes Terrain aufmerksam machen möchte, beim Essen und auch beim Trinken.

Mais

Servicemitarbeiter Sotirius

Mandeltörtchen

Churros

Deutschland trinkt Rotweine immer viel zu warm, dabei gibt es sogar Rotweine, die leicht gekühlt besonders gut schmecken. Der Serras del Priorat Tinto 2023 von der Bodega Clos Figueres ist ein großartiger und moderner Vertreter dieser Region. Seine reifen Fruchtaromen, die süßen Gewürze und die sanften Tannine geben gute Voraussetzungen für ein Temperierung, die zum Sommer passt. So flink flitzt selten ein Rotwein über die Zunge. Die neue Weinkarte setzt voll auf Spanien, was angesichts des ungewöhnlichen guten Angebots und der fairen Preise allzu verständlich ist. Die Weine im offenen Ausschank kosten zwischen 7 und 11 € (0,2l), wie schön, dass es auch Offerten im Format 0,5l gibt.

Der Service ist dem ganzen Auftritt und der Atmosphäre des Restaurants entsprechend freundlich, locker und gastorientiert. Das Lokal startet nicht allein mit einer überarbeiteten Karte und einem besseren Weinangebot, sondern auch mit einem stärkeren Selbstbewusstsein. La Trinca by Cedric könnte so auch in Madrid oder Barcelona stehen, aber wir sind froh, dass es Frankfurt kulinarisch bereichert.

 

La Trinca by Cedric, Frankfurt, Schweizer Straße 14,

T 0160 909 76971.

www.latrinca.net

Fotos: Barbara Fienhold

Das Küchenteam: Lenny, Cedric, Mohammed (v.l.)

Baby-Calamares in Pastis-Orangensud

 

 

 

 

 

 




Monument und Methusalem: 85 Jahre Eckart Witzigmann

Im Münchner Tantris gibt es

ein Menü mit einigen

seiner Klassiker

 

Eckart Witzigmann ist nicht nur ein kulinarisches Monument, sondern auch ein Methusalem: Am 4. Juli wurde er 85 Jahre alt. Im Münchner Tantris, wo seine Karriere begann, gibt es ein Menü, das er gemeinsam mit dem jetzigen Executive Chef Benjamin Chmura entwickelt hat. Grundlage sind seine Kochbücher und Rezepte, jeden Gang hat Witzigmann selbst ausgewählt. Der Menüreigen soll mittags und abends (auf Vorbestellung) bis Ende September gehen, der Altmeister wird nicht anwesend sein, er genießt sein Leben am Tegernsee.

Franz Keller, Eckart Witzigmann und das ehemalige Tantris Besitzer-Paar Eichbauer (v.l.)

Es wird unter anderem Salat von bretonischem Hummer mit Artischocken und Bohnen geben. Der Hummer steht besonders für Witzigmanns Tantris-Jahre, wo es noch ein Hummerbecken an der damals offenen Küche gab. Rotbarbe, gefüllt mit einem Tatar von Kalmaren, war für Witzigmann auch schon immer ein Star in seiner Küche. Ein weiterer Klassiker sind die Rehnüsschen „Belle Alliance”:Rehnüsschen vom Maibock, über Holzkohle geräuchert, dazu ein Selleriepüree, eingelegte Kirschen und Kartoffel-Crêpes.

Am 2. Dezember 1971 stand Eckart Witzigmann als erster Küchenchef am Herd des neu eröffneten Tantris. Was folgte, ist Geschichte: 1973 der erste, 1974 der zweite Michelin-Stern – das Tantris wurde damit zum ersten Zwei-Sterne-Restaurant Deutschlands. Dort entstand 1976 auch sein berühmtestes Gericht, das Kalbsbries „Rumohr” mit schwarzen Trüffeln, Gänsestopfleber. Beim Witzigmann Revival im Tantris DNA steht es nicht auf der Speisekarte.

Witzigmanns Produktbesessenheit war legendär. Im Tantris hielt er eigene Becken für Hummer und Süßwasserfische, ließ Ware aus Paris einfliegen und machte den Münchner Viktualienmarkt zur Bühne seiner Suche nach dem Besten. Später, in seinem eigenen Restaurant Aubergine, wurde er als erster Koch Deutschlands mit drei Sternen ausgezeichnet.

1994 kürte ihn der Gault & Millau zum „Koch des Jahrhunderts“, eine Auszeichnung, die bis heute nur drei weiteren und ausnahmslos französischen Köchen weltweit zuteilwurde: Paul Bocuse, Joël Robuchon und Frédy Girardet.

Benjamin Chmura (l.), Eckart Witzigmann

Witzigmann-Menüs im Restaurant Tantris DNA

Es gibt unter dem gleichen Dach das Restaurant Tantris (2 Sterne) sowie das Tantris DNA (1 Stern)

Menü à la Witzigmann im Tantris DNA 220 € pro Person, 5-Gang-Menü, mittags und abends – nur auf Vorbestellung. www.tantris.de

Photocredit: Tantris




Die Zukunft der Gastronomie steht nicht in den Sternen

Wie realistisch ist der Gourmet Guide Michelin?

 

Michelin-Restaurants muss man sich leisten können. Das gilt nicht nur für die Gäste, sondern auch für die Gastronomen selbst. Michelin-Sterne schützen nicht vor wirtschaftlichem Verlust, eher im Gegenteil, weil man auf allen Ebenen, vor allem beim Wareneinsatz und den Personalkosten, viel hochpreisiger arbeiten muss. Das 3-Sterne-Restaurant Aqua von Sven Elverfeld in Wolfsburg schloss Ende März und wird nicht mehr als hochpreisiges Spitzenrestaurant betrieben. Der Eigentümer des Hotels Ritz-Carlton, in dem das Aqua ein Anziehungspunkt war, ist VW. Der Volkswagenkonzern ist in eine wirtschaftliche Schieflage geraten und kann sich ein teures Sterne-Restaurant offenbar nicht mehr leisten.

Anfang des Jahres verabschiedet sich auch das mit einem Stern dekorierte Restaurant Esszimmer in Marburg, weil man nicht ausreichend Gäste für diese Küche begeistern konnte. Man kann die Liste verlängern, was aber in München gerade geschieht, lässt aufhorchen, gleich drei der wichtigsten Spitzenmitarbeiter  haben das Restaurant Tantris in kurzer Zeit verlassen: Matthias Hahn, der kreative Kopf von Tantris Maison Culinaire, Restaurantleiter Maximilian Sirek-Paul und Sommelière Ilka Seitner.

Das Tantris war viele Jahre eine der tragenden Säulen des deutschen Küchenwunders. Jahrhundertkoch Eckart Witzigmann machte Anfang der 70er Jahre aus dem Restaurant ein Mekka für Gourmets. Anfang der 80er Jahre konnte es sich durch Heinz Winkler mit drei Sternen zieren (Eckart Witzigmann erhielt diese Auszeichnung zuvor in seiner Aubergine).

Heinz Winkler und Hans Haas hatten ebenfalls immer ihr Publikum, bei Hans Haas war es schon eine Fangemeinde. 2020 verabschiedete sich Haas aus dem Tantris, seitdem hat es trotz seiner zwei Michelin-Sternen an Glanz verloren. Samstagsmittags war das Tantris Treffpunkt der Feintrinker, es wurden in wenigen Stunden mehr hochpreisige Flaschen verpichelt als andernorts im ganzen Jahr. Inzwischen plätschern die Samstage so dahin.

Die vielen Michelin-Sterne im Gourmet-Guide entsprechen nicht den wahren Verhältnissen. Die gehäufte Sternevergabe gehört zur Politik und zum Marketing des Michelin. So sorgen die Sterne für Interesse und Aufmerksamkeit und generieren Schlagzeilen und Leser. Der Michelin unterstützt und fördert mit der auffällig überproportionalen Sternevergabe vor allem seine eigene Existenz. Der Glanz der Sterne aber ist trügerisch, sie verdunkeln eher als dass sie erhellen.

Ludwig Fienhold  

 

Photocredit: Michelin




Fantasievolles für Puristen: Das Restaurant Rausch in Frankfurt

Walk the Line:

Jochim Busch

bleibt auf klarer Linie

 

Von Ludwig Fienhold

 

Wer so umwerfend gute Laugenbuchteln zubereitet, zeigt auch dadurch, wie ambitioniert er ist. Uns würde das flauschige, saftige und buttrige Stück mit einem Glas Wein bereits genügen, um glücklich zu werden. Jochim Busch, der im ehemaligen Gustav an gleicher Stelle mit zwei Michelin-Sternen glänzen konnte, tritt auch in seinem neuen Restaurant Rausch wieder so an, als wolle er in der deutschen Spitzengastronomie erneut ganz oben mitspielen. Nach gut 100 Tagen zieht er eine positive Bilanz und zeigt sich mit der Gästenachfrage zufrieden. Busch führt das Restaurant im Frankfurter Westend gemeinsam mit seinem Kompagnon Philipp Günther.

Das junge Duo hat viel Geld in das Restaurant gesteckt, nach eigenem Bekunden ganz ohne Investor oder Sponsoren. Es wurde nicht gespart, um ein durchgestyltes Restaurant mit hoher Tischkultur zu inszenieren. Die schönen Holztische kommen ohne Tischdecken aus, es wäre auch schade, sie zu verstecken. Licht und Raum finden angenehm zusammen, die Lichtspots sind auf die Teller ausgerichtet, während es ringsum leicht dunkel bleibt. Das champagnerfarbene Geschirr wurde eigens für das Rausch entworfen – handgemacht, clean und klar, wie so vieles im Restaurant. Das chirurgisch anmutende Besteck ist formschön und von angenehmer Haptik. Wenn Gäste das leichte Besteck auf den Teller fallen ließen, so Busch freundlich lächelnd, richte es keine Schäden am Tellerrand an. Solches Scheppern lässt sich schadensfrei überstehen, doch die Akustik im Lokal selbst ist noch nicht optimal und sorgt für Misstöne.

Jochim Busch

Das Rausch ist ein schlankes, nur dezent akzentuiertes Restaurant, ziemlich straight und puristisch wie die Küche selbst. Die 12 Tische ziehen sich von der offenen Küche bis zum letzten Fensterplatz, derzeit werden maximal 9 besetzt. Neben Jochim Busch arbeiten noch weitere 3 Mitarbeiter in der Küche, im Service sind insgesamt 3 Mitarbeiter im Einsatz. Bislang eine reine Männerwirtschaft. Die Küche ist größer als zuvor, dort gibt es eine Sitzecke für jene, die ihrem Aperitif am Genius loci nehmen möchten.

Saibling

Selbstredend wird in einem Restaurant mit dem Namen Rausch massiv Wein eingesetzt, die Karte weist 500 Positionen auf. Ein Separee mit begehbarem Weinklimaschrank und kultivierte Weingläser unterstreichen die Wertschätzung zu diesem Thema. Die Weinkarte strotzt vor Raritäten, seltenen Jahrgängen und großen Namen. Deutschland und Burgund werden favorisiert, man findet aber auch Gutes aus der sonst in der deutschen Gastronomie ignorierten Schweiz. Bei Spanien stößt man auf mehrere bemerkenswerte Flaschen, unter anderem vom Wein-Duo 4 Kilos aus Mallorca, der mit 75 € zu den preiswerteren Angeboten zählt.

Laugenbuchteln

Ein charakteristisches Gericht für Jochim Busch und seine klarlinige und präzise Küche ist der kurz gebeizte und sanft gegarte Ikejime Saibling mit karamellisiertem Meerrettichrahm marinierten Saiblingskaviar und Sellerievinaigrette. Tiefenschärfe bis ins letzte Detail, große sensorische Harmonie. Um die Qualität eines Fischs optimal zu halten und die Fleischstruktur nicht zu beschädigen, greift man in Japan seit uralten Zeiten zur Ikejime-Technik. Mit der Benutzung eines Edelstahldrahts sollen beim Schlachten Stress und Schmerzen vermieden werden, was für den Fisch Vorteile hat, aber auch den Geschmack fördert.

Kräuterseitling

Gedämpfter Kräuterseitling mit Spinat, Verjus, Bergkäse und Ysop gerät viel aufregender als es sich liest. Die Pilzaromatik ist ungemein intensiv und doch von sublimer Schönheit. Der süffig-feine Verjus-Sud grundiert das Gericht auf lustvolle Art. Filigrane Handarbeit, an deren Ende der volle Geschmack steht – so kennen wir es auch aus dem früheren Restaurant Gustav, das Jochim Busch zu Höhenflügen brachte.

Entrecôte und Färse

Ein Stück Entrecôte über Holzkohle gegrillt, dazu geschmorte Schulter von der Bayerischen Färse. Einmal fest im Fleisch, einmal super zart, zusammengeführt von glanzvoller fermentierter Pfeffer-Jus. Kein kleiner Komparse, sondern fast schon der Hauptdarsteller wird bei diesem Gericht ein Kartoffelpüree à la Joël Robuchon, ein hinreißend cremiges buttriges Kartoffelpüree.

Bislang gibt es im Rausch leider nur Menüs (175 € für 5 Gänge, mittags 3 Gänge zu 110 €). Es ist nachvollziehbar, dass man dadurch glaubt besser kalkulieren zu können, man muss aber auch die Gäste verstehen, die keine Lust auf ein vielgängiges Menü haben und gerne à la carte bestellen möchten. Das ist nicht nur eine Frage des Budgets, sondern auch der Kapazität des Magens. Außerdem kann es leicht sein, dass man bei fünf und mehr Gängen keine Lust auf einige der Gerichte hat und diese zwangsläufig und widerwillig mit verspeist. Das Restaurant zeigt Klasse, könnte sich aber auch für ein Angebot à la carte öffnen und damit noch mehr Gäste gewinnen.

 

Restaurant Rausch, Frankfurt, Reuterweg 57,

Tel. 069 66 81 77 01

Dienstag, Mittwoch, Donnerstag 18.30 -23.30 Uhr,

Freitag 12 – 14 Uhr, 19.00 – 23.30 Uhr

Samstag, Sonntag, Montag geschlossen

www.rauschrauschrausch.com

Das Menü (6 Gänge) wurde bei der Verkostung der Weine vom Weingut Heitlinger aus dem Kraichgau serviert. Dazu gab es auch die famosen Laugenbuchteln

Fotos: Barbara Fienhold

 

Busch (l.) und Günther

 




Winzerhof Stahl: Weingut mit Sterneküche

Dinner mit Wohlfühlcharakter

 

Christian Stahl ist Topwinzer und Sternekoch, eine Konstellation, die in Deutschland einzigartig ist. Sein Restaurant liegt abseits touristischer Trampelpfade im fränkischen Auernhofen und ist von einnehmendem Charakter – so wie die Küche und die Weine, die Atmosphäre und das Ambiente. Und der kochende Winzer selbst. Der Winzerhof Stahl gehört zu den interessantesten Adressen in Deutschland, allein schon, weil das ganze Leistungspaket stimmt, was Seltenheitswert hat.

Die offene Küche war früher auch die Küche der Mutter. Einen kleinen Tisch gibt es dort, der das schöne Gefühl vermittelt wie früher bei der Familie zu Gast zu sein. Mothers Finest findet man in der unbekümmerten Herzlichkeit des Lokals und bei delikaten Details, wie dem wundervollen hausgebackenem Sauerteigbrot mit brauner Butter. Allein damit und einem der guten Weine von Stahl wäre ein schöner Abend mit Wohlgefühl gesichert.

Über allem liegt ein Wohlbehagen mit starken kulinarischen Vibes. Die Starter, die zum Glück recht lange kommen, zeigen eine kleine Welt der großen Gefühle: Croustillant aus Rind und Gans; Krustentier und Kartoffelcrustillon; Blumenkohl, Obst, Rauchmandel; Forellen-Tatar, Kohlrabischeibchen, Kaviar und Salzzitrone im Kohlrabisud sowie Röstbrot. Hinter den Begriffen „Zwiebelkuchen und Speck“ steckt eine besonders köstliche Variante des Flammenkuchens mit Lardo im Kleinformat, die durch Schafgarbe und fränkischem Brotgewürz aus Fenchel, Muskat, Sternanis, Kreuzkümmel und Koriander eine pikante Pointe erlebt. Oft genügt es, Klassisches etwas moderner und leichter zu gestalten, was im Restaurant vom Winzerhof Stahl auch bei Matjes, Apfelessig, Dill und Vollkornbrot gelingt.

Sämtliche Gerichte werden feinsinnig präsentiert, jede Erbse scheint an ihrem Platz. Nicht nur, weil es dem Auge gefallen soll, alles hinter dieser filigranen Arbeit gibt auch geschmacklich einen Sinn. So, wie beim konfierten und kunstvoll modellierten Skrei mit Champignon, Gurke, Ei und Krabbe. Bei den cremigen Oeufs Cocotte mit feinwürziger Saint-Marcellinkäse-Sauce überrascht der fränkische Trüffel. Dieser kommt vom Trüffelpark der Familie Jungbluth, die das ungewöhnliche Naturprojekt vor acht Jahren in Giebelstadt gründete. Der Trüffel hat einen überraschend guten Geschmack und macht auch auf den Trüffelpark neugierig.

Wie schön, mal wieder Kalbsbries zu erleben, hier mit Chicorée in einem famosen Sud aus Orange und Orangenzeste. Bei Lamm und Lamm mit Salzjoghurt, Minze und mediterranem Mönchsbart on top mit Kürbisschaum wird das Menü mit bedächtiger Kraft geerdet. Der syrische Mokka (mit Baklava und Madeleines) am Ende des fabelhaften Reigens schmeckt gut und gibt einen angenehm leichten Koffeinkick – einer der Köche hat syrische Wurzeln.

Kalbsbries

Im Restaurant vom Winzerhof Stahl wird das Essen auf die Weine abgestimmt und nicht wie meist umgekehrt. Der spitzfindige Müller-Thurgau der Lage Hasennest findet mit seinem Zitrusaroma und der zarten Würze bei Forellentatar mit Salzzitrone einen stimmigen Partner, während sich der ausdrucksvolle Silvaner aus der Steillage Pfülben auch mit den fränkischen Trüffeln anfreundet. Ein so kultivierter, saftiger und schlanker Chardonnay wie der „Sonnenstuhl“, würde mit seiner inspirierenden Art auch Fleischgerichte begleiten können, nimmt hier aber Morchel und Steinpilze in den Arm. Bei unserem Menü kamen sechs verschiedene Weine und ein Blanc de Noirs Brut Sekt auf den Tisch (siehe dazu auch den Wein-Artikel von Biss vom Winzerhof Stahl).

Küche und Service arbeiten Hand in Hand, beide sind immer am Gast und servieren die Gerichte. Das schafft eine intime familiäre Atmosphäre, wie sie bei einem formellen Fine Dining sonst kaum zu erleben ist. Essen muss nicht allein gut sein, es muss auch Spaß machen. Der Winzerhof Stahl und sein Restaurant erschaffen etwas, was in der Gastronomie inzwischen viel zu selten zu erleben ist: Essen mit Wohlfühlcharakter.

Ludwig Fienhold

Winzerhof Stahl, Auernhofen-Simmershofen, Lange Dorfstr. 21.

Tel. 09848 96896.

www.winzerhof-stahl.de

 

Sterne-Menü mit 9 Gängen mit Weinbegleitung, Wasser, Café, Digestif 239 p.P. Mittwoch bis Samstag ab 18 Uhr. Samstagmittag 12 Uhr.

4 Gänge Casual Menü aus der Hochzeitsküche ohne Sterne, aber mit Niveau, inkl. Wein und Wasser 125 € p.P.

Nur freitags und samstags ab 18 Uhr.

Alles nur mit Reservierung.

Der Winzerhof bietet auch einige Zimmer zur Übernachtung an.

Fotos: Barbara Fienhold

Siehe dazu auch Biss-Artikel „Sommerfrische im Glas“

 

 




Kann man da auch essen oder ist es nur Kunst?

Wo einst die Bethmann Bank residierte,

haust jetzt das Künstlerkollektiv

Massif Central

 

Eine kunterbunte Transformation

in der Bankenstadt Frankfurt

 

Von Ludwig Fienhold

Zugegeben, die Bethmann Bank war uns lieb und teuer. Wir konnten dort einige schöne Feste mit guten Weinen, feinen Häppchen und sympathischen Gesprächen erleben. Wir konnten dort Bankiers treffen als sie noch so und nicht Bänker hießen. Und wir kamen bei einem kleinen Lunch mit einem Bankier zusammen, der selbst ein Croissant so geräuschfrei essen konnte, als ob es dafür Zinsen gäbe. Inzwischen sieht es bei der ehemaligen Bethmann Bank aus, als hätten Kapitalismuskritiker und andere alternative Piraten das Gebäude besetzt. Aber man sollte ruhig einmal eintreten und sich überraschen lassen.

Aus der einst stattlichen Bethmann Bank, aus der auch sehr gut ein Boutique Hotel hätte werden können, wurde eine Villa Kunterbunt. Dieser Transformation hat angeblich nur stattfinden können, weil die Bausubstanz einer Bank nicht mehr würdig genug gewesen sein soll. Kaum zu glauben. Jedenfalls zog das Künstlerkollektiv Massif Central im Juni 2023 ein und machte daraus ein Kreativlabor mit vielen Events und einer Art Volkskantine. Neben einer karibischen BBQ-Hütte und einer Getränkebude im Innenhof, wo gelegentlich sogar Champagner zum Einsatz kommt, existiert ein großer Speisesaal mit unterschiedlichen Bewirtungskonzepten. Uns interessiert vor allem der Freitag, an dem es „Omas Lieblinge“ gibt. Beispielsweise eine Frikadelle mit Wirsing. Gut, wie von Oma. Die Oma heißt aber Dimi und ist für die ganze Gastronomie verantwortlich. Es geht deftig zu, selbst vegetarisch ist immer herzhaft. Vor allem der Wirsing erinnert uns an gute alte Zeiten. Serviettenknödel mit Waldpilzrahm oder Hühnerfrikassee und andere Evergreens aus fast vergessenen Jahren erleben im Massif Central eine Wiederbelebung, „Oma“ ist jedenfalls ein schönes kulinarisches Thema.

Die bunte Schar der jungen Mitarbeiter jeglicher Couleur und jeglichen Geschlechts deckt sich mit dem Publikum, das man an dieser Stelle getrost mit dem abgedroschenen Begriff als gemischt zusammenfassen kann. Es passiert ungemein viel an diesem Ort mit Wundertütencharme, man kann sich die einzelnen Events und die Öffnungszeiten kaum merken und sollte immer auf die Webseite gehen, um sich zu informieren.

Der Innenhof ist gerade bei sommerlichen Temperaturen Treffpunkt für alle, die dem rastlosen und meist nervigen Treiben in der Frankfurter Innenstadt entkommen möchten. Massif Central ist lebendig, aber selten nervig. An der BBQ-Hütte kann man sich Ribs mit Coleslaw, Octopus, Grillgemüse, sehr gute Bratwurst vom fränkischen Bio-Hof May, Zitronenhühnchen oder Thunfischsteak mit orientalischem Couscous abholen, je nach der wechselnden Themenwahl. Beim Greek Special von Dimi fehlt auch Gyros nicht. Griechische Weine findet man nicht, wäre aber mal eine Idee. Die Weine wechseln nach einem kryptischen System, man freut sich aber bereits, wenn Qualitäten vom Winzerhof Stahl aus Franken zu finden sind. Warum aber nicht auch Weine, die zum Namen Massif Central passen, also beispielsweise solche von den Weinbergen am Fuße der Vulkanhänge des französischen Massif Central, der Côtes d´Auvergne.

Massif Central im Bethmannhof, Frankfurt, Bethmannstraße 7-9.

Tel. 0049 160 1413865

www.massifcentral.rocks/de

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Die leerstehende Bethmann Bank

 Fotos: Biss Magazin Frankfurt